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Freitag, 19. Juni 2009

Fast ein Gesicht mit dämonischem Grinsen

Die Bahn kommt... und bringt mich immer weiter weg von dir.
Was mach ich hier? Die Notbremse flüstert:
"Zieh mich doch und fahr zurück zu ihr! Was machst du hier?"
(Die Bahn kommt) und ich fahr immer weiter weg von dir...

Wise Guys

Samstag, 5. Juli 2008

Ende der Ringlinien

Sensationelle Nachrichten von den Wiener Linien: Ab Herbst sollen die drei noch mit Buchstaben (statt Zahlen) bezeichneten Straßenbahnlinien D, J (gesprochen: Je) und N verschwinden, durch neue Linien (mit neuen Zahlen) mit anderer Linienführung ersetzt werden. Vor allem aber, man höre und staune, sollen die beiden Ringlinien 1 und 2 (die, jeweils in einer Richtung) Wiens Prachtstraße umrunden, als Ringlinien aufgegeben werden. Sie werden dann in äußere Bezirke verlängert und befahren den Ring nur noch partiell. Das ist verkehrstechnisch zwar nicht unsinnig, bedeutet aber einen ungeheuren Traditionsabbruch. Alle Reiseführer müssen umgeschrieben werden. Das bewegt natürlich die Gemüter - und ruft auch die Kommentatoren auf den Plan:

Der Wiener jammert - aber im Zweifel soll alles bleiben, wie es ist


Oft geht es gar nicht darum, ob Neues sinnvoll ist. Schließlich lebt der Mensch in Gewohnheiten - und wenn die sich ändern, stimmt das Gefüge der Welt nicht mehr. Gerade zu Hause schätzt man das wenig.

Der Wiener, sagen Studien über das "Wiener Wesen", definiert seine Stadt über deren "Öffis". Besonders über die Straßenbahn. Wer da etwas ändern will, hat es schwer: Der Wiener jammert - aber im Zweifel soll alles bleiben, wie es ist. Weil man es gewohnt ist: eine Argumentation in Ringform.

Deshalb spielt es genau gar keine Rolle, aus welchem Grund die Ringlinien nicht weiter im Kreis fahren sollen: Wien ist Walzer. Der führt im Kreis herum. Es gibt keinen Anfang und kein Ende - und alles kommt wieder. Darum passt der Ring zu Wien. Und die Ring-Bim ins Bild. Seit der Monarchie, von der Wiens Tourismus ja bis heute lebt.

Darum ist es müßig, zu erwähnen, dass kein Wiener die Tram zur Umrundung des Ringes nutzte (wozu auch?): Die Maßnahme, erkannte einer der über 300 Poster auf derStandard.at, habe nur einen Sinn: Touristen abzuzocken. Die "Prachtbautenrunde" müssen Besucher nämlich in Zukunft mit Rundfahrtbussen machen. Für Stimmung bei den anderen Verkehrsteilnehmern ist dann wohl auch gesorgt, wenn die Busse im Schritttempo Fiaker überholen.

Den echten Tabubruch haben die Wiener aber noch gar nicht realisiert. Mit der Kreisführung verschwindet ein Wiener Unikum: die "Gewerkschaftspause". Die legten Ringlinienfahrer nach jeder Runde ein - und erklärten Neu- und Nichtwienern auf die Frage, warum denn nichts weitergehe, gerne: "Weil jeder Kreis Zeit braucht, sich zu schließen."

Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Juli 2008