
Darf Kunst Europa lächerlich machen? Muss sie das vielleicht sogar dann und wann? Aber woher denn!, sagt David Cerný. Das will sie doch gar nicht. Jedenfalls wolle er mit seinem Werk niemanden beleidigen oder angreifen. Gelungen ist es dem Tschechen trotzdem: „Entropa“ heißt seine Installation, sein Bildnis aller 27 EU-Staaten, das seit Donnerstag das ehrwürdige Brüsseler Ratsgebäude ziert. Dort, wo sonst die Staats- und Regierungschefs, Minister und tausende Beamte über dem Schicksal Europas brüten – dort hängt jetzt ein Schandfleck. Findet zumindest das offizielle Bulgarien. Es ist in dem Werk, das die tschechische EU-Präsidentschaft in Auftrag gegeben hat, nämlich als türkische Toilette repräsentiert. Bulgarien, der EU-Neuling, als „letzter Dreck“ in Europa? Darf das sein?

Europa hat seine Erfahrung mit „skandalösen“ Kunstwerken, welche die EU verunglimpfen. Oder sie auf die Probe stellen. „25Peaces“ hieß die Ausstellung, die der damalige österreichische EU-Vorsitz 2006 startete. Mit Plakaten von Carlos Aires und Tanja Ostojic, die eine Frau im EU-Slip zeigte. Bis die Veranstalter sie, einigermaßen entnervt von den Vorwürfen Sexismus und Pornografie, unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder abmontierten.
Jetzt dudelt eben ein mannshoher Dudelsack im Ratsgebäude von Brüssel: Sinnbild dafür, dass Irland sich zu sehr aufplustert in der EU, indem es den EU-Vertrag blockiert? Deutschland ist ein Hakenkreuz aus textilen „Autobahnen“, über die Matchbox-Autos rasen. In den Niederlanden geht das Abendland baden – nur die Minarette ragen noch aus dem Wasser. In Österreich, dem Anti- AKW-Land, stehen vier Reaktoren. So what?
Peinlich berührt entschuldigte sich Alexandr Vondra, Europaminister der Tschechen, bei anderen Nationen, die protestierten – wie Bulgarien. Er hatte den Auftrag für „Entropa“, eine Auseinandersetzung mit „Klischees“ in Europa, vergeben. Und schon vor der Eröffnung einen herben Schlag hinnehmen müssen: Projektleiter Cerný hätte mit 26 Künstlern aus den 26 anderen EU-Ländern zusammenarbeiten sollen. Stattdessen erledigte er einfach alles selbst. Er erfand die 26 Künstler samt Lebensläufen – zugunsten der Provokation, wie er sagt. Das Geld für die Installation werde er aber an die Regierung zurückzahlen.
Ein Schelm, wer denkt, das EU-kritische Tschechien könnte den Schwindel um die Künstler und die Attacke auf die EU-Länder insgeheim begrüßt oder sogar geplant haben. Selbst ist das Land mit Anti-EU-Sprüchen seines Präsidenten repräsentiert. „Kunst, nicht mehr und nicht weniger“, sagt Vondra über „Entropa“. Lächerlich habe sich nicht Europa gemacht. Sondern am ehesten Tschechien.
Regina Pöll, EU-Ausstellung: Angriff auf das Abendland, Die Presse 16.01.2009
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