Freitag, 22. Januar 2010

Allein

Ich glaube, daß jeder Mensch allein ist. Sei er nun ein Arbeiter, ein Bourgeois oder ein Intellektueller, was auch die Freundschaften sein mögen, die Kameradschaften oder die Liebe, die ihn umgeben. Ganz allein, unwiderruflich, geht er, beladen mit seiner Vergangenheit, die nur ihm gehört, unveräußerlich, seinem Tod entgegen, dem er allein wird gegenübertreten müssen. Ich habe Leute an Krankheit oder an Alter sterben sehen, in der Mitte derer, die sie liebten und mit denen ihr Leben zu teilen sie geglaubt hatten, ich habe andere gesehen, ihren Todeskampf in den Straßengräben oder auf den Schlachtfeldern, wo sie stundenlang röchelten und niemand war bei ihnen. Ich habe begriffen, daß es in allen Fällen das gleiche war, und daß man, auf welche Art man auch stirbt oder lebt, allein ist. Es gibt nichts Trostloseres als mit anzusehen, wie die Personen, die du liebst, sich gleichgültig von dir lösen, dich fortstoßen und sich in sich selbst versenken in dem Augenblick, wo sie begriffen haben, daß die Stunde ihres Todes gekommen ist und daß alles, was sie bis dahin getan haben, um ihre Einsamkeit vor sich zu verbergen, nichts war als Trug und Lüge.

Claude Simon: Das Seil

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