CHiLLi: Ist der Zugang zum Tod in Wien tatsächlich ein spezieller?
Wittigo Keller: Die Außergewöhnlichkeit dieser Stadt hat darin bestanden, den Tod in einer Form zu inszenieren, wie es auf der Welt einzigartig ist. Es war weniger die Auseinandersetzung mit dem Tod, als die Möglichkeit, eine ideale Selbstdarstellung der eigenen Person zu realisieren. Eigene Produktionsstätten wurden entwickelt für Uniformen, Kopfbedeckungen und Equipment. Diese letztmalige Selbstdarstellung mit dem Bedürfnis, für die Ewigkeit präsent zu sein, als besonderes Denkmal auf dem Friedhof, die ist in dieser Stadt das Besondere.
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CHiLLi: Warum gibt es noch immer so viele Vorbehalte gegen die Feuerbestattung?
Wittigo Keller: Der prozentuelle Anteil der Feuerbestattung liegt derzeit bei ungefähr zwanzig Prozent. Die Gründe dafür mögen in der Vergangenheit liegen, dass die Urne einfach zu klein und zu unscheinbar war, als dass sie in einem theatralischem Konzept, wie es die schöne Leich damals gewesen ist, die Repräsentanz gehabt hätte, die notwendig war. Und psychologisch gibt es das Transformationsproblem. Viele alte Menschen haben große Schwierigkeiten, einen geliebten Freund, 1,78 Meter groß, dann plötzlich in einer relativ kleinen Dose wiederzufinden.
CHiLLi: Inwiefern ist Kannibalismus eine Form des Umgangs mit dem Tod?
Wittigo Keller: Kannibalismus im Sinn der Ritualisierung, wie wir sie in ganz veränderter Form im mexikanischen Tod, dem „altar de los muertos“, finden, ist sicher eine mögliche Umgangsform. Sieh dich als nicht unsterblich, betrachte dich, und eines Tages wirst du so enden, den Tod in sich aufzunehmen, sich selbst zu verzehren, und damit den Tod zu überwinden.
CHiLLi: Gibt es das Denken noch, dass man mit dem Verspeisen die Kräfte des Opfers übernimmt?
Wittigo Keller: Das war die ursprüngliche Idee des rituellen Kannibalismus, wie wir ihn bei vielen außereuropäischen Völkern vorgefunden haben, was letztlich auch dazu geführt hat, einzelne Teile des Körpers zu ritualisieren. Es wurden aus Schädelhälften Masken hergestellt, es wurden ganze Kirchen, auch in Europa, wie die von Kutna Hora
(in Tschechien nahe Prag, Anmerkung der Redaktion) ausgestattet, indem Luster oder Altäre aus Totenschädeln gemacht wurden. Eine Konfrontation mit dem Tod durch den Schädel als möglicherweise letzte Instanz eines Körpers zu zeigen und ihm damit Unsterblichkeit verleihen zu können.
CHiLLi: Warum ist die Bestattung und der ritualisierte Umgang mit dem Tod so bedeutend?
Wittigo Keller: Es ist unwahrscheinlich schwer, sich dem Tod zu stellen und ihn zu akzeptieren. Da gibt es Grundvoraussetzungen in der Gesellschaft, die das blockieren. Und Ritualisierungen und Inszenierungen sind die Möglichkeit, eine Kompensationsmöglichkeit zu schaffen, für sich selbst, und das Bedürfnis der Umgebung.
CHiLLi: Die beiden letzten großen Bestattungen in Wien waren die Bestattung von Kaiserin Zita und Falco. Beide wurden von Bestattung Wien durchgeführt?
Wittigo Keller: Zita war das Finale des letzten Pomps, einer Nostalgie, einer k. und k. Periode. Das Begräbnis von Falco hat eigentlich eine neue Dimensionierung eingeleitet. Eine Rockoper, ein Spektakel. Wir müssen bedenken, dass gerade Menschen im öffentlichen Leben, vor allem, wenn sie in der Kulturszene tätig waren, ihr Begräbnis als die allerletzte und größte Show betrachten.
(Aus einem
Interview auf ChiLLi.cc)