Montag, 31. Dezember 2007

Durchlässig

Die Wände zwischen der Welt
der sichtbaren Dinge,
der Farben und Gestalten,
und jener größeren,
die sie umgibt und durchdringt,
sind durchscheinend.
Nichts ist verschlossen.

Wenn mir die Augen aufgehen,
einmal,
nach dem Gang
durch die Zone des Todes,
sehe ich,
was mir ein Geheimnis war,
und ich erkenne so klar,
wie ich jetzt schon erkannt bin.

Jörg Zink

Angekommen

Sonntag, 30. Dezember 2007

Wieder Pfarrer sein

Vier Monate bin nun da in Wien, das erste Weihnachten in der Gemeinde habe ich erlebt. Natürlich mag und wird da noch manches kommen im Laufe des Jahres, aber ich denke, ich kann es soweit abschätzen, dass ich sagen kann: Der Entschluss, hierher nach Österreich zu wechseln, war eine sehr gute Entscheidung. Wenn meine ehemaligen Schüler aus Gelnhausen mir schreiben, dann möchten sie natürlich gerne wissen (und hören bzw. lesen), dass ich hier in der Ferne auch Sehnsucht habe nach meiner alten Stelle und der Schule in Gelnhausen. Tatsächlich erfüllt mich Wehmut allenfalls bei der Erinnerung an die Theatergruppe. So gerne ich unterrichtet habe, - ein Lehrer bin ich eben doch nicht, sondern ein Pfarrer, und es ist gerade die Vielfalt der Anforderungen im Pfarramt, die mich reizt und mir mehr Lust an der Arbeit bereitet als das letztlich doch immer gleichförmige Unterrichten. Zudem bin ich als Pfarrer sehr viel freier (auch in der Zeitgestaltung) und längst nicht so eingespannt in ein System wie ich es als Lehrer in Gelnhausen war. Vielleicht habe ich das eine Zeit lang gebraucht - und darum auch genießen können -, in einem Kollegium von fast 200 Lehrern mehr oder weniger unterzugehen. Aber nun fühle ich mich wirklich wie einer, der zurückgekehrt ist zu dem was er gelernt hat.

Inhalt, Mittelpunkt, Ziel und Grund

Jesus Christus
ist der Inhalt von allem
und der Mittelpunkt,
wohin alles zielt.
Wer ihn kennt, kennt den
Grund aller Dinge.

Blaise Pascal

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Diese Mexikaner...


Unsterblich in den Tod verliebt... Die Thanatophilie macht in Mexiko auch vor dem Weihnachtsmann nicht Halt.

Gefunden auf stern.de

Hinterhofeindruck, ganz unweihnachtlich

Glaubensnetto - ein interessantes Gedankenspiel

"Die tagtägliche unmittelbare Erfahrung vieler Christen in Deutschland besteht im Verlust – die Welt, wie sie sie kannten, scheint verloren zu gehen. Dennoch ist die innerkirchlich unablässig vorgetragene Niedergangsthese völlig unbewiesen. Das hängt mit mehrerem zusammen: mit dem Früher und mit der Freiheit, mit verklärter Vergangenheit und mangelnder Begeisterung für den Pluralismus.

Führen wir zur Klärung einen Begriff ein, der die Niedergangsthese erschüttern kann und der im Übrigen zu sonst nichts zu gebrauchen ist, aber dazu immerhin. Dieser heuristische Begriff heißt: Glaubensnetto.

Wenn man vom Glauben der Menschen alles abzieht, was nicht wirklich dazugehört, dann erhält man das Glaubensnetto, also das, was als unverfälschter Glaube bezeichnet werden kann.

Was sicher abgezogen werden muss: der Zwang, sich gläubig zu geben; der soziale Druck, in der Kirche zu sein; keine Alternative zu haben oder sie sich nicht vorstellen zu können; die Abwesenheit glaubenskritischen Denkens; schlagende Eltern oder Pfarrer; schreiende oder sonstwie drohende Eltern oder Pfarrer; materielle Belohnung für konformes Verhalten; Messen, die zum Zwecke der Einschüchterung des durchschnittlich gebildeten Publikums in Latein gehalten werden.

Dass all dies zum Glaubensbrutto gehört, wird kaum ein Christ im demokratischen Deutschland bestreiten. Natürlich konnten 1960 mehr Kinder das Glaubensbekenntnis auswendig als heute: Aber es wurden auch viel mehr Kinder geschlagen, unter anderem vom Pfarrer, unter anderem damit sie, verdammt noch mal, endlich sagen »und sitzet zur Rechten Gottes«. Nicht zur Linken. Selbstverständlich gab es vor 40 Jahren weniger Scheidungen, aber war das Verhalten der Männer gegenüber jenen Frauen, die nicht weglaufen konnten, wirklich durchgängig christlicher, als es das heute in einer atheistisch geprägten, wilden, aber gleichberechtigten Ehe ist? Nein, da ist vieles schlicht menschlicher geworden, nicht unchristlicher.

Wenn das alles jedoch so ist, wie lässt sich dann begründen, dass der Glaube – netto – in den letzten Jahrzehnten weniger geworden sei? Spricht nicht eher alles dafür, dass das Glaubensnetto immer ungefähr gleich war?

Selbstverständlich wissen weder die Bertelsmann Stiftung noch die innerkirchlichen Pessimisten, noch der Autor, wie groß das Glaubensnetto unserer Gesellschaft ist oder war. Doch genau deshalb, weil man es nicht weiß, legt die depressive Selbstgewissheit vieler Christen ein ganz anderes Problem frei – das Problem, das sie mit der Freiheit haben. Denn der entscheidende Unterschied zwischen, sagen wir, 1960 und 2007 ist nicht der zwischen viel und wenig Glauben, sondern der zwischen wenig und viel Freiheit.

Heute erleben wir, wie sich der Glaube entwickelt, wenn er von jedem äußeren Zwang befreit ist, wenn man nicht glauben muss, sondern darf. Glaube in völliger Freiheit – man könnte das auch als ein beglückendes Erlebnis empfinden.

Drei Quellen sind für diesen Glauben in Demokratie und kultureller Freiheit, jenseits von Obrigkeit und Kanzeltyrannei, verantwortlich. Zum einen die rechtsstaatliche und politische Demokratisierung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit wurde das äußere Band zwischen einer überwiegend autoritären Kirche und autoritären Regimen allmählich immer lockerer. Zum anderen das Zweite Vatikanische Konzil, das zwischen 1962 und 1965 stattfand und die innere Liberalisierung, ja Humanisierung der katholischen Kirche einleitete. Ein Prozess, der freilich sehr lange dauerte und erst durch – dritte Quelle – die studentische 68er-Bewegung beschleunigt wurde. (Natürlich ist das Verhältnis zwischen dem »68« der Kirche, also dem Vatikanum, und dem »68« der Linken dialektischer und widersprüchlicher als hier geschildert. Doch im Ergebnis trugen beide dazu bei, dass jeder Christ heute freier ist als jemals zuvor.)

An dieser Stelle kann man den Begriff des Glaubensnetto auch wieder beiseite legen. Vor allem, damit er nicht wie ein religiöser Energieerhaltungssatz verstanden wird. Nein, die Summe des Glaubens ist nicht immer gleich, auch wenn man nie genau sehen kann, wie groß sie gerade ist.

Darum hört auch der Kampf um die Köpfe, die Herzen und die Seelen nicht auf. Nein, es ist auch nicht egal, ob man sich irgendwie human verhält oder ob man sich als Christ bekennt und davon auch etwas weiß.

Der Begriff des Glaubensnetto soll nicht zur Zufriedenheit mit dem jeweiligen Zustand der Religionen führen, nicht zur Bejahung von Kenntnislosigkeit, Laschheit und Beliebigkeit, sondern nur zur Bejahung der freiheitlichen Umstände, unter denen die kulturellen Auseinandersetzungen um den Glauben geführt werden.

Der Christ kennt immer zwei Freiheiten. Die eine kann ihm keiner nehmen, denn sie kommt aus dem Glauben selbst. Wer sich Gott überantwortet, der ist frei von allen weltlichen Mächten, er kann sich ihnen unterwerfen müssen, aber sie werden seine Seele nicht erreichen. Diese Freiheit kann ein Christ in jedem politischen System leben, wenn er stark ist, also stark glaubt.

Die andere Freiheit ist die politische, die man zum Christsein nicht braucht, die jedoch die einzige ist, die zum Christentum passt. Denn die Gleichheit des Menschen vor Gott verlangt nach der Gleichheit vor dem Gesetz, die individuelle Verantwortung vor Gott bringt den freien Bürger mit sich.

Damit einher geht allerdings auch der Pluralismus. Um das Paradox auf die Spitze zu treiben: Eine Gesellschaft, in der alle Menschen Christen sind, müsste auch und gerade Christen sehr verdächtig vorkommen."

Bernd Ulrich: Der Glaube wird frei, DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52

Döbling

Alter

"Nur große Herzen wachsen im Alter. Die kleinen schrumpfen."

Robert Pinget, Tintenkleckse. Monsieur Traums letztes Notizheft

Wien 19, Billrothstraße