Musste das sein? Keineswegs. Alles, was nötig wäre, um diesen chronischen PR-Missstand zu vermeiden, wäre eine brauchbare Theorie der winterlichen Verspätung. Hier ist sie.
Einstein wies nach, dass Zeit geschwindigkeitsabhängig vergeht, was für Bahnreisende, die weitgehend unbeweglich am Bahnsteig warten, evident ist. Was sie nicht wissen, während sie auf die Gleise starren, die sich weit da draußen im Unendlichen treffen: Das Vergehen der Zeit ist auch temperaturabhängig. Weil sich bekanntlich bei Kälte alles zusammenzieht, vergeht die Zeit, je kälter es ist, umso schneller. Drinnen aber, im etwas wärmeren Bahnhof, erscheinen dem unbeweglich Wartenden die doppelt unterschiedlichen Vergehensweisen der Zeit als Zugverspätung.
Die Bahn sieht das anders, weshalb ihre Repräsentanten aus Sicht des Reisenden, dem niemand die Sache erklären kann, lügen. In seinem Zorn braut er sich eine wilde Erklärungs-Mischung aus betriebswirtschaftlichen, physikalischen und psychologischen Versatzstücken zusammen. Und kaum ist er damit fertig, schon kommt die Bahn pünktlich, tagelang nun schon. Verspätungstheorien geraten in Erklärungsnot, weil sie die Nicht-Verspätung nicht erklären können. Dabei ist es ganz einfach: Die Lokführer fahren etwas schneller, um die Komprimierung der Zeit in der Kälte auszugleichen. Ein erhöhtes Risiko, aber meistens geht es gut.
Hans-Jürgen Linke: Über Kälte, Frankfurter Rundschau
Es gab einmal eine Zeit, da warb die Deutsche Bundesbahn (so hieß sie damals noch) mit einem Zug in verschneiter Landschaft und dem Satz: "Alle sprechen vom Wetter, wir nicht." Aber das ist Jahrzehnte her.
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