Sonntag, 14. September 2008

Sonntags zu lesen

Ansprachen an den Fluss
I

Sand in den Zähnen, getrocknete Samen,
Unregelmäßige Würfel und abgebrochne Siliziumprismen,
Mineraliengeschichte knirscht mit
Organischen Worten.
Alles wird ausgespuckt in
Die endlose Untiefe Zeit.
Die Gegenwart ahmt die Vergangenheit nach,
Doch Gegenwart haben wir keine. Sprache
Als Gegenwart: keine Silbe, nicht mal ein Laut,
Sondern Zwischenraum beim Wechsel des Lautes.Wie viel Sinn wirst du füllen in den beständigen Klang,
Dass darin das Sein sich eröffnet?
Soviel wie die Seele hineinfüllt, die blüht
In der ewigen Gegenwart.
Denn nur Gott hat die Gegenwart.
Er schreitet durch sie mit der Welt, und wir kennen nicht
Seine Vergangenheit und seine Absichten. Alles,
Was wir als Leben bezeichnen, sind der Vergangenheit Schatten
Oder unsere Ängste und Sehnsüchte.
Bröcklige Steine, versteinerte Körper,Sie kennen uns nicht,
Das Gras kennt uns nicht, das unsere Sensen mähen,
Noch das Vieh, das wir füttern zur eigenen Nahrung,
Noch wir selbst, befangen in unseren Bildern.
Denn nur Gott hat die Gegenwart,
In der wir die ganze Zeit sind.


II

In der wir die ganze Zeit sind, doch in der wir nicht leben,
Herumirrend in der Vergangenheit und im Traum von der Zukunft.
Kann etwas denn schöner sein als der Dichter am Fluss,
Betäubt von den blühenden Traubenkirschen?
Er füttert seine sensiblen Gespräche dem Wasser,
Das leise vorbeiplätschernd nachdenkt,
Es könne zum Stillstand bringen die Zeit.
Er zeigt in konturlosen Worten seine Gestalt
Der geisterhaften Vergangenheit, die schwache, nebelhafte Erfahrung
Mischt er blindlings mit den empfänglichen Sprachkristallen,
Er ist ein wenig verrückt, ein Besessener,
Der es versteht, mit dem Eis der Worte eine Kette zu legen
Über jede Welle des Flusses...
Jedoch die verborgene Wahrheit kümmert sich nicht um unser Verlangen,
Wie Wasser zerrinnt uns die Zeit in den Fingern,
Und uns ist gegeben, die Zeit der Seele zu suchen oder sie zu erzeugen
Aus den Vorstellungen der Vergangenheit oder den Träumen der Zukunft.
Sie fließt im Kreis in uns und beißt sich selbst in den Schwanz
Und ahmt so das „jetzt“ nach. Die Zentripetalkraft
Will sie zusammenziehen auf einen Punkt, in den beständigen Laut
Verräumlichen, mumifizieren, verwandeln im Samen
Der die Natur der Pflanze bewahrt im sich ändernden Acker.
Von ihr ernährn sich die Künste, sie filtern Rituale und Mythen
Durch ihre Formen, die Seelen verständigen sich durch sie,
Sie dürfen wir heilig nennen ohne die Angst uns zu täuschen ...
Obwohl doch die öffentlich sichtbare Welt noch viel einfacher ist
Und hinterlistiger mit ihren Uhren und den Kalendern
Drückt sie uns Illusionen einer gemeinsamen, wahrhaftigen Zeit auf
Zeichnet uns ins Gesichtsfeld ihre geschichtliche Zeit ein,
Sie spannt uns die Jahre, Jahrhunderte wie eine Kette von Wörtern
Und trocknet darauf ihre schmutzige Wäsche.
Bequem und nutzbringend ist für uns diese Zeit,
Obwohl sie doch eine starre, verrückte und illusionäre Zeit ist.
Ich fürchte Menschen und Glaubensformen,
Sie heilig nennen, mit Gott verbinden,mit ihm identisch setzen,
Keinen einzigen Augenblick in der Gegenwart zu bleiben versuchen
Und im Garten Gottes zu atmen.


III

Der leider verschlossen ist dem, der die eigene Gegenwart schafft,
Der die Zeit sich im Kreis drehen lässt, sie ins Zentrum rückt,
Den Affen Gottes ist sie ewig versperrt
Durch die hohe Mauer des Selbstbewusstseins.
Das ist die Grenze, die Wahrheit scheidet von Unwahrheit
Nach ihr ist die Weise des eigenen Daseins zu wählen,
Obwohl sie so hoch und weit weg ist von unsren
Alltäglichen Wegen, dass wir selten nur sie bemerken.
Selten bemerken sogar Gottes Affen sie,
Wenn sie klettern hoch in den Höhen.
Wir leben in Vorstellungsbildern und rühren
In uns an versiegelte Dinge,
Bewegen uns zwischen den Schatten von ihnen am Bildschirm unserer Seelen,
In einem unsichtbaren Labyrinth,
Aus dem den Ausgang nur findet wer zu sich selbst geht,
Wer mutig versinkt im Strudel in die dunkle Grube am Flussrand,
Wer sucht mit den Füßen im kalten Schlamm die vergoldete
Goldscheibe, wer sie wiederum aufhebt
Ins Licht oder hoch in die Luft
Wie von Neuem geborene Kinder:
Ohne sich selbst, ohne Autorschaft, ohne blinden Glauben
An Verabredungen, ohne das Schicksal des Lotophagen ...
Für den Dichter ist alles viel leichter: Er schüttet
In uns den Sand der Worte, getrocknete Samen.
Und wir lassen uns gerne betrügen: Diese verlorene Zeit
Vergessen wir, dass wir ihm opfern die eigene

Und Gottes Gegenwart, dass wir wieder
Die Gestalt gewählt haben anstelle der Wahrheit.
In der wir die ganze Zeit sind, doch in der wir nicht leben,
In die zu gelangen es leider nicht schafft unser
Reiches Bewusstsein.


Kornelijus Platelis

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