Donnerstag, 23. April 2009

Die heilige Abschlussfahrt

Ich habe ehrlich versucht, jemanden zu finden, der seine Abschlussfahrt nicht mag. Jemanden, der daherkommt und sagt: Das war nicht der Bringer, das war so lala. Es gibt niemanden, ich habe keinen gefunden.

Klar, hier und da wurde mal gemeckert; der Lehrer war auf der Fahrt ein Arsch, die Busreise zu lang, zu teuer, zu langweilig. Aber ein vernichtendes Urteil über die Abschlussfahrt? Vielleicht über die Schulzeit, über Lehrer und Prüfungen, über seine erste Beziehung oder seinen ersten Vollrausch. Aber die Abschlussfahrt, die ist, nun ja, irgendwie heilig.

Wir hatten damals zwei Reisebusse, doppelstöckig, Frachtraum für sieben Kurse. Taschen verstauen, Eltern loswerden, Flaschenklirren beim Einsteigen - das ist der Sound der Vorfreude.

Den Ersten, Fischi, haben wir in Nürnberg verloren: Er hat im Vollrausch seinen Mageninhalt auf den Schoß des Schulsprechers entleert und durfte nach 120 Fahrtkilometern gen Süden in einer Polizeistation auf seine Eltern warten. Der Rest von uns kam bis in die Toskana.

Voller Glückshormone am Strand

Es gab, ich erinnere mich, Kultur. Jede Menge. Wahrscheinlich toll. Nein, ehrlich, wir sind mit Videokameras und Fotoapparaten bewaffnet tapfer durch Florenz und Verona getappt. Doch die Hitze des Tages hat immer nur das Fieber der Nacht geschürt. Und die Mikrofonvorträge des Reiseführers waren nur ein Summen, ein Tusch, ein Trommelwirbel für den Vorhang, der mit dem ersten Kronkorken am Abend fällt.

Wir saßen mit Weißwein, Bier, Chips und Glückshormonen am Strand. Alle Schulter an Schulter, als wären wir schon immer eine große Familie, die besten Freunde gewesen.

Aus der Jugendzeitschrift YAEZ (Ausgabe März 2009), zitiert nach spiegel.de

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahrzehnten die Kultur der Schulabschlussfahrten immer weiter entwickelt zu einem Initiationsritual ins Erwachsenenalter des Alkoholkonsums und der Enthemmung. 

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