Man kann nun sehen, dass die nachkonziliare deutsche Exegese aufgrund katholischer Voraussetzungen gerade für eine und speziell diese Philosophie besonders anfällig war. Denn Philosophie war doch immer schon eine wesentliche Grundlage gerade katholischer Theologie im Ganzen. Was hinderte eigentlich daran, die philosophische Anthropologie jetzt zur Basis der Exegese zu machen? Heinrich Schlier war der bekannteste Schüler R. Bultmanns, der die Konsequenz zog und katholisch wurde. Und Systematiker wie G. Hasenhüttl haben ihr Leben lang nichts anderes getan als Bultmann auf die katholische Dogmatik zu übertragen, auch wenn R. Bultmann schon zu Hasenhüttls Dissertation ein ironisches Vorwort schrieb.
Und war der anthropologische Ansatz nicht wirklich faszinierend? Wenn man Wahrheiten über den Menschen erfahren konnte, war die Frage ob historisch oder unhistorisch recht belanglos, und der Weg zu interreligiöser Wahrheit ist dann leicht gefunden. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn die katholischen Dialogpartner im ökumenischen Gespräch wie im interreligiösen Feld sehr leicht die gemeinsame Wahrheit über „den Menschen“ erkennen. Alles Kantige, Ärgerliche und Verletzende historischer Einmaligkeit geht so über Bord.
Die jüngere Diskussion über Jesu Leiden und Kreuz hat dafür gute Beispiele geliefert. Es waren dieselben katholischen Professoren (auch Exegeten), die sich gegen die exzessive (zu Deutsch: realistische) Darstellung des Leidens Jesu in einem Film wandten und die sich entsetzt abwenden, wenn ihnen jemand die Zumutungen der paulinischen Kreuzestheologie drastisch vor Augen hält. Denn in der Tat kann Paulus das Kreuz nur als denkbar größte Schande und einen Gott, der dazu steht, nur als einen Gott darstellen, an den man von Rechts wegen nicht glauben kann. Weder bei Jesu Leiden noch bei der Theologie des Kreuzes geht es um das „faszinierende Bild wahrer Menschlichkeit“, sondern einen solchen Gott darf es (eigentlich) gar nicht geben.
Anthropologische Theologie dagegen domestiziert alles auf das für Menschen Mögliche. Das gilt beispielsweise auch für die Mariologie. Deren Thema ist doch nur bisweilen Maria als Inbegriff wahrer Menschlichkeit, in der Hauptsache dagegen als die einzigartig Erwählte. Doch bei der anthropologischen Auslegung klingt mir immer nur der kategorische Imperativ Kants in den Ohren, der in der Christologie und Mariologie sozusagen galoppierend sozialdemokratisch ausgelegt wird.
Klaus Berger: Entsetztes Abwenden vom gekreuzigten Christus, Tagespost 30. Mai 23ßß5
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