Herget trägt bewundernswert sicher und frei vor, er hat seine Gedichte und Texte exakt auf die Stimmung der Trimburg bezogen, auf den Sonnenuntergang, die Dämmerung und das erste Sternenlicht. Hauptsächlich Klassiker rezitiert er, zuerst sind es die großen kosmischen Themen, das Universum, Gott, Weltgeist und Untergang. Wir sind Sternenstaub, rezitiert Herget.
Zart, erbaulich, weise
Das nächste Thema ist die Liebe. Die Zartheit von Rilke kommt zum Vorschein, die Weisheit von Goethe, die Erbaulichkeit von Hesse. Dazwischen Humor und Ironie von Brecht, Tucholsky oder Kästner, die auf die Widersprüchlichkeit der menschlichen Begierden verweisen. Ja, die Liebe. Sie scheint das größte kosmische Thema zu sein. Dramen, von denen Heinrich Heine so hintergründig reimt, Schmerzen, von denen fast alle Dichter berichten.
Die einen sterben, weil sie lieben, die anderen sind nur, wenn sie lieben, unsterblich. Der Weltgeist will uns Stufe um Stufe heben, sagt Hermann Hesse, aber bis ins vergangene Jahrhundert scheinen die Dichter daran festzukleben, dass Liebe und Schmerz, Liebe und Wahnsinn, Liebe und Tod zusammengehören. Das lässt zumindest die Textauswahl Hergets vermuten. Die Worte großer Gedichte schneiden ins Herz: „Ich habe mein Leben entblößt vor dir (...) behüt mich, als ob ich verloren wär“. Die Worte berühren die Seele. Sie sind in sich selbst stark genug, sie bräuchten die musikalische Untermalung nicht, die Herget in seine Inszenierung eingebaut hat. Da schweigen in einem Gedicht die Vögel, und aus dem Lautsprecher tönt der Kuckuck in die Nacht. Da stellt sich die Frage, ab wann die großen Gefühle in Kitsch umkippen. Ab wann die christlich-abendländischen Liebesmodelle nicht mehr funktionieren. Wo die Grenze zwischen Pathos und Plattheit verläuft.
Herget macht seine Gäste auf die Perseiden aufmerksam, auf Sternschnuppen, die auch Laurentius-Tränen genannt werden. Weil sie jedes Jahr in der ersten Augusthälfte in unsere Atmosphäre fallen. Es ist aber noch nicht dunkel genug. Und vielleicht schon ein paar Tage zu spät. Vielleicht hat es damals in Woodstock welche gegeben, Janis Joplin jedenfalls hat auch davon gesungen, dass wir aus Sternenstaub gemacht sind. Die Sternschnuppen wollen uns sicher daran erinnern. Und daran, dass wir wieder lernen, uns etwas zu wünschen. Ich wünsche mir, dass die Liebe demnächst ohne Pathos, ohne Verzweiflung, Schmerz und Tod daherkommen kann.
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