Der große Zeitmangel unter den Studenten ist aber nicht nur nachteilig. Er lässt ins Abseits geratene Literaturgattungen neu beleben. Neben dem Aphorismus, der Kurzgeschichte und - in Ausnahmefällen - der Novelle profitiert vor allem die Lyrik von den neuen Verhältnissen. Gedichte stellen per definitionem "Fragen" - die im Seminar ohne große Vorkenntnisse diskutiert werden können. Aus einer Sitzung mit viel Lyrik geht man immer beschwingt, da sich zum einen so wunderbar viele Teilnehmer zu Wort gemeldet haben, sie es zum anderen oft mit exzellenten Beobachtungen getan haben und außerdem endlich die Literatur im Mittelpunkt stand.
Dennoch sollte man keine Seminare anbieten, die Lyrik zu direkt adressieren. Themen wie "Die Diskussion des Hexameters in der Goethezeit" oder "Brechts Elegien" wirken abschreckend. Lieber das Seminarthema so wählen, dass die Lyrik gleichsam organisch darin vorkommt. Intuitiv richtig handelte ich, als ich das Thema "Stimmung" für ein Seminar wählte; es versteht sich von selbst, dass Stimmung einen intimen Bezug zur Lyrik hat. Aber auch als es in einem weiteren Seminar um die 68er-Bewegung und ihren Zweifel am Nutzen der Literatur ging, konnten drei Zeilen Bachmann gefühlte eintausend "Kursbuch"-Lektüre ersetzen - "Soll ich / einen Gedanken gefangen nehmen / abführen in eine erleuchtete Satzzelle?"
Aus einem Artikel über die heutigen Bedingungen germanistischer Lehre (Michael Angele: Literatur für Leute, die zufällig studieren, FAZ 19.08.2008)
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