Samstag, 3. Januar 2009
Mut zum radikalen Fragen
Hiermit ist in diesem Fall nicht gemeint: Der Prüfungscharakter des Lebens, die Erlangung des ewigen Lebens oder dergleichen. Es ist der absolute Sinn gemeint, also: Warum und wozu erschuf/erschafft Gott das Leben?
Ich versuche das Problem verständlich auszudrücken, daher verzeihen Sie mir, falls ich mich wiederhole:
Ich versuche das an einem „Handfesten“ Beispiel zu verdeutlichen:
Möglichkeit a) Gott erschafft nichts. Niemand muss leiden, denn niemand existiert. Niemand kommt in die Hölle.
Möglichkeit b) Gott tut das, was er getan hat, und erschafft die Schöpfung. Damit kommt das Leid.
Wäre nicht eigentlich Möglichkeit a die weitaus bessere Entscheidung gewesen?
Was also ist der Sinn der Schöpfung an sich?
Überlegung eines Lesers (Pseudonym "Friedrich Spee") auf www.kreuz.net
Prima Klima
www.wien.info (Offizielle Seite der Touristeninformation)
Freitag, 2. Januar 2009
Dienstag, 30. Dezember 2008
Religion
Manager stehen offen dazu, dass sie sich zu spirituell-religiösen Seminarien ins Kloster zurückziehen. Die Politiker greifen in ihren Reden immer öfters zu religiöser Metaphorik. Reisen an religiöse Kultorte sind ausgebucht, Bücher über die Beschreitung des Jakobswegs werden zu Bestsellern. Heute kann ein Jugendlicher ohne Scham sagen, dass er zum Weltjugendtag in Köln pilgert. Die religiösen Gefühle werden wie selbstverständlich zu Tischgesprächen - was in den Benimmbüchern des 20. Jahrhunderts noch als verpönt galt, weil das Thema einer gepflegten Tischunterhaltung zuwiderlaufe. Heute sind Gespräche über Spiritualität, Religiosität oder Religion salonfähig geworden.
Die verschwundene Scham, sich zur Religion zu bekennen, weiß selbstverständlich auch die Tourismusbranche für sich zu nutzen. Schon seit Ende der 90er-Jahre verzeichnen die Wallfahrtsorte neuen Zuspruch. Strittig ist allerdings, ob sich in der Wiederentdeckung dieser alten Tradition auch eine neue Hinwendung zur Religion spiegelt ...
Religionen werden, anders als in der Vergangenheit, heute nicht primär dadurch interessant, dass sie Wissen über die Zukunft vermitteln können, sondern dadurch, dass sie auf die Unvorhersehbarkeit der Zukunft verweisen und die damit verbundene Kontingenz bearbeiten. Kontingenz bezeichnet einerseits das gemeinsame Auftreten zweier Ereignisse, anderseits aber auch einen Status der Ungewissheit und Offenheit möglicher künftiger Entwicklungen. Auch davon leben die Religionen: Die rationale, von Unwägsamkeiten geprägte moderne Welt erzeugt erst recht das Bedürfnis nach Gegenwelten, nach Wiederverzauberung, weil man sich in diesen Zauberwelten besser verständigen kann.
Hinzu kommt eine Orientierungslosigkeit in unserer Wissensgesellschaft. Sie führt zur Suche nach einem neuen Lebenssinn, oft eben in einer transzendenten Sicht und Hoffnung, so irrational diese manchmal auch zu sein scheint. Dem entspricht es, dass theologisches Wissen für diese Religiosität weitgehend irrelevant ist, auch wenn das den Theologen zuwiderläuft, die von der Wiederkehr der Religion zu profitieren hofften. Die neue Religiosität kommt ohne theologisches Grundwissen und ohne die christliche Heilsbotschaft aus, schulische Bestrebungen, den Religionsunterricht abzuschaffen, verstärken diesen Eindruck. Die ungezählten neuen Bücher in den Buchhandlungsregalen sagen zwar viel aus über Esoterik und Religiosität, aber sehr wenig beispielsweise über die Bedeutung des Christentums auf die westliche Entwicklung inklusive Demokratie und Markt. Glauben und Wissen, Theologie und Frömmigkeit, waren eben schon immer zwei verschiedene Dinge. Kurzum: Vermutlich kehrt nicht das Christentum wieder und schon gar nicht ein Kirchenglaube, sondern eine esoterisch angehauchte und popkulturell angetragene Religiosität.
Das Unbehagen über die eigene Gegenwart führt seit Menschengedenken dazu, dass man sich auf die Religion besinnt, und auch heute scheint sich diese Erkenntnis zu bewahrheiten, wenngleich die Rückbesinnung mehrheitlich auf eine eher diffuse, in ihren Konturen kaum genau beschreibbare Religiosität erfolgt. Wichtig erscheint dabei vorrangig das Wahrnehmen und Ausleben eines religiösen Grundgefühls, unwesentlich die konkreten Gehalte und deren innere Stimmigkeit. Im Lehrschreiben "Fides et ratio" hat Papst Johannes Paul II. allerdings daran erinnert, dass ein Christentum, das nicht mehr eine an der Tradition geschulte Urteilskraft besitzt, an Urteilskraft verliert. Dennoch wird das Religiöse weniger in überlieferten Gesetzen der Weltreligionen gesucht als in einer selbst gebastelten Religiosität. In dieser Struktur mag für die Konfessionen eine Bedrohung liegen, gerade für das Christentum könnte dies aber auch als Chance begriffen werden im Hinblick auf eine neue Bedeutung für die Menschen.
Unbestritten wird die Menschheit in Zukunft mit mehr Krisen und Disruptivem zu kämpfen haben. Ohne Religion im Sinne von Lebensbewältigungspraxis wird das Leben mühsam. Gerade in einer technologisch perfektionierten Welt, die alles und jedes in den Griff bekommen will, den Zeitpunkt der Geburt genauso wie den des Todes, nimmt das Verlangen nach einer nicht kontrollierbaren Ebene zu. Wenn Anfang und Ende des Lebens manipuliert werden können, erzeugt das Unbehagen, geraten die Grundfeste unserer alltäglichen Lebensüberzeugung ins Wanken. Diese Art von Unbehagen führt dazu, dass man glaubt, es gebe eine Welt, die einem das Leben erträglicher macht, eine Welt, die stärker ist als die reelle Welt, weil sie genau dort auftritt, wo wir keine Verfügbarkeit über die Dinge mehr haben. Schließlich hat der moderne Wille, das Unverfügbare verfügbar zu machen, nur den Raum des Unverfügbaren ausgeweitet (Gross). Als Reaktion darauf rückt die existenzielle Bedeutung wieder stärker in den Vordergrund, das Bedürfnis nach dem existenziellen Hunger (Bosshart), der sich abkehrt von der Übersättigung und sich auf das Natürliche, Einfache zurückbesinnt. Zu viel Convenience und Komfort macht unglücklich.
Die interaktive Medienwelt bleibt nicht ohne Folgen auf die Religiosität. Man stellt nicht nur mit einer großen Selbstverständlichkeit die eigenen Sexualpraktiken ins Internet, um so seinen Partner zu finden, sondern exhibitioniert sich auch im Religiösen. Im Kampf um Aufmerksamkeit akzeptiert man alles, was einem neue Erlebnisse und neue Bekanntschaften vermitteln kann. Für die älteren Generationen war der digitale Exhibitionismus noch undenkbar. Sie ist aufgewachsen mit einem strikten Regulativ des Verbotenen und des Erlaubten. Was auch beruhigend war, wurde dadurch das Öffentliche und das Private klar abgegrenzt und war nicht infrage zu stellen. Diese Grenzziehung ist verschwunden. Wenn ein heutiger Schüler einen Aufsatz zum Thema "Auf frischer Tat ertappt" schreiben muss, fällt ihm nichts dazu ein. Weil fast alles erlaubt ist. In der exhibitionistischen Gesellschaft wird der private Raum mehr und mehr zugunsten des Open Space zurückgedrängt.
Offen über Religion zu reden war früher dem Pfarrer und den Religionsintellektuellen vorbehalten. Jetzt reden alle darüber, unabhängig der sozialen Schicht, mit teilweise synkretistischen Folgen, das heißt, man vermischt religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Religiosität ist Lebenshilfe, sie ist nützlich, weil sie entlastet und Hoffnung schenkt. Tut sie das nicht mehr, legt man sie wieder ab. Die heutige Religiosität ist konsumistisch geprägt, mit einer geringen Halbwertszeit verbunden, und sie erlaubt die Wahlfreiheit, eine Religion auszuprobieren, bis man sie nicht mehr will. Das hat viel mit Selbstdarstellung zu tun, mit einer Zugehörigkeit, die sich nicht über Konfessionalität definiert. Früher war man Protestant, Katholik oder Jude. Mit dem Aufkommen der globalisierten Konsumwelt wurde eine Art Entlokalisierung möglich: Man muss sich nicht mehr irgendwelchen lokalen Verbänden verpflichtet fühlen, sondern hat die Möglichkeit, ungestraft selbst zu wählen.
Authentizität zeigt sich in der inneren Stärke, zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen zu stehen und dementsprechend zu handeln. Keine einfache Aufgabe, schon gar nicht, wenn es um die religiöse Authentizität geht. Authentizität setzt eine gefestigte Individualität voraus, Authentizität muss man sich also erarbeiten. Diese Arbeit ist dem Individuum, bestenfalls einer kleineren Gruppe vorbehalten, nicht aber der großen Masse. Deren Form der Authentizität äußert sich in der Konformität. Die große Masse wird sich an der Simulation orientieren.
Religiöser Pluralismus ist eine gesellschaftliche Tatsache geworden. ... Volkskirchen geraten in Bedrängnis. Für eine wachsende Zahl ungebundener, religiös-suchender Menschen erscheinen sie als Religionen unter Hunderten auf dem Markt. In diesem religiösen Wettbewerb in einer globalisierten Welt, in der sich der Einzelne immer flexibler und national ungebundener verhält, haben die traditionellen Religionen allerdings den unschätzbaren Vorteil, dass sie stark verankerte Wurzeln bieten: Man besinnt sich auf die Halt gebenden Rituale der Taufe oder der Heirat. Wo auch immer man sich auf der Welt befindet - die Identität der Kirche bleibt überall die gleiche. Bei der Religion spielt nicht nur das Bewusstsein eine Rolle, sondern auch die Handlungsfunktion. Unter dem Aspekt der Religion werden bestimmte Handlungsformen vollzogen.
Das überdimensionierte Kreuz, das sich Popsängerin Madonna um den Hals hängt, Jesus mit Dornenkrone auf dem Slip - religiöse Motive als Modeaccessoires wurden lange Zeit als Provokation empfunden. Mittlerweile haben sie Kultcharakter und werden von den Jugendlichen dementsprechend imitiert. Man kupfert von religiösen Ritualen ab, ohne sie mit Inhalten in Verbindung zu bringen. Es geht um Gags, um Überspielungen, um Gruppenzugehörigkeit. Heute trägt man demonstrativ eine Rosenkranzkette um die Hand gebunden, wenn möglich von Dolce & Gabbana.
Die Wahl Ratzingers zum Papst ist der Versuch, am Alten festzuhalten. Aber die künftige Religionswelt wird anders aussehen und wird die gelebte Religion stärker berücksichtigen müssen. Nicht neu übersetzt will die Bibel werden, sondern neu ausgelegt. Das Phänomen der Entzauberung durch Pluralisierung könnte zu einer neuen Form der Aufklärung in der Form führen, als man Religion neu strukturiert, ihr neue Bereiche zuweist, was vielleicht auch zu einem Überdenken der Rolle von Kirche und Staat führen kann.
Man könnte sich finden in der Einsicht, dass man Probleme hat, dass es Unverfügbares gibt, Dinge, mit denen man nicht zurande kommt. Wenn diese Religionsvertreter dann einsähen, dass diese Grundbefindlichkeit, dieses Fundament von den Weltreligionen in ihrer Substanz unterschiedlich bearbeitet werden müsste, könnte eine empathische Religion entstehen, oder, um George W. Bush im positiven Sinn zu erwähnen, ein "passionate conservatism", der mitfühlt, mitdenkt, mit leidet im Bewusstsein, dass die anderen genau die gleichen Probleme haben.
Die Verlässlichkeit der traditionellen religiösen Institutionen, die sich neben all ihren Schwächen doch auch Verdienste erworben haben beispielsweise durch ihren Einfluss auf den kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt, dürfen nicht unterschätzt werden. Auf das, was die traditionellen Religionen an Kultur gestiftet haben und stiften, kann auch die moderne Gesellschaft nicht verzichten.
"Religion ist Heimat". Gekürzte Dokumentation einer Diskussion zum Thema "Welche Zukunft hat der Glaube?" in der WELT
Jahrzehntelang sind nun praktisch-theologische Arbeiten erschienen über die Religiosität in Fußballstadien oder Kunstmuseen, über Religion in der Werbung und in allen möglichen Bereichen des Alltags; seit langem beobachten die Kirchen mit großem Interesse die Renaissance der Religiosität - aber für die wenigsten religiös Suchenden unserer Tage bieten die traditionellen Religionen und Konfessionen die passenden Antworten. Suchen ist eine Haltung des modernen Menschen, Ausdruck des Unterwegsseins, der Offenheit - Finden und sich dazu zu bekennen, das wäre eine Einschränkung des offenen Kosmos der Möglichkeiten. Noch ist die Zeit nicht reif dafür, dass auch solche Selbstbeschränkung wieder angesehen wäre.

