Freitag, 27. Juni 2008

Verrückter Juni

"Im Juni werden hier alle verrückt", sagte Ende Mai eine Lehrerin zu mir. In erster Linie meinte sie wohl die Schule und das Lehrerkollegium im Schuljahrsendstress. Aber es gilt auch für andere. Heuer war (und ist immer noch) die Stadt natürlich in einer Art Ausnahmezustand wegen der Fußball-Europameisterschaft, aber es gilt nach meinen Beobachtungen auch ganz unabhängig davon: Der Sommer ist da, aber die Ferien stehen noch aus. So ist kaum noch jemand wirklich da, bei der Sache, an der Arbeit - alles strebt auf den Urlaub hin. Das Thermometer klettert auf subtropische Werte, es ist oft unerträglich schwül, niemand hat mehr Lust auf irgendetwas: "Im Herbst dann", "nach den Ferien", "im September, besser noch im Oktober"... Seit Wochen verabschieden sich alle nur noch.
Aus der Gemeinde war der Vorschlag gekommen, den Konfirmandenunterricht doch schon im Juni zu beginnen bzw. recht bald nach der Konfirmation. Abgesehen davon, daß die Pfarrrer wegen ihrer vielen schulischen Zusatzverpflichtungen zu Schuljahrsschluss davon nicht begeistert wären - die Konfirmanden wären es sicher noch weniger, und es ist einfach ein ziemlich absurder Vorschlag. Ebenso gut könnte man per Beschluss Weihnachten in den Hochsommer verlegen wollen. Es passt einfach ganz und gar nicht in die hiesige Stimmungslage: Im Juni fängt man da in Wien nichts Neues an. Jedenfalls nichts, was mehr wäre als nur Sommerfestspiele. Alles andere beginnt im Herbst (wieder).
Die neunwöchigen Sommerferien spielen für alle eine große Rolle, unabhängig avon, ob sie mit Schule direkt zu oder indirekt zu tun haben oder nicht: Der Sommer ist die große Zäsur. Ähnlich muss es in Frankreich oder Schweden sein. Wer ein Haus am Land hat, flieht aus der Stadt, so oft er nur kann.
Selbst die Politik spielt verrückt: Die neue SPÖ-Doppelspitze wechselt nach weiterem Sinken der Umfragewerte nun überraschend in Sachen Europa entschlossen die Fronten, ist auf einmal auf der Seite der Kronenzeitung und ihrer Klientel zu finden und befürwortet im Falle eines revidierten EU-Vertrages eine Volksabstimmung! In vielen Regionen Deutschlands würde man dazu wohl sagen: "Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an?" Wäre Lewis Carrroll ein Wiener gewesen, dann käme in "Alice im Wunderland" wohl kein Märzhase, sondern ein Junihase vor.

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