„(…) Schließlich, auf diese Erkenntnis sind die Bertelsmänner besonders stolz, bezeichnet sich jeder fünfte Deutsche als »hochreligiös«. Nun ist zweifelhaft, ob man Lust hätte, mit jemandem, der sich freiwillig selbst als »hochreligiös« bezeichnet, ein Bier trinken zu gehen oder gar einen Gottesdienst zu besuchen. Aber immerhin: Die Zahlen dieser Studie eigneten sich ganz gut für eine kleine Offensive der Gläubigen. Seht her, ihr Anhänger der Säkularisierungsthese, ihr Atheisten und Anti-Papisten, wir werden gar nicht weniger, fürchtet Euch!
Diese Offensive wird es jedoch nicht geben. Denn die innigsten Anhänger der These, dass es mit dem Glauben in Deutschland bergab gehe, sitzen gar nicht bei der FDP, bei der Linkspartei oder bei antiklerikalen Wochenmagazinen, sondern in den Kirchen selbst. Wer nicht auf die offiziellen, dem rhetorischen Optimismus verpflichteten Verlautbarungen von kirchlicher Seite hört, wer direkt hineinhorcht ins Innenleben der beiden deutschen Kirchen, der wird auf einen Pessimismus treffen, der so tief sitzt, dass ihm mit Zahlen so wenig beizukommen ist wie mit guten Worten oder Gebeten.
Der Glaube in Deutschland, so denken diese Christen, befindet sich auf Talfahrt, quantitativ mit Blick auf die Mitglieder, die Geistlichen, die Kirchengebäude, die Kirchensteuereinnahmen und, und, und. Erst recht qualitativ, also mit Blick darauf, was denn da so alles geglaubt wird.
Wenn das Thema in Gesprächen diesen Punkt erreicht, dann kommt in den innerkirchlichen Kreisen so richtig herzhafte Untergangsstimmung auf. Denn, so geht die Klage, die meisten Leute, auch die Sonntags- und Karteichristen, haben doch überhaupt keine Ahnung mehr, woran sie eigentlich glauben. Pfingsten? Fronleichnam? Geheimnis des Glaubens? Keinen Schimmer haben die Leute, also die anderen Leute. Und wenn das Qualitative mit dem Quantitativen zusammengelegt wird, was bleibt dann noch übrig vom christlichen Abendland?
Wer wollte bestreiten, dass an diesen Fragen etwas dran ist. Aber was beweisen sie eigentlich? (…)“
Bernd Ulrich: Der Glaube wird frei, DIE ZEIT, 19.12.2007
In der Tat zeigt der "Religionsmonitor" einen sehr merkwürdigen, weiten Begriff von Religion. Wenn offenbar schon die Fragen nach dem Stellenwert von Familie und Beruf oder das schiere Interesse für bestimmte Fragen der Religion hier bedeutsam sind, stehen natürlich der die Familienehre verteidigende Patriarch, der Workaholic und der aggressive Religionskritiker schon in der Gefahr, als "religiös" eingestuft zu werden.
Eine GfK-Studie zum Glauben in Österreich kommt mit wenigen, anders formulierten Fragestellungen zu einem anderen Ergebnis (und das dürfte nicht an den Unterschieden zwischen Österreich und Deutschland liegen):
Der Vergleich mit den älteren Antworten zeigt hier einen deutlichen Trend, aber der betrifft bemerkenswerterweise auch die Esoterik."Esoterik und Astrologie dürften aber nicht wirklich ein Ersatz für die Religiosität sein. Denn deren Bedeutung hat sich in den - von den Umfragen erfassten - vergangenen zehn Jahren deutlich verringert. Nicht nur der Anteil derer, die in Esoterik und altem Wissen viel Wahres sehen, hat sich halbiert.
Auch der Anteil der Astrologie-Gläubigen hat sich in diesem Zeitraum mehr als halbiert. 1997 waren sich noch 37 Prozent sicher, dass die Astrologie zum Teil wissenschaftliche Wahrheiten enthält, 2007 nur mehr 15 Prozent." (orf.at)
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