Yvonne suchte Leslies Blick, doch die senkte die Augen und faltete Papierservietten zu Kampfhubschraubern. "Aber manchmal ist das Schicksal leichter zu ertragen, wenn man ihm Sinn gibt", versuchte es Yvonne noch einmal.
"Schicksal? Sinn? Diese Wörter hast du wohl auch von diesen Gegenaufklärern gelernt, die dir schillernd das Paradies versprechen, aber nichts als zynisch sind, weil sie so tun, als ob die Menschen, die leiden, selbst daran schuld seien. Dabei sind zu 90 Prozent die anderen schuld. Oder höchstens so Dinge wie Hurrikans." Zora war überzeugt, dass Esoteriker nichts anderes waren als verkleidete Herolde der Konterrevolution.
Leslie erzählte, dass sie gehört hatte, dass wegen all der Esoterik die meisten Krebskranken mittlerweile glaubten, es hätte irgendeinen Grund, dass sie Krebs bekommen hatten, und sich dafür schämten. "Es ist viel leichter, an eine übergeordnete Bedeutung zu glauben als an den Zufall", sagte sie. "Aber so zu tun, als hätten sie das Unheil gesucht, ist doppelt gemein gegenüber jenen, die Pech haben."
Leslie steckte Yvonne die Kampfhubschrauber ins Dekolletee. "Wir können nicht wissen, ob etwas einen tieferen Sinn hat. Aber wenn wir an ihn glauben, dann stellt das unsere Vernunft infrage." Yvonne ließ den Hubschrauber kreisen. "Und Missis Lebensfreude, das lassen wir nicht zu. Denn vernünftig sein, hat uns immer sehr befriedigt."
Adelheid Wölf: Pech nicht leugnen, in Der Standard 05.09.2008
Natürlich ist das eine freundliche Satire, aber der Hintergrund ist durchaus ernst. Seit die esoterische Ideologie, jeder sei in seinem Leben für alles selbst verantwortlich und jede Krankheit habe einen bestimmten Sinn, in immer breitere Bevölkerungskreise durchgedrungen ist, gewinnt die Frage nach den tieferen Ursachen (vielleicht in der Familie, vielleicht in früheren Leben?) neue Verbreitung - und damit eine spirituelle Potenzierung der Ängste und Gedanken, die Krankheiten ohnehin auslösen.
Jesus hatte auf eine solche Frage übrigens wie üblich eine einfache Antwort (vgl. Joh. 9,2f.) ...
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