(...) Man darf sich nichts vormachen: Zweifel an der Zukunft des Kinos sind so alt wie das Kino selbst. Es war 1912, als Walter Rathenau bei einer Umfrage sagte: „Die Kinos werden wie Leierkasten, Karussell, Menagerie, Schaubude, Phonograph bestehen, Glück und Abstieg erleben, neue Reizungen vorbereiten und in Afrika enden.“ Das ist einer der schönsten, traurigsten und sicher hellsichtigsten Sätze, die zu dem Thema geäußert wurden. Er bedenkt die Schaustellerherkunft und den Jahrmarktsaspekt des Kinos, er erahnt „neue Reizungen“, von denen Rathenau noch gar nichts wissen konnte, wie Ton- und Farbfilm, Scope und 3-D, und er weiß schon, dass die ganzen Gerätschaften als technologisches Gerümpel in der Dritten Welt ihrem Ende entgegendämmern werden, weil sie für die Anforderungen einer digitalen und drahtlosen Zukunft zu sperrig, zu analog sind.
Wie das im Einzelnen aussehen wird, ahnte Rathenau 1912 natürlich noch nicht, aber es ehrt ihn, dass er vor dem Abstieg ein Glück imaginierte, das in der Tat Generationen verzückt hat und an dessen Fortbestand sie selten so stark zweifeln mussten wie heute. Und was dieses Glück und die Berlinale angeht, so wäre man zum Beispiel gerne im Juni 1960 dabei gewesen, als Godards „Außer Atem“ im Wettbewerb lief - allein schon um zu denken, dass es tatsächlich die unmittelbare Gegenwart gewesen ist, durch die das amerikanische Mädchen mit dem „Herald Tribune“-Hemdchen über die Champs-Elysées lief.
Das Kino als Ort
Glück und Abstieg, warum schien das immer schon so eng verbunden, von Anfang an? Rathenau wusste ja nicht, dass sein Satz sich nur auf die Präsentationsform dieser Kunst beziehen würde, weil ihre Bilder sich irgendwann emanzipieren würden von dem, was Alfred Döblin 1909 als „mannshohes Leinwandviereck über einem Monstrum von Publikum“ bezeichnete, „welches dieses weiße Auge mit seinem stieren Blick zusammenbannt“. In der Tat brauchten die bewegten Bilder irgendwann dieses Monstrum nicht mehr so, wie Rathenau und Döblin das kannten. Die Masse ja, aber nicht zur selben Zeit im selben Raum. Ob das nun mit dem Aufkommen des Fernsehens begann und durch VHS, DVD und Download nur beflügelt wurde, ist eine müßige Frage, solange das Kino auch als Ort offenbar noch profitabel genug ist, um es in dieser Form weiter zu betreiben. Die Frage ist eher, inwiefern das Kino als Kunstform tatsächlich auf das Kino als Ort angewiesen ist - oder ob es nicht auf anderen Kanälen auch überleben und sich vielleicht sogar weiterentwickeln kann.(...)
Aus Michael Althen: Wie lange wird der Film das Kino noch brauchen?, FAZ 8.2.2010