derStandard.at: Allerdings wird doch die verstärkte Anwesenheitspflicht von Studierenden kritisiert, die es immer schwieriger machen würde, das Studium frei zu gestalten.
Reinmann: Ich führe nie Anwesenheitslisten, weil Studierende erwachsene Personen sind, die selber entscheiden können, ob sie für die nachfolgende Prüfung und ihren Kompetenzerwerb anwesend sein müssen oder nicht. Wenn es natürlich Gruppenarbeiten gibt, versteht es sich von selbst, allein schon aus Rücksicht untereinander, dass man sich zu einer Anwesenheit verpflichtet. Es steht aber nirgendwo geschrieben, dass man aufgrund der Bologna-Reform permanent die Studierenden kontrollieren muss.
derStandard.at: Gibt es eine zu starke Einengung der Wahlmöglichkeiten und Freiheiten während eines Studiums, oder ist das Gegenteil der Fall?
Reinmann: Meine aktuelle Erfahrung ist, dass viele Studierende mit dem Selbststudiumsanteil - der ja auch mitgerechnet wird - große Probleme haben und nicht so recht wissen, wie sie das angehen sollen. Studierbarkeit wurde bisher immer an den Angeboten festgemacht - also ob sie zeitlich und inhaltlich zusammenpassen. Ich würde die Frage der Studierbarkeit zusätzlich aus einem anderen Blickpunkt stellen, nämlich: wie gut bereiten wir die Studierenden in ihren überfachlichen Kompetenzen vor mit unseren Angeboten umzugehen? Die Studierenden können das aufgrund ihrer schulischen Vorerfahrung oft nicht. Viele Fragen bleiben offen: wozu ist eine Vorlesung da? Wie höre ich richtig zu, wie mach ich mir Notizen? Wie lerne ich vor und nach einer Veranstaltung? Das sind Dinge, die schieben wir als Lehrende gern auf Tutoren ab. Dann führen eben die Einäugigen die Blinden.
Aus einem Interview des "Standard" mit der Wiener Medienpsychologin Gabi Reinmann