Montag, 15. Dezember 2008

Gerecht ist das ganze Wirtschaftssystem nicht

Ein Sozialarbeiter bekommt in Österreich um die 1400 Euro brutto Einstiegsgehalt, ein Manager bei Hofer deutlich über 3500. Ist das gerecht?

Gerecht ist das gesamte Wirtschaftssystem nicht. Der Sozialarbeiter bekommt absolut zu wenig. Spitzenmanager werden heute belohnt, wenn sie möglichst schnell möglichst viel Gewinn aus dem Betrieb pressen. Und bei vielen Entlassungen bekommen sie auch noch zusätzliche Prämien. Jemand sollte langfristig im Sinne des Unternehmens handeln und nicht kurzfristig Geld für sich und seinesgleichen rausholen. Spitzenmanager sollen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie dem Unternehmen schaden. Das ist bisher nur bei Siemens passiert.

Sie sprechen in Diskussionen immer wieder davon, dass der Staat kapituliert. Heißt das, die Demokratie hat versagt?

Die so genannte soziale Marktwirtschaft hat versagt. Immer mehr Zauberlehrlinge griffen in ihre Trickkiste, bis sie ihre eigenen Tricks nicht mehr beherrscht haben. Bis ihnen das System entglitt. Und die Politiker waren ihre Handlanger. Die Gewinne wurden privatisiert, jetzt sollen die Verluste sozialisiert werden. Das ist jetzt die Aufgabe des Staates und der Staat ist überfordert.

Nicht die letzten Reserven hinblättern

Nehmen wir die USA als Beispiel: Barack Obama ist endlich einmal ein Hoffnungsträger. Aber: Würde jemand in dieser Situation eine private Erbschaft antreten müssen, er würde sie ablehnen. Die Chancen, dass er bei diesem Horror, den die Bush-Ära angerichtet hat, noch das Ruder herumreißen kann, sind sehr gering. Ich kann nur hoffen, dass er überlebt.

Ist es richtig, dass ein Staat der Autobranche Milliarden aus Steuergeldern zur Verfügung stellt?

Opel war ein Symbol grenzenloser Energieverschleuderung, als klar war, dass eine ökologische Krise ansteht. Der Staat ist nicht gefordert, künstlich am Leben zu erhalten, was nicht mehr in die Zeit passt. Hier sollte er nicht seine letzten Reserven hinblättern und damit ausbluten.

Ausbluten - das klingt schon sehr dramatisch.

Kurz vor dem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft erklärte unsere Regierung, der Staat steht für alle Ersparnisse gerade. Doch dieses Recht kann nie eingeklagt werden. Wenn alles weiter abrutscht, wird dieseRegierung ihr Versprechen nicht halten können. Sie wird zurücktreten müssen und eine Notregierung wird an ihre Stelle treten. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt, aber ich befürchte es.

Günter Wallraff im KURIER-Interview

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