Wetterkunde, Zeitkultur, Verbraucherschutz: Verbände und Lobbyisten fordern neue Unterrichtsfächer
Für jedes Hobby und Interesse haben die Deutschen bekanntlich einen Verein, einen Verband oder, man geht ja mit der Zeit, eine "Wissensfabrik" (think tank). Sie alle buhlen um Aufmerksamkeit, und dass diese leicht zu gewinnen ist, wenn man nur das Reizthema Schule anspricht, haben auch schon viele herausgefunden. So vergeht kaum eine Woche ohne Forderungen nach irgendeinem neuen Schulfach: Die Bankwirtschaft verlangt mehr ökonomische Bildung (dabei verstehen die Banker ihr Geschäft ja selbst kaum), Umweltorganisationen fordern Naturkunde, Köche und Diätberater sähen gerne Kochen und Ernährung als eigenständiges Fach.
Zwar klagen Schüler und Lehrer schon jetzt über die Fülle des Stoffs in den Lehrplänen, aber das hindert die Lobbyisten nicht, neue Wunschzettel zu schreiben. Verbraucherschützer wünschen sich mehr - man rät es schon - Verbraucherschutzthemen in der Schule; der Bundesverband Darstellendes Spiel fordert das Schulfach Theater, Regisseure hätten gern mehr Unterricht in Film und Filmtheorie; die Architekten die Architektur. Die FDP kann sich eine "Datenschutz-Stunde" vorstellen; der Deutsche Wetterdienst schlägt eine bessere Klimaerziehung vor. Die Brandenburger Feuerwehr dringt auf Brandschutzunterricht. Der Bestseller-Arzt-Autor Dietrich Grönemeyer wirbt für ein Schulfach Gesundheit (und hätte bestimmt nichts dagegen, wenn seine Bücher Schullektüre würden). Ein Hamburger Zeitforscher erkennt bei Jugendlichen einen Mangel an "Zeitkultur". Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik kann sich einen Zeit-Unterricht in der Schule vorstellen. Vielleicht können die Zeitforscher den Kindern und erstaunten Lehrern auch beibringen, wie man es schafft, hundert Themen und Fächer in nur einer Schulwoche unterzubringen?
Die Schule sei nicht der "Erfüllungsgehilfe für Spontaninteressen", sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger. Natürlich gehörten alle wichtigen Themen in die Schule - "aber nicht als Einzelfächer zum Abhaken". Eckinger empfiehlt fächerübergreifenden Unterricht und einen engen Kontakt der Schule mit anderen Institutionen, mit Vereinen und Betrieben. Man werde jedoch nie alle Erwartungen, die an die Schule herangetragen werden, auf einmal erfüllen können.
Die Vielfalt der Gesellschaft und ihrer Themen in die Schule zu holen, ist seit jeher das Credo guter Pädagogik. Es lässt sich aber kaum durch vorgeschriebene neue Fächer verwirklichen. So lange jeder fünfte Neuntklässler Deutschland im Rechnen und Lesen nicht oder nur knapp über das Niveau der Grundschule hinauskommt, sind unzureichende Kenntnisse über das Wetter oder die Filmkunst vielleicht auch nicht das drängendste Problem. Allerdings: Das Einüben mathematischer Kompetenzen und die Leseförderung lassen sich durchaus einbetten in einen inhaltlich anregenden Unterricht, in dem es vordergründig um ganz anderes geht. Zum Beispiel ums Wetter.
Manchmal werden Ideen für ungewöhnliche Fächer an den Schulen selbst geboren. In der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg hat Direktor Ernst-Fritz Schubert das Fach "Glück" eingeführt. Was esoterisch klingt, folgt einer durchdachten pädagogischen Konzeption. Das neue Fach ist eine Mischung aus Sinnsuche und Selbsterfahrungskurs, aus Philosophie, Kunst, Tanz, Gymnastik und Theater. Die Schüler sollen sich zum Beispiel selbst einen Brief schreiben, in dem sie ihre Ziele notieren. Es wird gemeinsam gekocht, die Kinder suchen nach gesunden Lebensmitteln, sie recherchieren deren Herkunft und ermitteln die Transportzeiten. Das Fach Glück nimmt viele Wünsche auf, die immer wieder an die Schulen herangetragen werden. Direktor Schubert hat gleich ein Buch darüber geschrieben - das "Schulfach Glück" (Herder Verlag, 2008) lässt sich ganz gut verkaufen. Auch Pädagogen können zu Lobbyisten in eigener Sache werden.
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