Sonntag, 25. Mai 2008

Dokument der Ewigkeitssehnsucht - und der Liebe

"Eigentlich, das begreift man bald, ist Unseld gar nicht tot, sondern nur in einer anderen Welt. Und Berkéwicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Extremdunkelheit auf, um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken. Das klingt zum Beispiel so: 'Bevor das Sterben losging, rebellisch gegen alles Hier, das mir das ganze Da mit sich verstellte, gewiss, dass hinter allem Hier was steckt, was einzig Da ist, die Hauptsache, die nicht erfassbare, das Mysterion, wollte ich mit der großen Liebe lieben, bis der Spalt aufreißt, mit meiner Fieberseele wollt ich's, nicht mit meinen Körperteilchen.'

(...)

Berkéwicz schreibt vorgeblich gegen die Verdrängung des Todes an. Warum, so fragt sie durchaus zu Recht, macht man Sterbenden immer noch vor, es ginge ums Überleben, anstatt sie auf den Tod vorzubereiten? Doch auch sie akzeptiert den Tod nicht als unausweichliches Lebensende, sondern setzt ihre komplementäre Form der Verdrängung dagegen: Steht auf der Seite der Medizin der hektische Kampf um den Körper, um Herzschlag und Atmung, so kämpft sie um die Seele und die Fortdauer einer individuellen Form. Aus ihrer narzisstischen Perspektive ist der Tod nicht nur der Skandal des Lebens, sondern eine persönliche Kränkung. 'Überlebnis' ist ein Glaubensbekenntnis und das Dokument einer Ewigkeitssehnsucht, die sich in der Liebe manifestiert. Eine Liebe, die so groß ist wie die zwischen der Erzählerin und 'dem Mann', kann und darf nicht enden. Deshalb darf auch der Tod nicht das letzte Wort behalten.

Richtig peinlich wird dieser eher kindliche Glaube ans unvergängliche Ich im Moment des Sterbens: 'An einem Oktobertag setzt Fieber ein, im Schrank die Gläser fangen an zu klirren, es stürmt ums Haus, in meiner linken Hand geht eine Wunde auf.' Eine Wunde in der Hand? Als sie am Bett des Sterbenden saß, 'schraubten' sich seine Hand und ihre Hand immer wieder fest ineinander. Vermutlich ist es diese Stelle, die nun zu bluten beginnt. Die Erzählerin macht sich damit zur Stigmatisierten, zur Heiligen ihrer eigenen Kirche im Hause Unseld. Die schnöde Welt begreift nicht, was sie leidet, schon gar nicht all die zudringlichen Menschen, deren Hände sie auf der Beerdigung schütteln muss. So steht sie dann am Grab: 'Die Swatch tickte, die Hand tat weh, das Grab war sehr offen, zog.' Da wird vermutlich bald die Auferstehung folgen. 'Überlebnis' heißt das jetzt."

Jörg Magenau: Die Heilige der Intensivstation (Kritik des Romans "Überlebnis" von Ulla Berkéwicz in der TAZ vom 24.05.2008)

Das Buch mag literarisch nicht so hochwertig sein, aber soviel Hohn hat es wohl doch nicht verdient. Möglicherweise ist der Rezensent noch niemals einem wirklich liebenden oder einem wahrhaft schmerzlich trauernden Menschen begegnet - die sind ja auch selten anzutreffen in unserer Weltzeit.

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