Mittwoch, 31. Oktober 2007

Konvertiten

















Gefunden auf spiegel.de

Niederbayern - wo die Welt noch in Ordnung ist

"Rotthalmünster - Proteste von katholischen Kirchenvertretern in Niederbayern haben dazu geführt, dass zwei Bilder aus der Ausstellung 'Das Schwein in der Kunst' im Museum Kloster Asbach in Rotthalmünster entfernt wurden. Betroffen ist das Bild 'Dinner für 13' des Wiener Malers und Mitbegründers der EAV Nino Holm: eine Parodie des 'Letzten Abendmahls' mit Schweinen anstelle von Jesus und seinen Jüngern. Holms 'Mona Lisau' blieb hingegen unbehelligt.

Das zweite zensierte Bild ist die Aktfotografie 'Schweinebauch weiblich' der niederbayerischen Künstlerin Gisela Hellinger. Auf dem Foto ist ein gemalter Schweinekopf auf einem nackten Frauenbauch zu sehen - was dem katholischen Frauenbund missfiel.

Durchgesetzt

Zunächst waren die Bilder wochenlang ohne Proteste ausgestellt worden. Dann hatte es wegen der Kunstwerke Beschwerden vom Bistum Passau und dem katholischen Frauenbund gegeben. Den Künstlern wurde - von Kirchenvertretern - 'Frauenfeindlichkeit' und 'Blasphemie' vorgeworfen. 'Auf Grund dieser sehr heftigen Kritik hat der Landrat verfügt, dass die beiden Bilder nicht mehr gezeigt werden', erklärte der Sprecher des Landratsamtes, Eduard Bosch. Es sollten keine religiösen Gefühle verletzt werden.

Der Landkreis ist Veranstalter der Ausstellung. Auf Anregung des Kulturreferats des Kreises wurden die Bilder zunächst noch mehrere Tage lang in einen Nebenraum Interessierten gezeigt. Diese Nebenschau ist nun aber vom Landratsamt beendet worden, die Kunstwerke werden nun gar nicht mehr präsentiert.(APA/dpa/red)"

(Gefunden im Standard vom 30. 10. 2007)

Dienstag, 30. Oktober 2007

Lichtschirm für herbstliche Gedanken

Wien und der Tod

CHiLLi: Ist der Zugang zum Tod in Wien tatsächlich ein spezieller?
Wittigo Keller: Die Außergewöhnlichkeit dieser Stadt hat darin bestanden, den Tod in einer Form zu inszenieren, wie es auf der Welt einzigartig ist. Es war weniger die Auseinandersetzung mit dem Tod, als die Möglichkeit, eine ideale Selbstdarstellung der eigenen Person zu realisieren. Eigene Produktionsstätten wurden entwickelt für Uniformen, Kopfbedeckungen und Equipment. Diese letztmalige Selbstdarstellung mit dem Bedürfnis, für die Ewigkeit präsent zu sein, als besonderes Denkmal auf dem Friedhof, die ist in dieser Stadt das Besondere.

(...)

CHiLLi:
Warum gibt es noch immer so viele Vorbehalte gegen die Feuerbestattung?
Wittigo Keller: Der prozentuelle Anteil der Feuerbestattung liegt derzeit bei ungefähr zwanzig Prozent. Die Gründe dafür mögen in der Vergangenheit liegen, dass die Urne einfach zu klein und zu unscheinbar war, als dass sie in einem theatralischem Konzept, wie es die schöne Leich damals gewesen ist, die Repräsentanz gehabt hätte, die notwendig war. Und psychologisch gibt es das Transformationsproblem. Viele alte Menschen haben große Schwierigkeiten, einen geliebten Freund, 1,78 Meter groß, dann plötzlich in einer relativ kleinen Dose wiederzufinden.

CHiLLi: Inwiefern ist Kannibalismus eine Form des Umgangs mit dem Tod?
Wittigo Keller: Kannibalismus im Sinn der Ritualisierung, wie wir sie in ganz veränderter Form im mexikanischen Tod, dem „altar de los muertos“, finden, ist sicher eine mögliche Umgangsform. Sieh dich als nicht unsterblich, betrachte dich, und eines Tages wirst du so enden, den Tod in sich aufzunehmen, sich selbst zu verzehren, und damit den Tod zu überwinden.

CHiLLi: Gibt es das Denken noch, dass man mit dem Verspeisen die Kräfte des Opfers übernimmt?
Wittigo Keller: Das war die ursprüngliche Idee des rituellen Kannibalismus, wie wir ihn bei vielen außereuropäischen Völkern vorgefunden haben, was letztlich auch dazu geführt hat, einzelne Teile des Körpers zu ritualisieren. Es wurden aus Schädelhälften Masken hergestellt, es wurden ganze Kirchen, auch in Europa, wie die von Kutna Hora (in Tschechien nahe Prag, Anmerkung der Redaktion) ausgestattet, indem Luster oder Altäre aus Totenschädeln gemacht wurden. Eine Konfrontation mit dem Tod durch den Schädel als möglicherweise letzte Instanz eines Körpers zu zeigen und ihm damit Unsterblichkeit verleihen zu können.

CHiLLi: Warum ist die Bestattung und der ritualisierte Umgang mit dem Tod so bedeutend?
Wittigo Keller: Es ist unwahrscheinlich schwer, sich dem Tod zu stellen und ihn zu akzeptieren. Da gibt es Grundvoraussetzungen in der Gesellschaft, die das blockieren. Und Ritualisierungen und Inszenierungen sind die Möglichkeit, eine Kompensationsmöglichkeit zu schaffen, für sich selbst, und das Bedürfnis der Umgebung.

CHiLLi: Die beiden letzten großen Bestattungen in Wien waren die Bestattung von Kaiserin Zita und Falco. Beide wurden von Bestattung Wien durchgeführt?
Wittigo Keller: Zita war das Finale des letzten Pomps, einer Nostalgie, einer k. und k. Periode. Das Begräbnis von Falco hat eigentlich eine neue Dimensionierung eingeleitet. Eine Rockoper, ein Spektakel. Wir müssen bedenken, dass gerade Menschen im öffentlichen Leben, vor allem, wenn sie in der Kulturszene tätig waren, ihr Begräbnis als die allerletzte und größte Show betrachten.

(Aus einem Interview auf ChiLLi.cc)

Währing in der Nacht

Passend zum Reformationstag...

Was verstehen Sie unter dem Begriff "Reformation" und wer hat sie eingeleitet?



Aus einem „Einbürgerungstest“ auf welt-online.

Wenn der Rechnungshof den Geheimdienst unter die Lupe nimmt...

"Vor den strengen Augen und Taschenrechnern der Rechnungshofprüfer sind alle gleich: Da können die Beamten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, wie der österreichische Geheimdienst zivilisiert heißt, noch so geheime Organisationen beschatten und noch so gefährliche Terroraktivitäten verhindern, am Ende heißt es schlicht: Die Überstunden an Sonn- und Feiertagen müssen um 25 Prozent gekürzt werden! Und bitte weniger Dienstfahrten, jetzt muss einmal gespart werden! Klingt vertraut. Auch dass eine alte Immobilie, die im konkreten Fall mehr aufgrund ihrer guten Lage, denn ihrer (vergammelten) Innenausstattung zu viel kostet, erscheint nachvollziehbar. Aber wenn ein derart eigenständig agierendes Amt erst 2006 so etwas Ähnliches wie ein Budget zusammenbringt, darf man getrost von einem österreichischem Unikum sprechen.
Nicht ganz so unterhaltsam sind andere Empfehlungen der Prüfer, deren nüchtern-beiläufige Formulierungen entweder darauf deuten, dass sie nicht wissen, was sie da schreiben, oder ein verheerendes Zeugnis für Österreichs Terrorabwehr ausstellen. Irgendwo zwischen der Anregung, den hauseigenen Newsletter auch den Büros in den Bundesländern zuzuschicken, und der dezenten Warnung, beim frei vergebenen Bargeld mehr zu kontrollieren, heißt es da unauffällig: Der Rechnungshof vermisse 'nationale Bekämpfungsstrategien für die Bereiche Extremismus und Spionageabwehr'. Nach welcher Strategie arbeiten die jetzt? Nach Dienstplan?" (Die Presse 30. 10. 2007)

Interkulturalität in Ottakring

Wiener Schimpfwortschatz

Was ist das Besondere am Wiener Schimpfwortschatz? Gibt es irgendein Spezifikum?

Es gibt zwei Spezifika: Einerseits die Häufigkeit von sogenannten "brutalen Aufforderungen": Das sind Ausdrücke wie beispielsweise "Schleich dich" und "Geh scheißen". In Deutschland gibt es das kaum. Die Wiener erreichen beim Erfinden brutaler Aufforderungen eine beeindruckende Ausdruckskraft: Das geht bis zu "Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein", wie einer meiner Interview-partner einmal sagte. Das zweite Spezifikum sind die sogenannten zusammengesetzten Schimpfwörter: Zwei abwertende Wörter werden zu einem kombiniert. Ein Klassiker ist "Drecksau". In der Literatur findet man solche zusammengesetzten Schimpfwörter bei Werner Schwab oder H. C. Artmann.

Halten Sie den Wiener Schimpfwortschatz für kreativer als andernorts?

Wenn man in die Tiefe geht, ja. Meine Interviewpartner begannen mit ganz banalen Schimpfwörtern wie "Depp" oder "Trottel". Aber bald waren sie im ausgefeilteren Stadium. Das Vokabular wird dann sehr kreativ. Ich habe Dinge gehört von "Hirnederl" bis "Du sollst Warzen am Arsch bekommen und zu kurze Hände zum Kratzen". Flüche, die mit "Du sollst ..." beginnen, bezeichnet die Schimpfwortwissenschaft als "Verwünschungen". Diese Verwünschungen sind in Österreich eher selten. Seltener jedenfalls als in der Ukraine.

Warum?

Es hängt damit zusammen, dass die Ukrainer viel abergläubischer und religiöser sind als Österreicher. Im Westen des Landes gibt es bei diesen Verwünschungen sogar Schimpfwortgermanismen, die noch aus der k.u.k. Zeit stammen.

Welche zum Beispiel?

Angepasst an die ukrainische Grammatik, gibt es in der Westukraine beispielsweise "Schlak by tebe trafyv". Das ist ukrainisiert und heißt "Der Schlag soll dich treffen". Oder "Ban'kart" für "Bankert". Interessant ist auch der Bedeutungswandel von Schimpfworten: "Schickse", ukrainisch "Syksa", stammt eigentlich aus dem Jiddischen und war die Bezeichnung für ein christliches Mädchen.

Gibt es beim Schimpfen nationale Unterschiede?

Definitiv. Es gibt zwei verschiedene Schimpfwortgruppen: Österreicher, Deutsche, Tschechen und Ukrainer beispielsweise sind analfixierte Schimpfer. Das heißt, sie verwenden hauptsächlich Schimpfworte aus dem fäkalen Bereich wie "Scheiße" oder "Arschloch". Amerikaner, Russen und Serben zum Beispiel sind dagegen sexualfixierte Schimpfer. Die Amerikaner sagen oft "Fuck off" oder "Fuck you".

Lässt sich daraus irgendetwas auf die Gesellschaft schließen?

Das anal- und sexualfixierte Schimpfen ist eine gesellschaftliche Eigenheit, deren genauer Ursprung noch unklar ist. Andere Bereiche lassen sehr vieles auf die Gesellschaft schließen. Anhand von Schimpfwörtern kann man sich über die schwachen Stellen von Gemeinschaften informieren: In der Ukraine, einem Land mit vergleichsweise hoher Korruption, gibt es beispielsweise vier Ausdrücke für einen korrupten Menschen. In Österreich gibt es keinen einzigen. Dafür finden sich in der deutschen Sprache mehrere Schimpfwörter, die einen Pedanten bezeichnen - "Mäusemelker", "Nudeldrucker", "Erbsenzähler" oder "I-Tüpferl-Reiter" zum Beispiel. In der Ukraine gibt es davon wiederum kein einziges. Pedanterie scheint also in der Ukraine, Korruption in Österreich keine weit verbreitete Eigenschaft zu sein. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie in die tiefkatholischen Länder Südeuropas - Spanien, Portugal oder Italien - fahren, dann werden Ihnen besonders viele blasphemische Schimpfwörter begegnen.

Gesellschaftliche Werthaltungen fließen also in den Schimpfwortschatz sein?

Ja. Fast immer. Während eines Interviews hat mir ein alter Mann beispielsweise erzählt, dass ihn sein Vater immer "du Welser" geschimpft und sich dabei von hinten am Kopf gekratzt hat. Das hängt damit zusammen, dass in Wels die Leute sehr arm waren und sich von hinten am Kopf kratzten, damit die Läuse nicht in den Ärmel fallen. Ein anderes Beispiel: Ich habe Exjugoslawen und Türken, die in Österreich leben, zu den Schimpfwörtern gefragt, die sie verwenden. Hier fiel sehr oft: "Ich fick deine Mutter." Das ist typisch für traditionelle Gesellschaften, wo die familiäre Gemeinschaft noch eine wichtige Rolle spielt. Dort sind sogenannte "Ahnenschmähungen" viel weiter verbreitet als in Österreich oder Deutschland. Besonders fiel mir in diesem Zusammenhang auf, dass österreichische Schüler, die mit Türken oder Exjugoslawen in dieselbe Schulklasse gehen, solche Ausdrücke übernehmen. Ähnliches ist auch in der Ukraine passiert: Vor 1939, als die Russen - wie gesagt sexualfixierte Schimpfer - die Westukraine okkupierten, war "Ich fick deine Mutter" hierzulande völlig unbekannt. Heute ist es gang und gäbe.

Sie sprechen von nationalen Unterschieden. Spiegelt sich auch die Bewertung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern im Schimpfen wider?

Ja, in der deutschen Sprache gibt es beispielsweise etwa 500 abwertende Ausdrücke für eine Frau mit abwechslungsreichem Liebesleben. Beim Mann sind es weit weniger. Außerdem sind diese Ausdrücke beim Mann nicht so abwertend und oft sogar mit einer gewissen Bewunderung verbunden, wie bei "Filou" oder "Casanova" zum Beispiel. Wie tief diese unterschiedliche Bewertung reicht, zeigte mir ein Vorfall während eines Interviews: Ich befragte die Menschen, für wie schlimm sie das Wort "Sauluder" halten. Für Frauen war es unisono eine sehr abwertende Bezeichnung für eine Frau, die beispielsweise ihren Mann betrügt. Für Männer dagegen war "Sauluder" eher ambivalent: Das sei eine gutaussehende Frau in attraktiver Kleidung, wurde mir zum Beispiel erklärt.

Was ist das Kreativste, das Ihnen untergekommen ist?

Vor allem ältere Menschen haben einen unglaublich kreativen Schimpfwortschatz. Bei den Interviews kamen zum Beispiel "Alle Huren sollen ins Feuer brunzen" oder "Ich reiß dich in der Mitte auseinander, dann laufen zwei Kurze herum". Das ist schon fast poetisch.

Aus einem Interview des "Falter" mit der ukrainischen Germanistin Oksana Havryliv, Autorin einer Dissertation über den Wiener Schimpfwortschatz.

Herbst