Montag, 27. Juli 2009
Hell und dunkel
Wer in die grenzenlose Intimität mit Gott eintaucht, stürzt - um noch auf die beunruhigendsten Passagen in den Bekenntnissen von Bruder Ephraim hinzuweisen - oft auch in die Intimität mit dem Teufel. Er erlebt, dass manchmal sogar Maria sich seiner Nähe entzieht und dass in mondloser Nacht sich nur noch eine Hilfe anbietet, ein magisches Brauchtum aus der reformierten biblizistischen Vergangenheit des Gemeinschaftsgründers: das Bibelorakel, das Sich-Führen-Lassen durch eine blind aufgeschlagene Bibelstelle. Die Seele, ins Grenzenlose gestossen oder selber ins Unendliche treibend, rächt sich an ihrem eigenen, sie überfordernden Glauben und stürzt sich in eine perverse Intimität mit dem Teufel. Arbeitet Gott gar mit dem Teufel zusammen, dass er diese Nächte zulässt? Wir brauchen anders als Bruder Ephraim in unserer Erklärung dieser Höllen nicht in den Himmel hinaufzugreifen und an eine Verschwörung von Licht und Nacht zu denken. Der helle und der dunkle Teil unserer Seele verschwören sich gegen uns, wenn wir sie auseinanderreissen wollen. Wer Heiliger werden will, wer ins Vollkommene drängt, der wird fast zwangsläufig von Dämonen heimgesucht. Er überfordert sich in seinem Drang nach Vollkommenheit, in seinem Nein zu seinen eigenen Schatten. Seine Schatten werden ihn heimsuchen, sobald seine neue religiöse Begeiserung erlahmt. Er stürmte himmelwärts. Bevor er zur Erde zurückfindet, wirft der Dunkle ihn in seine Hölle. Vielleicht, dass ihm anschliessend ein Leben als begrenzter Mensch in einer begrenzten Welt gelingt.
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