Mittwoch, 6. August 2008

Sommerlöcher - Wieder kein Weltuntergang

Seit es das für Journalisten schweißtreibende, aber immerhin kalendarisch leicht vorhersehbare Sommerloch nicht mehr gibt und statt dessen die Informationslawinen auch in der Urlaubszeit aus allen elektronischen Fasern quellen, seitdem hat sich Nessie aus Loch Ness verabschiedet und in der Vermittlung skurriler Stoffe eine bedenkliche Schieflage eingestellt. Es ist ein bisschen geworden wie mit Wetter und Klima. Früher hat man darüber geredet, wenn die Ereignisse aktuell waren, heute leben wir in der Dauerakutphase der Katastrophe.

So ähnlich könnte das im erlauchten Kreis des Komitees für Elementarteilchenphysik diskutiert worden sein, als man Anfang des Jahres von den Weltuntergangsphantasien im Zusammenhang mit der geplanten Inbetriebnahme des Large-Hadron Colliders (LHC) in Genf hörte. Namentlich der Tübinger Biochemiker und Chaosforscher Otto Rössler spekuliert seither lebhaft und tanzt auf sämtlichen öffentlichen Hochzeiten, wenn es darum geht, eine neue planetarische Gefahr zu beschwören.

Verschlingende Minilöcher

Die unermessliche Wucht, mit der die Protonen im Teilchenbeschleuniger kollidieren, könne laut Rössler künstliche, alles verschlingende Schwarze Minilöcher im LHC produzieren, die letztlich sogar die Erde vernichteten. Und Rössler war nicht einmal der einzige Querkopf. Das Medienspektakel um den Genfer Weltuntergang ist zum Selbstläufer geworden. Die Selbstausrottung der Menschheit, das ist ja auch Stoff bis zum bitteren Ende.

Wäre da nicht das Komitee für Elementarteilchenphysik, die Vertretung aller Teilchenphysiker an deutschen Universitäten und außeruniversitären Instituten sowie dem Genfer LHC-Betreiber Cern dazu. Das Komitee hat jetzt offiziell klargestellt: Die Mutmaßungen über erdvernichtende Schwarze Löcher im LHC „beruhen auf grundlegenden Missverständnissen der Allgemeinen Relativitätstheorie“ und „auf bereits widerlegten Annahmen, die in sich inkonsistent und durch Messungen als falsch bewiesen sind“.

Durchatmen. Nichts droht, was sich nicht längst erledigt hat. Die Entwarnung kommt zwar ein halbes Jahr zu spät, aber immerhin wurde mit dem Coup kurz vor dem LHC-Start die Apokalypse dorthin versetzt, wo sie hingehört: ins Sommerloch. Den Spaß hat man sich wohl gegönnt.

Joachim Müller-Jung: Apokalypse verschoben, FAZ

Keine Kommentare: