
Mark Tansey (* 1949 San José, Kalifornien): Doubting Thomas
Dieses Bild ist nicht unrealistisch, in Erdbebenzonen wie dem Sankt-Andreas-Graben in Kalifornien, kommt es nach Erdstößen zu solchen sicht- und tastbaren Rissen. Und trotzdem ist da ein Spiel mit der Realität: Das Bild ist nahezu fotorealistisch gemalt, aber ein Foto ist es eben nicht, (auch nicht ein computernachbearbeitetes) sondern ein Ölgemälde des postmodernen amerikanischen Künstlers Mark Tansey. Der Titel bringt die seltsame Szene in Verbindung mit der Bibel: „Doubting Thomas“, der zweifelnde Thomas heißt dies Kunstwerk.
Wie der Jünger Thomas legt der Mann seine Finger in die Wunde der Erde, die sich klaffend auftut als langer Riss, nur sehr entfernt der Seitenwunde Christi gleichend. Auch der moderne, wissenschaftsgläubige Mensch, traut seinen Fingern mehr als seinen Augen, seinem Tastsinn mehr als allen anderen Wahrnehmungen. Ob es denn wahr ist – und nicht nur eine Phantasie, das will ertastet sein.
In Mark Tanseys Gemälden geht es um die Wirklichkeit, um die Grenzen des Sichtbaren, die Brechungen der Realität. In diesem Bild zieht sich der Riss schon unter dem Auto durch, das Paar ist über die Spalte gefahren, das Auto ist mit zwei Rädern schon „drüben“.
Die Grenzen der „Wirklichkeit“ sind Teil der Wirklichkeit. Vom Titel her lässt sich dieses Bild auch anders lesen: Das, was der Jünger Thomas bezweifelt, das Aufscheinen der Realität Gottes in der Realität der Welt, der Triumph des Lebens über den Tod ist keine Erscheinung jenseits der Pforten der Wahrnehmung – sondern mitten unter uns da.
Diese Erkenntnis ist nicht jedem zugänglich. Das Irritierende daran, das Aufregende, Spannende, Unglaubliche lässt viele Menschen unberührt – so wie die Frau im Auto. Für die anderen aber gilt: Wer es fassen kann, der fasse es. Der fasse hin. Der berühre das Geheimnis.
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