"Ein Spätherbsttag auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise. Mildes Licht, der Wind treibt die Blätter über die Wege. Hier sind zu jeder Jahreszeit Touristen unterwegs, um Rossini, Balzac oder Sarah Bernhardt, Edith Piaf oder Jim Morrison ihre Aufwartung zu machen. Unter den Lebenden herrscht aber nie so ein Gedränge wie unter den Toten. Ich lenke meine Schritte diesmal zu Marcel Proust. Dabei fällt mir etwas auf: Die Katzen sind verschwunden! Sie, die sich sonst so anmutig auf den Gräbern räkeln, sind nirgendwo zu sehen. Ist es ihnen einfach zu kalt geworden, oder hat man sie vertrieben? Ich weiss es nicht, und die Rabenkrähen, die einherstelzen wie Lateinlehrer auf Studienreise, können mir auch nicht weiterhelfen. Prousts Grab liegt weit oben, im Planquadrat Nr. 85. Eine schwarze Marmorplatte, auf der nichts steht als «Marcel Proust 1871–1922». Frische Blumen künden von ehrerbietigem Besuch, auch ein paar Kastanien liegen da, und eine Frau hat sich von ihrem seidenen Haarband getrennt. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich seitlich auf dem Stein weitere Namen: Auch Prousts Eltern sowie sein Bruder mit Frau sind hier begraben, und es berührt mich seltsam, dass er, der Solitär, nicht mehr allein ist. Weiter führt mein Weg zu Oscar Wilde. Sein Grab ist monumental und hässlich, ein steinerner Jugendstil-Engel verziert es, und es ist über und über bedeckt mit roten Kussmündern sowie Kritzeleien vornehmlich italienischer Provenienz. Kein Ort zum Verweilen. Da suche ich lieber das Urnengrab von Maria Callas. Es trägt die Nr. 16 258 und liegt leider nicht im überirdischen, Wind und Sonne zugewandten Teil des weitläufigen Columbariums, sondern tief in seinen Katakomben, die mir vorkommen wie Schliessfächer Gottes. Eine künstliche rosarote Rose ziert die Höhlung, und auf der Tafel steht, wer sie hat anbringen lassen. Mächtig interessant! Eines fällt auf an den vielen Künstlergräbern: Meist sagen die Tafeln nur, wer dort liegt. Die Namen klingen, mehr braucht es nicht. Wie anders verhält sich das bei den Stützen der Gesellschaft: Da ruht etwa ein Jean Julien Sacaley, «sous-chef du cabinet de l'empereur Napoléon III». Wie traurig, denke ich, nur Souschef, und erst noch von einem schlechten Kaiser! Es war freilich eine Zeit der Titel. Der Architekt Alexandre-Théodore Brongniart, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Friedhof Père-Lachaise anlegte und selbst hier begraben liegt, war sogar «Inspecteur général en chef de la Deuxième section des travaux publics du Département de la Seine et de la Ville de Paris». Sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt." Manfred Papst: Gloria Mundi (NZZ, 5. November 2007)
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