BINGEN. In Dietersheim sind die Kaninchen los. Sie wühlen und graben sich durch den Friedhof und scheren sich nicht um Pietät und Totenruhe. Das ärgert etliche Anwohner. Sie fordern, dass etwas gegen die Kaninchenplage getan wird.
Stiefmütterchen scheinen die Tiere besonders zu lieben. Überall dort, wo die Pflänzchen blühten, ist nun von der bunten Pracht nichts mehr zu sehen. "Alles abgefressen", zeigt Ruth Gagelmann auf eine Gräberreihe. "Es ist eine Schande, die Gräber sind total zerwühlt", macht sie ihrem Ärger Luft. Mindestens ein Jahr lang gehe das so, das kann auch Erika Lill bestätigen: "Die Kaninchen durchwühlen die Grabstellen, als hätten sie Spaß daran."
Nicht nur in Dietersheim scheinen sich die Tiere wohl zu fühlen, auch auf dem Büdesheimer Friedhof wüten sie. Darum machte Anfang des Jahres der dortige Jagdpächter Jagd auf die in Büdesheim lebende Kaninchenpopulation, nachdem auch in diesem Stadtteil massive Klagen an die Friedhofsverwaltung herangetragen worden waren.
Das war aber nur möglich dank einer Ausnahmegenehmigung, die die Kreisverwaltung als Untere Jagdbehörde ausgestellt hat. Denn: "Die Jagd ruht auf befriedeten Bezirken, so auch auf dem Friedhof", erklärt Hegeringleiter Hans Henrich. Auf dem Friedhof Kaninchen abzuschießen, stelle ein hohes Sicherheitsrisiko dar. "Es ist problematisch, einen Friedhof sicher zu sperren, und wir wollen niemals jemanden gefährden."
In Büdesheim etwa sind Schilder aufgestellt worden: "Vorsicht Jagd" war darauf zu lesen. Allerdings hatten Jagd-Gegner diese Schilder zum Teil entfernt und im Gestrüpp versteckt. Auch Hochsitze seien im Stadtteil zerstört worden, spricht Henrich von einer Behinderung der Jagd. "Das wird von uns zur Anzeige gebracht und verfolgt", stellt der Hegeringleiter klar, dass es sich dabei um kein Kavaliersdelikt, sondern um eine Straftat handelt. Und weil etwa in Büdesheim Kaninchen "in fast nicht mehr zählbaren Mengen" aufträten, sei deren Jagd zur Sicherung der Wege, Weinberge und des Friedhofs unabdingbar. Auch für die Population der Kaninchen sei die Jagd wichtig: Denn viele steckten sich mit der Krankheit Myxomatose an und sterben rund 14 Tage später. "Wildtiermanagement" nennt Henrich die gezielte Bejagung. "Dass wir einfach draußen herumballern, ist völliger Unsinn. Wir wollen in der Natur etwas für die Natur tun."
In Dietersheim jedoch ist die Sache nicht einfach: "Der Friedhof ist ein Ort des Friedens und der Ruhe", hält Jagdpächter Robert Schwantzer fest. Seit November habe er schon rund 20 Kaninchen außerhalb des Friedhofs erlegt, die Population sei also reduziert. Warum die Tiere der Friedhof lockt? "Ringsherum sind nur Roggenfelder, unter den Grababdeckungen ist es meist trocken und warm und sie wollen nicht jeden Tag das gleiche fressen", spekuliert der Jäger.
Mit rund sieben Meter langen Kunstbauten will er den Tieren Herr werden. Die gelben Plastikschläuche werden etwa einen halben Meter unter der Erde verlegt, damit die Kaninchen sich im künstlichen Bau niederlassen. Dann lässt Schwantzer Frettchen in die Schläuche, die die Kaninchen aufscheuchen, die dann in Fangkörbe laufen. So könnten sie woanders freigelassen werden, wo sie keine Schäden mehr verursachten. "Ich hoffe, dass es bald keine Probleme mit Kaninchen mehr geben wird", sagt Schwantzer.
Lena Fleischer: Kaninchen wüten auf den Friedhöfen, www.main-rheiner.de 17.02.2009
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