Freitag, 20. November 2009

Nahe Apokalyptik

Endzeitliche Perspektiven liegen dem neuzeitlichen Menschen offensichtlich nahe. Die Zeit wird allenthalben als kurz erfahren. Allen Dingen kommt nur ein verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart zu. Es gibt ein Bewusstsein der Gefahr. Krisenzeiten waren häufig von euphorischen oder düsteren Zukunftserwartungen begleitet. Nicht als breite Strömung, aber in bestimmten säkularen und religiösen Milieus wird ein apokalyptischer Weltpessimismus gepflegt und gelebt. Amerikanische Wissenschaftler sprechen von "Kosmophobie", von Weltangst. Die Angst entzündet sich gleichermaßen an medialen und realen Phänomenen. Nahrung empfängt die düstere Weltbetrachtung von den Verwundungen der Welt und den inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie kann an Stimmungslagen, Zeitströmungen und Unsicherheiten anknüpfen. Das allgemeine Krisenbewusstsein der westlichen Welt, die grundsätzlichen Veränderungen der politischen Landschaft mit dem Einschnittsdatum 1989, der 11. September 2001, die militärischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und im Irak, die keineswegs überstandene Finanzkrise, der Klimawandel, … haben die Abgründe geschichtlicher Entwicklungen offen gelegt. Die Erfahrung des Bedrohtseins ist neu ins Bewusstsein gelangt. Apokalyptische Bilderwelten sind näher gerückt.

Reinhard Hempelmann, EZW-Newsletter 11/2009

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