Freitag, 20. Februar 2009

Der da oben wird es gut finden

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"Schwul und katholisch zu sein, das habe ich nie als Konflikt empfunden", sagt Mönter. "Doch die kirchliche Ablehnung von Homosexualität hat mich ins Zweifeln gebracht und war ein Grund für den Austritt aus der katholischen Kirche: Die wollen mich ja eh nicht, habe ich gedacht."

Doch immer wieder arbeitete Mönter an kirchlichen Themen: "Da habe ich gelernt, dass Kirche und Glauben mir was geben müssen." Der damalige Aids-Pastor Rainer Jarchow ermutigte Mönter, wieder in die Kirche einzutreten - seither ist Mönter evangelisch.

Was daran anders sei als am Katholischsein? "Nix!" sagt er fröhlich. "Die Dinge, die man als Tradition mitbekommen hat, kann man doch mit rüberretten. Der da oben wird es gut finden, und der Papst kriegt es nicht mit."

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Aus einem Artikel im Hamburger Abendblatt über Friedhelm Mönter. (Misha Leuschen: "Ich wollte Papst werden". Schwul und katholisch? Das passte nicht zusammen. Deswegen wurde der NDR-Moderator evangelisch.)

Katholische Kirche Weinhaus

... vom Evangelischen Zentrum in der Severin-Schreiber-Gasse aus gesehen.

100 Jahre Manifest des Futurismus

Am Morgen des 20. Februar 1909 traf die Leser des konservativen Pariser "Figaro" ein Schock. Der Hauptartikel auf der Titelseite forderte, Feuer an die Regale der öffentlichen Bibliotheken zu legen, Museen unter Wasser zu setzen und mit Spitzhacken, Äxten und Hämmern ganze Städte zu zerstören. Es handelte sich um das "Manifest des Futurismus" - Auftakt einer Kunst-Revolte, die auf die europäische Avantgarde einen großen Einfluss ausüben sollte. Unterzeichnet war das Manifest von einem Italiener: Filippo Tommaso Marinetti.

Als Sohn eines wohlhabenden Rechtsanwaltes wurde Marinetti 1876 im ägyptischen Alexandria geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Seine Schulzeit beendete er in Paris, aber trotz allem Zauber, den die französische Metropole auf ihn ausübte, blieb er "unbeugsam italienisch". Italien war erst seit 1870 ein Nationalstaat. Zwischen dem industrialisierten Norden und dem agrarischen Mezzogiorno lagen Welten. Wie in Deutschland, der anderen "verspäteten Nation", wollten Marinetti und seine Mitstreiter die politische Einheit ihres Landes mit Hilfe der Kunst befördern. Aber während in Deutschland der Stolz auf die Kulturnation an die Weimarer Klassik anknüpfte, verband sich die Kulturpropaganda der italienischen Futuristen mit einer rabiaten Absage an Geschichte und Tradition des eigenen Landes.

Vatikan und Monarchie sollten verschwinden. Das Futuristische Manifest verlangte, Italien "vom Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare" zu befreien. Der Vergangenheitskult wurde von Zukunftsbegeisterung weggefegt, das Aufbrüllen der Auto- und Flugzeugmotoren übertönte das "kraftlose Murmeln" der Tradition. Fabriken und Bahnhöfe, Werften und Flughäfen wurden zu Denkmälern der Neuzeit. Die Stadt, nicht das Land war der natürliche Aufenthaltsort des modernen Menschen. Und ein Rennauto war schöner als die Nike von Samothrake.

Das Manifest nahm die hysterische Begeisterung vorweg, mit der sich wenige Jahre später ein Großteil des europäischen Bürgertums in den Ersten Weltkrieg stürzte: "Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes." Das "Wir" war dabei eine Fiktion: Marinetti alleine schleuderte sein Manifest "voll mitreißender und zündender Heftigkeit" in die Welt.

Die Avantgarde der europäischen Künstler ließ sich davon anstecken. Der "Manager des Futurismus", wie Marinetti von Marcel Duchamp genannt wurde, startete eine der erfolgreichsten PR-Aktionen in der Geschichte der modernen Kunst.

Die dazu notwendigen materiellen Mittel lieferte das väterliche Erbe. Marinetti inszenierte zunächst in den norditalienischen Städten futuristische Abende. Sie begannen stets mit einer Publikumsbeschimpfung und einer Verspottung der lokalen Honoratioren, bevor aggressive Happenings die Zuschauer vollends in Rage brachten. Darauf hatte Marinetti gewartet: Er hielt jede Veranstaltung für misslungen, die nicht im Tumult und mit der polizeilichen Festnahme der futuristischen Künstler endete.

Dann begann der europäische Werbefeldzug. Ausgehend von der Pariser Galerie Bernheim-Jeune wurde die erste Futuristische Kunstausstellung in allen europäischen Metropolen gezeigt. Im April und Mai 1912 war sie in Herwarth Waldens Berliner Sturm-Galerie zu sehen. Als der Maler Umberto Boccioni sich über mangelnden Publikumszuspruch beschwerte, reiste Marinetti an, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Im offenen Wagen rasten Marinetti und Boccioni mit Walden und seiner Frau Nell durch die Straßen von Berlin, warfen Flugblätter unter die Passanten und brüllten: "Eviva Futurista!"

Schlagartig wuchs das Publikumsinteresse. Jetzt zählte die Ausstellung an manchen Tagen mehr als tausend Besucher. Der Höhepunkt der Popularität war erreicht, als die Lustigen Blätter eine Sondernummer mit der Überschrift "Salon der Meschuggisten" herausbrachten: "Die neue Malkunst gleicht der neuen Mode - Es ist schon Wahnsinn und ihr fehlt Methode." Die futuristische Bewegung begleitete von Anfang an eine Konkurrenz der Kunstgattungen.

Wortführer der Maler war Umberto Boccioni, dessen eindrucksvolle Versuche, "Urformen der Bewegung im Raum" darzustellen, auf die Maler des Expressionismus und Kubismus einen großen Einfluss ausübten. Eifersucht auf die öffentliche Anerkennung der Maler ließ Marinetti seine Anstrengungen verstärken, eine futuristische Lyrik zu entwickeln. In seinen Gedichten ahmte er Maschinengewehrfeuer und Artillerielärm nach: Zang-Tumb-Tum-Tumb-Tuuuum. "Die Kunst des Lärms" hieß eine Demonstration, die Marinetti in London veranstaltete. Als ein englischer Futurist an die Front in Flandern kam, schrieb er nach Hause, in Erinnerung an Marinettis Auftritt sei ihm der Schützengraben ungewöhnlich ruhig erschienen.

Marinetti wollte die Sprache aus dem "Gefängnis des lateinischen Satzbaus" befreien. Parole in libertà - Worte in Freiheit hieß sein Programm, das die Abschaffung von Zeichensetzung und Syntax sowie den Verzicht auf Adjektive und Adverbien verlangte. Verben sollten nur noch im Infinitiv benutzt werden. In Deutschland wurden von diesem Programm Gottfried Benn und vor allem Johannes R. Becher beeindruckt, der ein Gedicht mit dem Titel "Die neue Syntax" schrieb. Alfred Döblin dagegen bewunderte nur die Malerei der Futuristen - die Lyrik Marinettis nannte er "Müll". Er weigerte sich, in seinen Gedichten einzig "das Meckern, Paffen, Rattern, Heulen, Näseln der irdischen Dinge" zu imitieren: "Pflegen Sie Ihren Futurismus. Ich pflege meinen Döblinismus."

Marinetti hatte den Futurismus nicht auf das Programm einer Kunstrichtung einengen wollen. Ihm ging es um die Propagierung einer alternativen Lebensform, die sich voller Enthusiasmus in eine Industriegesellschaft einpasste, die stärker von sozialistischen als von kapitalistischen Ideen geprägt wurde. In immer neuen Manifesten versuchte Marinetti, jede Facette des modernen Alltags ins Außergewöhnliche zu heben. Italien war dabei das bevorzugte Experimentierfeld. "Unermüdlicher und genialer Verfechter des italienischen Nationalgefühls" - so nannte Mussolini Marinetti. Die Beziehung des Futurismus zum Faschismus aber war kompliziert. 1914 trafen sich Mussolini und Marinetti zum ersten Mal. Beide waren für den Eintritt Italiens in den Krieg. Marinetti meldete sich 1916 zu den "Freiwilligen Radfahrern und Automobilisten"; viele Futuristen fielen an der Front.

Als 1919 die Faschistische Partei Italiens gegründet wurde, schloss Marinetti sich ihr an. 1920 aber trennte er sich wieder von Mussolini, als dieser mit dem italienischen Bürgertum paktierte, um an die Macht zu kommen. Für den "Duce" wiederum war der Führer der Futuristen zu einem extravaganten Clown geworden, der Politik spielen wollte.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Marinetti nicht mehr; er starb 1944 in Bellagio. Der Futurismus war ein entscheidender Katalysator der europäischen Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. (...)


Wolf Lepenies: Die Moderne begann mit einem Knall. Größe und Wahn einer Bewegung: 100 Jahre "Manifest des Futurismus", Die Welt, 20.02.2009

Donnerstag, 19. Februar 2009

Natur und Kultur

Leben!

Von nichts kommt nichts,
aber alles Leben schreit nach Leben.

Blick aus der Ranftlgasse

Der heilende Spiegel

Der Spiegel geht vorüber; der Spiegel heilt. Er, der „in diese Welt kommt und jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9), ist der wahre Spiegel des Vaters. Christus geht vorüber als Spiegel des Vaters (Hebr 1,3) und nimmt die Blindheit von den Augen derer, die nicht sehen. Christus, der vom Himmel kommt, geht vorüber, damit alles Fleisch ihn sehe, gemäß dem prophetischen Wort Simeons, des heiligen Greises; er hatte das neugeborene Wort in seine Arme genommen, es mit Freude betrachtet und gesagt: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen“ (Lk 2,29-39).

Allein der Blinde konnte Christus nicht sehen, den Spiegel des Vaters. Wie erwies sich dann die Zuverlässigkeit dessen, was die Propheten angekündigt hatten: „Die Augen der Blinden werden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen, der Lahme springt wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf“ (Jes 35,5-6)? Christus hat die Augen des Blinden geöffnet, der in Christus den Spiegel des Vaters gesehen hat. Wunderbare Arznei gegen die Natur! ...

Er erste Mensch war lichtvoll geschaffen worden, aber als er von der Schlange wegging, entdeckte er, dass er blind war: dieser Blinde begann wieder ein neuer Mensch zu werden, als er sich anschickte zu glauben. Denn sein Körper war zerbrechlich, und seine Natur war obendrein verdorben. Er hatte doppelten Bedarf an Licht... Der Meister, sein Schöpfer, ist vorübergegangen und hat, weil er das Elend des Blinden sah, im Spiegel das Bild des gefallenen Menschen wiedergegeben. Ein Wunder der Kraft Gottes, die heilt, was sie sieht, und ans Licht hebt, was sie untersucht.


Aus einer dem Fulgentius von Ruspe (467-532) zugeschriebenen Homilie zu Mk. 8, 22 - 26

Eckgebäude in Ottakring

Zweibeinige

Die meisten Ruinen auf der Welt haben zwei Beine.

Jean Genet

Gewebe