
Timm: Die Briefe waren ja der Motor in einer Liebesbeziehung. Persönlichen Kontakt gab es während all der vielen Jahre selten. Und wenn, dann endete das schnell im Desaster. Lebten da, Frau Stoll, zwei Menschen ihr Paralleluniversum in der Schrift? Stoll: Ein Stück weit kann man das sicher so sagen. Es ist ein klassisch unmögliches Liebespaar, nicht mit dir und nicht ohne dich. Das könnte man auch als Motto über diese Beziehung stellen. Es ist so, dass diese Liebesbeziehung ja verschiedene Phasen hat. Es gibt diese Leichtigkeit der ersten Begegnung, dann sehr schnell die Erkenntnis, dass das Täter-Kind, Ingeborg Bachmann als Tochter eines NS-Offiziers, eines österreichischen, er als Sohn eines Elternpaares, das in einem deutschen Konzentrationslager umkam, dass dieser Hintergrund das Leben, das Sprechen der beiden doch enorm belastet. Es gab dann das Gefühl von Ingeborg Bachmann, so sehr sie sich auch einfühlen will in seine Vernichtungserfahrung, in seine Trauer, in seine Auffassung von Dichtung als Grabschrift, dass er das nicht anerkennt. Sie hat sich irgendwann von ihm verworfen gefühlt und hatte das Gefühl, sie kann machen, was sie will, sie kann ihm in seinem Anspruch so nicht gerecht werden und wird von ihm auch nicht anerkannt, weil sie diese Erfahrung nicht teilen kann. Und dann folgt in der Tat eine Phase des Schweigens nach einem desaströsen Aufenthalt in Paris 1950, wo sie versucht haben, miteinander zu leben. Und Ingeborg Bachmann danach ihrem Wiener Freund, Hans Weigel, gesteht, dass dieser Versuch Strindbergsch wurde. Man habe sich gegenseitig die Luft weggenommen.
Aus einem Deutschlandradio-Interview mit Andrea Stoll, der Herausgeberin des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
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