Zum „Leuchtfeuer“ des Glaubens soll die Predigt am Sonntagmorgen wieder werden. So hat es sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihrem Reformprozess vorgenommen. Doch bevor das Leuchtfeuer brennen kann, ist ein Leuchtturm zur Orientierung nötig. Denn auf kaum einem Gebiet des Protestantismus lauern so viele Klippen, Untiefen und Strudel wie hier.
Da gucken zwei Pfarrer im Konfirmationsgottesdienst durch Kaleidoskope, erheitern sich an den lustigen Lichtbrechungen – und verfehlen den Ernst der Jugendlichen an deren großem Tag. Da feiert eine traditionsbewusste Gemeinde mit lutherischem Grimm die Gründonnerstagsliturgie – und in der Predigt weiß der Geistliche aus der Fußwaschung bloß abzuleiten, dass man mal von Konventionen abweichen soll. Da hat ein Pfarrer mit dem Gleichnis vom unehrlichen Verwalter (Lukas 16) zu tun – und führt mit verstellter Stimme fiktive Radiointerviews. Und so weiter und so fort, den Spott über Predigten lassen sich bildungsbürgerliche Abendgesellschaften so gern auf der Zunge zergehen wie die italienischen Vorspeisen.
Es ist also überfällig, dass die EKD im Herbst ihr „Kompetenzzentrum Predigtkultur“ in Wittenberg eröffnet, das in Ergänzung landeskirchlicher Weiterbildung der Kanzelrede aufhelfen soll. Als Teil der Wittenberg-Stiftung, die während der Luther-Dekade bis 2017 neuer Profilbildung dient, soll das Zentrum einen „Überblick über neue Trends“ und „Beispiele überzeugender Textauslegung“ bieten, wie ihr Leiter Alexander Deeg sagt. „Wir wollen einen Schutzraum zum Ausprobieren neuer Ideen bieten und Beispiele überzeugender Verkündigung vorstellen. Statt um Normierung geht es uns darum, die Individualität der Prediger zu stärken und ihnen Leidenschaft und Muße zu ermöglichen“, erläutert Deeg, der sich bisher an der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Predigen befasste.
Wobei Deeg weiß, wie schwer es die Pfarrer haben, wie unterschiedlich die Erwartungen sind. Viele Jugendliche, das zeigen Umfragen, empfinden die Kanzelreden per se als langweilig und mit ihren biblischen Bezügen irrelevant fürs eigene Leben. Ältere Christen hingegen vermissen genau den Textbezug, während anderen die ethischen Ableitungen zu salbungsvoll sind. Wie man es auch macht, so müssen die Pfarrer da denken, ist es verkehrt.
Hinzu kommt, dass neue Ideen bei regelmäßigen Kirchgängern gar nicht gut ankommen: Diese sind meist zufrieden mit dem, was sie üblicherweise hören. Geschimpft wird vor allem von jenen, die nur selten kommen und mit ihrem Pauschalurteil einen sicheren Vorwand haben, um von häufigeren Besuchen abzusehen. Freilich sind die Pfarrer und Pfarrerinnen auch nicht fair. So ergab eine Umfrage in Bayern, dass dortige Pfarrer zwar die eigenen Predigten recht gelungen finden, aber kräftig lästern, nachdem sie mal einen Kollegen haben reden hören.
Solche Borniertheit zu lösen ist ein Ziel des Predigtzentrums, das eng mit dem gottesdienstlichen EKD-Kompetenzzentrum in Hildesheim und dem missionarischen in Dortmund kooperiert. Noch freilich sind erst Teile der Arbeit umrissen. Sommerkurse für interessierte Prediger soll es geben, Kongresse sowie Auftritte besonders ausstrahlungsfähiger Kanzelredner. Datenbanken und Anregungsmaterialien werden im Internet bereitgestellt, wobei es aber keine weitere Seite mit Vorformuliertem zum Herunterladen geben soll, womit sich allzu viele Pfarrer die Arbeit allzu einfach machen. Eher sollen Videos oder Beschreibungen faszinierender Predigten demonstrieren, was man mal ausprobieren kann, wobei auch Vortragskulturen anderer Länder, zumal in Afrika und Amerika, vorgeführt werden.
DEN SCHATZ DER GESCHICHTEN HEBEN
Was dort gepflegt wird: die Kunst des erläuternden Erzählens, sprechen auch Deeg und sein Kollege am Predigtzentrum, der Kulturwissenschaftler Dietrich Sagert, immer wieder an. „Ich habe mal mit Studenten“, berichtet Sagert, „die Abraham-Geschichten aus der Bibel behandelt und diese oft einfach nur vorgelesen oder nacherzählt. Die Studenten waren fasziniert von den Erzählungen, und dann war es ganz leicht, mit ihnen die Dramatik und den Ernst des Geschehens in interaktiven Momenten nachzuvollziehen.“ Vom „Schatz unserer Geschichten, den wir heben müssen“, spricht auch Prälat Stephan Dorgerloh, der als Beauftragter des Rates der EKD in Wittenberg und Geschäftsführer der Wittenberg-Stiftung das Predigtzentrum mit begleitet. „Joseph und seine Brüder“, sagt Dorgerloh, „ist doch eine großartige Geschichte, die es nicht nötig hat, dass man ständig daran herumdeutet.“ Vielmehr reiche es, den Zuhörern etwa durchs Wort „Migrant“ klarzumachen, wie aktuell die Erzählung von den israelitischen Auswanderern sei. Dann könne die Gemeinde schon selbst über die Gegenwart in der multikulturellen Gesellschaft nachdenken.
„Wir dürfen Gottes Wort ein bisschen mehr zutrauen“, ergänzt Deeg und bekräftigt, dass es in Wittenberg vor allem um eine neue Kultur des Narrativen, des lebendigen, dabei anregenden und anleitenden Erzählens gehen solle. „Deus dixit, Gott spricht, darum kreist doch die Predigt, und daher können die Pfarrer ruhig mehr auf die enorme Kraft der biblischen Texte vertrauen.“ Vielleicht, so Deeg, könnten Pfarrer in der Anlehnung an die Texte auch mehr Mut zur kraftvollen Rede fassen. Denn das ist ein Problem bei Theologiestudenten: Die meisten sehen sich als Seelsorger, nur wenige auch als öffentliche Verkündiger. Möglicherweise könnte ihnen mehr Vertrauen in die Kraft der Texte mehr Selbstvertrauen bei deren Darstellung und Auslegung geben.
Und möglicherweise, denkt man, lassen sich so auch die unterschiedlichen Erwartungen verklammern. Denn die Geschichte von Kain und Abel oder die von der österlichen Bestürzung der Frauen am leeren Grab sind so erschütternd, menschlich wahr und geheimnisvoll, dass davon Bildungsbürger wie Busfahrer, Jugendliche wie Rentner angesprochen werden sollten. Wenn man den Geschichten denn vertraut und sie kraftvoll erzählt.
Und wer dann immer noch zweifelt, ob das gut ankommt, für den hat Deeg einen Trost bereit: „Wir wissen aus Befragungen, dass viele Kirchgänger die meditative Kraft der Predigt schätzen. Sie müssen 15 Minuten lang nichts tun und dürfen einfach ihre Gedanken schweifen lassen – was auch immer der oder die da oben auf der Kanzel erzählt.“
Matthias Kamann: Kain und Abel brauchen keine Mätzchen, welt.de
Früher einmal konnten wir evangelischen Pfarrer das noch. Aber die Zeiten haben sich geändert, mit ihnen auch die Kommunikationsbedingungen...
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