Donnerstag, 1. April 2010

Tiefe Karfreitagsgedanken

Für evangelische Christen ist der morgige Karfreitag, der Tag der Erlösung, der höchste aller religiösen Feiertage, für katholische Christen aber ist es der Ostersonntag, der Tag der Auferstehung. Doch eigentlich sollte man den Karsamstag als den wirklich höchsten, zumindest als den ernstesten aller Tage feiern. Denn er gemahnt an das unergründliche Schweigen der in fernster Tiefe unerreichbar verborgenen Gottheit.

Ein Meister der Sprache wie Hofmannsthals Lord Chandos wusste, wie aussichtslos es ist, das wahrhaft Wichtige, das entscheidend Bewegende in stimmige Worte zu fassen. Man sucht verzweifelt die richtigen Begriffe und endet bei armselig unbeholfenen Worthülsen. Und man weiß: Das Gegenüber wird das, was man sagt oder schreibt, niemals wirklich so verstehen, wie man es zum Ausdruck bringen wollte.

Die Bibel ist voll solcher Missverständnisse. Sie entstehen, weil in den Religionen des Buches Gott nicht aus der Natur erfahren wird, nicht aus dem Glanz des nächtlichen Sternenhimmels oder aus der Strahlkraft der Sonne; er ist kein sich in Flüssen oder Bäumen verbergendes Wesen. Der biblische Gott wird erfahren, weil jene, die von ihm berichten, überzeugt sind, sein Wort gehört zu haben. Doch sicher haben sie ihn nicht immer verstanden. Abraham nicht, der sein eigenes Kind zu opfern bereit war. Moses nicht, der sich einmal Gottes Wort sogar widersetzte. Das Volk nicht, das sich seinen Propheten gegenüber taub stellte. Auch Jesu Jünger nicht, die mit den Gleichnissen und dem Wort vom hereinbrechenden Gottesreich nichts anzufangen wussten. Am allerwenigsten Petrus, von dem die Evangelien mehrfach von peinlichem Unverständnis und Irrtum berichten.

Obwohl man der Gefahr des Missverständnisses nicht entrinnen kann, mag der Wunsch, Gottes Stimme zu hören, zuweilen übermächtig gewesen sein. Denn Gottes Schweigen ist schwer zu ertragen. Eine Mutter blickt verzweifelt in das dunkle Grab, das den Sarg ihres einzigen Kindes umfängt, keiner vermag ihre Tränen zu trocknen, sie betet inständig um Trost – Gott schweigt. In Sekundenschnelle vernichtet eine brutale Sturzflut hunderte Leben – Gott schweigt. Von brennenden Schmerzen zerfressen fleht ein Kranker um ein gnädiges Sterben – Gott schweigt.

Der Gekreuzigte brüllt in barer Hilf- und Hoffnungslosigkeit zu seinem Gott, den er einst, in guten Tagen, liebevoll Abba, Väterchen, gerufen hat. Der Sterbende hört ihn nicht mehr. Hat Gott den Schrei vernommen? Gottes Schweigen lastet über dem Karsamstag.

Laut Schöpfungserzählung entstand der Kosmos durch göttliches Wort, mehrfach gesprochen an sechs Tagen. Am siebenten Tag aber, am Samstag, schweigt Gott. So gesehen symbolisiert der Karsamstag den schon überlangen siebenten Tag, an dem wir hier auf Erden unser Dasein fristen. Wird Gott ewig weiterschweigen? Oder wird es den achten Tag der Vollendung geben, an dem er sein Schweigen bricht?

Rudolf Taschner: Der höchste Tag. Das Schweigen feiern, Die Presse 1. April 2010

Der Autor dieses Beitrages ist Mathematiker und Betreiber des math.space, im quartier21, MQ Wien. Schon seit vielen Jahren fällt mir auf, dass in manchen Zeitungen zu den großen Festen der Christenheit Klügeres und Tieferes zu lesen ist als man von vielen Kanzeln hören kann.

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