Samstag, 11. April 2009

Der zweifelnde Thomas

Mark Tansey (* 1949 San José, Kalifornien): Doubting Thomas

Ein Bild aus Amerika. Auf einer Straße vor einem felsigen Hintergrund hat ein Auto angehalten, die Fahrerin sitzt noch am Steuer. Der Beifahrer ist ausgestiegen, kniet am Boden, vorsichtig, bedacht auf sein Gleichgewicht, legt er die ausgestreckten Finger einer Hand in einen klaffenden Spalt, der sich – unter dem haltenden Auto hindurch - quer durch die Asphaltdecke der Straße, ja anscheinend sogar durch die Felsen im Hintergrund zieht. Er traut seinen Augen nicht, er muss seine Finger zu Hilfe nehmen, das Unfassliche anfassen, um das Unglaubliche zu glauben. Der Mund steht ihm leicht offen vor Staunen. Die Frau am Steuer des Wagens schaut unbeteiligt, teilt das Entsetzen des Mannes nicht, anscheinend ist sie, die Hand am Lenkrad, bereit zum Weiterfahren.

Dieses Bild ist nicht unrealistisch, in Erdbebenzonen wie dem Sankt-Andreas-Graben in Kalifornien, kommt es nach Erdstößen zu solchen sicht- und tastbaren Rissen. Und trotzdem ist da ein Spiel mit der Realität: Das Bild ist nahezu fotorealistisch gemalt, aber ein Foto ist es eben nicht, (auch nicht ein computernachbearbeitetes) sondern ein Ölgemälde des postmodernen amerikanischen Künstlers Mark Tansey. Der Titel bringt die seltsame Szene in Verbindung mit der Bibel: „Doubting Thomas“, der zweifelnde Thomas heißt dies Kunstwerk.

Wie der Jünger Thomas legt der Mann seine Finger in die Wunde der Erde, die sich klaffend auftut als langer Riss, nur sehr entfernt der Seitenwunde Christi gleichend. Auch der moderne, wissenschaftsgläubige Mensch, traut seinen Fingern mehr als seinen Augen, seinem Tastsinn mehr als allen anderen Wahrnehmungen. Ob es denn wahr ist – und nicht nur eine Phantasie, das will ertastet sein.

In Mark Tanseys Gemälden geht es um die Wirklichkeit, um die Grenzen des Sichtbaren, die Brechungen der Realität. In diesem Bild zieht sich der Riss schon unter dem Auto durch, das Paar ist über die Spalte gefahren, das Auto ist mit zwei Rädern schon „drüben“.

Die Grenzen der „Wirklichkeit“ sind Teil der Wirklichkeit. Vom Titel her lässt sich dieses Bild auch anders lesen: Das, was der Jünger Thomas bezweifelt, das Aufscheinen der Realität Gottes in der Realität der Welt, der Triumph des Lebens über den Tod ist keine Erscheinung jenseits der Pforten der Wahrnehmung – sondern mitten unter uns da.

Diese Erkenntnis ist nicht jedem zugänglich. Das Irritierende daran, das Aufregende, Spannende, Unglaubliche lässt viele Menschen unberührt – so wie die Frau im Auto. Für die anderen aber gilt: Wer es fassen kann, der fasse es. Der fasse hin. Der berühre das Geheimnis.

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