Mittwoch, 7. November 2007

Wenn man nachzudenken anfängt...

"Ich bin ein treuer Leser des Kleingedruckten. Vermischte Meldungen liebe ich. Deutlicher als jede Schlagzeile zeigen sie mir beim Morgenkaffee, was in unserer schönen neuen Welt alles möglich ist. In den USA hat eine Immobilienmillionärin (Lieblingszitat: 'Nur die kleinen Leute zahlen Steuern') ihrem Schoßhund 12 Mio. Dollar vermacht. Den Enkeln nichts. Zusatz: Der Hund muss im Familienmausoleum bestattet werden. Oprah Winfrey, die Talkshow-Gastgeberin, sieht testamentarisch 30 Millionen Dollar für ihre Vierbeiner vor – die Kleinen sollen es einmal gut haben. Frohbotschaften wie diese lese ich gerne meiner Frau vor. Wie schön doch die Welt ist. Oder?

Sie, selbst eine Tierliebhaberin, meint, das sei gar nix. Immerhin seien Hunde Lebewesen. In Deutschland aber, da gebe es sogar schon ein Reisebüro für ausgestopfte Tiere, für Teddybären. Man kann seinen Lieblings-Petzi oder ein anderes Stofftier um die ganze Welt schicken. Die Reiseleitung (?) setzt es dann vor das Taj Mahal oder die Chinesische Mauer, macht ein Foto und schickt es dir zu. In zwei Wochen hast du dein Bärli wieder. Plus Foto. Na, kontere ich, und das 'Pfötchenhotel' in Berlin für Hunde und Katzen, schlecht? Luxus pur muss das sein. Neulich, gestehe ich, habe ich mich übers Internet spaßeshalber eingeloggt, als 'Anatol', das ist der Hund unserer Freunde: Habe über 25 Kilo, bin langhaarig, vertrage mich mit anderen Hunden, schrieb ich. Hallo Anatol, lautete die Antwort, du kannst im Januar zu uns kommen, 1488 Euro pro Monat. Schnäppchen! Anreise zahlst du selbst. Mit VIP-Card Ermäßigung möglich.

Der gefeierte Künstler Damien Hirst, lese ich, hat einen 200 Jahre alten Totenschädel erstanden, abgegossen, mit neuen Zähne versehen und über 8000 Diamanten geschmückt. Begeisterte Kritiken. 75 Millionen Euro kostet das Kunstwerk. Und, klein gedruckt: Ein US-Amerikaner hat einen Weltrekord im Hamburger-Essen aufgestellt: 108 Fleischlaberl in acht Minuten.

Mir schmeckte mein Joghurt nicht mehr. 'Sind wir dekadent?', flüstere ich über den Frühstückstisch. In Afrika verkaufen Eltern ihre Kinder, im Iran finden öffentliche Hinrichtungen statt, auf Baukränen, damit es die Menge besser sieht, und auf der Website von 'Global Marshall Plan' kann man mitzählen, wie viele Menschen am heutigen Tag verhungern. An vermeidbaren Krankheiten sterben. An unsauberem Wasser. 108 Hamburger in acht Minuten. Brillantener Totenkopf. Reisen für Teddybären. Der Millionärs-Malteser im Mausoleum. Sind wir noch zu retten? Ist das alles noch normal? Leben wir wie im alten, dekadenten Rom?

'Irgendwie ja', meinte meine Frau, 'aber doch auch nicht ganz. Schau, das sind Einzelerscheinungen, schlimm ist das. Dekadent wär's erst, wenn jemand, wie einst Caligula, auf die Idee käm', sein Lieblingspferd zum Konsul zu machen und in den Senat zu setzen. Und alle das lustig finden.' Pause. Runzeln der schönen Stirn. 'Obwohl, wenn ich an ... naja...'"

Kurt Scholz: Frühstück, in: Die Presse (6. November 2007)

Die Idee mit dem Reisebüro für Stofftiere scheint mir aus dem Film "Die wunderbare Welt der Amélie" geklaut zu sein...

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