Sonntag, 29. März 2009

Traut sich noch jemand vom Bösen zu sprechen?

Wer sich fragte, ob in dem Amoklauf von Winnenden auch Grundsätzlicheres zum Vorschein gekommen sein könnte als eine laxe Handhabung der Waffengesetze oder eine Überforderung des Täters durch seine Eltern – etwa das, was Theologen das Böse oder die Sünde nennen – sah sich weitgehend alleingelassen.

Das stellte Thomas Jansen am 20. März in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ fest.

Der Journalist weist darauf hin, daß der protestantische baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau als erster Politiker in einer größeren Öffentlichkeit den Amoklauf als Manifestation des Bösen bezeichnete.

Jansen versteht, daß der Politiker unter seinen Berufskollegen keine Nachahmer fand: Das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht sei bei Politikern mit einem Risiko behaftet.

Dagegen wundert sich Jansen, daß auch Kirchen und Theologen in ihren Äußerungen den Begriff des Bösen meist übergingen oder allenfalls am Rande erwähnten.


Kirchenfunktionäre reden um den heißen Brei

In kirchliche Stellungnahmen auf die tragischen Ereignisse finde sich kein Hinweis darauf, „daß es in beiden Kirchen durchaus so etwas wie eine Lehre vom Bösen gibt.“

Jansen zitiert einige Beispiel:

• Der Ratsvorsitzende der ‘Evangelischen Kirche Deutschlands’, Wolfgang Huber, rhapsodierte, daß man Schmerz und Fassungslosigkeit „Raum geben“ wolle.

• Die Tragödie übersteige die „menschliche Vorstellungskraft“ – suchte der Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, Zuflucht im Hyperbolischen.

• Der Württembergische Landesbischof Otfried July erinnerte an die Vaterunser-Bitter von Schuld und Vergebung. Er ließ aber – wie Jansen bemerkt – die Erlösung von dem Bösen unerwähnt.

• In dem ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer in Winnenden entdeckte Jansen den Begriff des Bösen nur einmal kurz, die Sünde gar nicht.

• Auch im „Wort zum Sonntag“ kam eine evangelische Pfarrerin beim Thema Winnenden ohne das Böse und die Sünde aus.

• Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann forderte mehr schulische Sozialpädagogen und eine Verringerung der Klassenstärken.

Die Frage nach dem Warum

Diese Wortmeldungen lassen Jansen ratlos: „Warum machten Vertreter beider Kirchen nach dem Amoklauf von Winnenden einen solch großen Bogen um den Begriff des Bösen?“

Seine Antworten kleidet er in Frageform: „Weil er für die christliche Botschaft eben doch nicht entscheidend ist? Weil sie den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen hielten oder weil sie fürchteten, das Vokabular könne die Menschen abschrecken?“

Der fehlende Anlaß kann es jedenfalls nicht gewesen sein – so Jansen.

kreuz.net

Die Beobachtung ist richtig. Das Böse steht noch im Vaterunser. Und damit scheint es gut zu sein. Und der Böse? Von dem wagt sowieso niemand mehr zu reden.

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