Samstag, 17. Mai 2008

Krieg, Langeweile, Zynismus

Standard: Shakespeares "Troilus und Cressida" ist eines seiner zynischsten Stücke: Die Griechen liegen untätig vor Troja, die Liebe des Trojaner-Prinzen Troilus zu Cressida geht an der gehässigen Kriegskultur zuschanden. Die Ebene des Privaten kippt ins Politische hinüber. Ist es das, was Shakespeare sagt: Wir besitzen kein Hinterland mehr?

Perceval: Was mich an dem Stück während der Probenarbeit immer mehr fasziniert, und warum ich es regelrecht zu lieben beginne: Es herrscht eine Art von Langeweile. Der trojanische Krieg erschlafft und läuft aus. In der Ilias befinden wir uns im neunten Kriegsjahr, bei Shakespeare erst im siebenten. Er zeigt den Kriegszustand als "condition humaine"; nur braucht dieser Zustand einen Auslöser. Er besitzt keine Katharsis mehr. Niemand kann sich mehr an seinen Ursprung erinnern. Er bräuchte, zynisch gesagt, eine Atombombe. Es ist wie augenblicklich im Irak: Der Krieg dauert so und so viele Jahre, und keiner weiß, wie er beendet werden soll.

Standard: Man marschiert kerzengerade hinein, aber man besitzt kein Ausstiegsszenario?

Perceval: Nach einer Weile wird der Krieg zum Alltag, und die Langeweile beginnt zu dominieren. Am ersten Tag werden noch spektakuläre Bilder verbreitet; heutzutage bringt keiner mehr das geringste Interesse dafür auf. Ich glaube, dass wir nur von 60 Prozent aller Kriege auf der Welt überhaupt noch von den Medien informiert werden. Ein solcher Kriegszustand in Permanenz, und das zeigt Shakespeare so überaus prägnant, konfrontiert den Menschen mit seiner abgrundtiefen Langeweile: mit Leere und Aussichtslosigkeit. Lauter Leben ohne Leidenschaft, wobei man den Figuren beim Warten zusehen kann: Sie warten auf den Tod - also eigentlich auf Godot. Inmitten dieser Langeweile entsteht in ihnen eine unbändige Lust zu vernichten.

Standard: Die Gewaltdosierung muss erhöht werden?

Perceval: So, wie man Fußballstadien verwüstet oder Bushaltestellen zertrümmert. Das alles sind Vernichtungsakte aus Langeweile. Wo kein sinnvolles Lebensziel vor Augen steht, hat man ein zerstörtes Selbstbild. Daher zerstört man auch die Welt. Das ist eben das Zynische und Bittere: Dahinter steckt der alte Genius Shakespeare. Troilus ist eines seiner bittersten Stücke - und gerade deshalb eines seiner interessantesten.

Standard: Und wie setzt man in die Sphäre des Privaten über?

Perceval: Inmitten dieser Landschaft der Vernichtung entwickelt Shakespeare eine der schönsten Liebesgeschichten, die er je geschrieben hat. Meiner Meinung nach noch viel schöner als Romeo und Julia! Letztere besitzt ein gewisses Maß an Naivität. Während Cressida von vornherein sagt: Nein, fass mich nicht an - denn sobald ich von dir bezaubert bin, lieber Troilus, unterliege ich deiner Macht! Genau diese Geschlechterordnung von "Du Meister, ich Sklavin!" wird von ihr unterlaufen. Ein solches Machtgefüge basiert auf Kolonialismus; auf ihm gründet unsere ganze Weltordnung. Krieg hat nicht nur in der Langeweile seine Ursache, sondern darin, dass der eine über den oder die andere frei verfügen kann und sagt: Du bist minderwertig!

Standard: Sie meinen einen Antagonismus der Geschlechter?

Perceval: Ja. Wobei Shakespeare, brutal, wie er ist, zeigt: Die Frauen haben nicht die geringste Chance. Die wahrsagende Kassandra wird von der eigenen Familie weggesperrt. Hektors Frau, Andromache, wird nicht zugehört. Die Krieger-Männer leben den Machismo. Gezeigt wird eben nicht nur der trojanische Krieg, sondern, sehr viel moderner: Am Ende ist der Krieg zu Ende - aber Troilus ist am Leben geblieben! Der Krieg wird von solchen wie ihm fortgezeugt werden. Hass gebiert Hass. Das ist doch schön: Darin steckt Poesie. Shakespeare hatte doch auch seine Zeitgenossenschaft im Blick. Die Ilias? Wird von ihm umgeschrieben. Die Griechen sind Volltrottel - die Trojaner sind schwul und verweichlicht, entscheidungslos und werden von ihren Frauen angetrieben. Diese Clowns und Deppen werden nach und nach immer bösartiger. Sie greifen ein Mädchen wie Cressida an: Komm her, hast du schon einmal ein Küsschen gekriegt? Clowns, zur Armee versammelt, werden zu grausamen Monstern. Sie leben von der Lust, alles, was schön ist am Leben, genüsslich zu vernichten. So kompensiert man den Verlust von Heimat.

Aus dem Interview des „Standard“ (Druckausgabe vom 10.05.2008) mit dem flämischen Regisseur Luk Perceval anlässlich seiner Inszenierung von Shakespeares „Troilus und Cressida“ bei den Wiener Festwochen

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