Auch die Weltwirtschaftskrise hat gewiss ihr Gutes, raunen Onkel aller Art; am liebsten möchte man schmallippig mit einer Variation des Diktums einer berühmten Tante antworten: Gott möge einen hüten vor allem, was auch sein Gutes hat.
Und was soll sie Gutes haben? Dass sich die „Tüchtigen“ durchsetzen? Aber was, das tun sie doch immer. Die Gesellschaft werde in der Krise kooperativer, sagen manche, doch davon ist nicht viel zu sehen: Armut macht die Menschen nicht besser, nein, Armut stinkt und macht brutal. Not kennt kein Gebot. Die inneren Werte blühen nicht, wenn die äußeren knapp werden. Auch das Loblied der Faulheit singt sich leichter, wenn man ein Sparbüchlein in der Lade und ein Häuschen auf dem Lande hat, als wenn man nicht weiß, wie man die nächste Miete zahlen soll.
Nicht abzuweisen dagegen ist die These, dass die bedrohte Natur in der Krise aufatme. Tatsächlich: Wenn aufgrund sinkender Realeinkommen weniger Autos produziert und gefahren, weniger Flugzeuge gebaut und geflogen werden, weniger Abfall produziert wird, ist das ein substanziellerer Beitrag zum Klimaschutz als alle Kyoto-Protokolle. Dass die Warnungen vor dem Treibhaus weniger Platz in den Medien einnehmen als noch vor einem Jahr, liegt ja schlicht daran, dass wir nicht darauf eingerichtet sind, mehrere Katastrophenszenarien auf einmal im Kopf zu haben. Die Rhetorik der Apokalypse ist ohnehin in beiden Fällen gleich: Es werde noch schlimmer kommen als befürchtet, liest man wieder und wieder und stumpft zusehends ab.
Aber wenn alle Trübes prophezeien, will ich mich auch als Unke versuchen: Die bedenklichste Langzeitauswirkung dieser Krise wird sein, dass die nächste Runde des globalen Monopoly-Spiels mit einer deutlich ungleicheren Verteilung von Grund und Boden beginnt. Denn die Immobilienpreise sinken vielleicht da und dort, wo die Spekulation zu irrwitzig war, aber tendenziell werden alle vernünftigen Reichen – und es gibt, man verzeihe die Incorrectness, unter den Reichen relativ viele Vernünftige, was einer der Gründe dafür ist, dass sie reich sind – in den nächsten Jahren ihr Geld in Immobilien anlegen. Auch in Äcker auf der ganzen Erde: Spätestens in der nächsten Nahrungsmittelknappheit kann das Gewinn bringen. (...)
Thomas Kramar: Wo ist denn das Gute an der Krise? Die Presse 26.03.2009
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