Der Wiener evangelische Theologieprofessor Ulrich Körtner hält die Rede von einer Wiederkehr der Religion für irreführend. Das bloße Interesse an religiösen Themen dürfe nicht mit Religiosität verwechselt werden, sagte er am 4. Februar in Schwerte in einem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des westfälischen Instituts für Kirche und Gesellschaft. Genauso wie von einem „Megatrend Religion“ könne man auch von einem „Megatrend Gottvergessenheit“ sprechen. Neben religiösen Aufbrüchen gebe es auch einen massenhaften Gewohnheitsatheismus, „dem die Frage nach Gott schlicht abhanden gekommen ist“. Zwar habe bei einer Umfrage die Hälfte aller Befragten ausgesagt, Deutschland brauche wieder mehr religiöse Werte. Für die persönliche Lebensführung habe dies jedoch offenbar nicht viel zu sagen. „Da geht es nicht um ,religiöse Werte’, sondern allein um Familie, Freunde und persönliches Wohlergehen“, sagte Körtner.
Für einen ehrlichen Dialog der Religionen
Der Theologe sprach sich ferner für einen ehrlicheren Dialog der Religionen aus: „Viele wohlmeinende Versuche, die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu beschwören, sind reines Wunschdenken oder religiöser Kitsch.“ Es sei problematisch, wenn Außenstehende bestimmen wollten, was zum wahren Wesen einer Religion gehört. Als Beispiel nannte er die Aussagen von Kirchenführern nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Sie hatten betont, dass die Anschläge keinesfalls den wahren Islam verrieten. Zwar bauten solche Erklärungen Feindbilder ab und trügen zur Entschärfung von Konflikten bei, so Körtner. Allerdings enthielten sie auch Konfliktpotenzial, „weil sie nicht gegen die Überheblichkeit gefeit sind, eine fremde Religion besser verstehen zu wollen, als diese sich selbst versteht“.
Kirchen sollen christliches Profil schärfen
Nach Ansicht des Theologen bedeutet Respekt vor anderen Religionen nicht, sich deren Vorschriften zu unterwerfen. Jede Religion, „die sich selbst gegen jede Kritik verwahrt und immunisiert, ist totalitär“. Körtner appellierte er an die Kirchen, das Profil des Christlichen in der pluralistischen Gesellschaft zu schärfen. Nicht eine vage Transzendenz- oder Gottoffenheit sei das Kennzeichen des Christentums, sondern das Bekenntnis zu Jesus Christus. (...)
Jahrzehntelang haben die Fachleute sich getröstet mit einem zusnehmenden Interesse an Religion und Spiritualität. Da mussten selbst Fußballfans und Muesumskultur als Argumente herhalten für die tiefsitzenden Bedürfnisse der Menschen nach Religion, nach Zugehörigkeit, nach Transzendenz. Der blühende Markt der Esoterik sowieso. Aber Mensvhen suchen da Gruppenerlebnis eben lieber im Fuballstadion als in der Kirche. Und die unausgesprochenen Fragen verlangen gar nicht nach expliziten Antworten, sondern geben sich zufrieden mit
Ulrich Körtner lehrt in Wien. Dass er so klar ausspricht, was viele in Deutschland lebende und lehrende Theologen und Religionssoziologen nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen, ist m.E. kein Zufall. Denn in vieler Hinsicht ist Österreich ein stärker säkularisiertes Land als Deutschland.
Nachdem herausgekommen ist, dass 20 % der islamische Religionslehrer auf Kriegsfuß mit der Demokratie stehen, bricht prompt eine Diskussion darüber aus, ob es in der Schule überhaupt Religionsunterricht geben solle. Die wird (noch) keine konkreten Wirkungen zeitigen, aber sie zeigt, wie die Stimmung im Lande ist. Die katholische Kirche in österreich befindet sich in einer ausgesprochen schwierigen Lage, die sich durch die Designation eines erzkonservativen Geistlichen zum neuen Weihbischof in Linz, der einzigen als liberal geltenden Diözese hierzulande, sicher nicht bessert. Einzig der charismatische Wiener Kardinal Schönborn wirkt da noch als integrierende Gestalt. Aber er allein rettet das Ansehen der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit auch nicht. Immer noch ist die katholische Kirche die mit großem Abstand mitgliederstärkste Religionsgemeinschaft in Österreich, aber sie verliert zunehmend die nachwachsenden Generationen. Gerade wegen der großen katholischen Vergangenheit des Landes steht "die Kirche" (und bei diesem Ausdruck denken Österreicher ganz selbstverständlich an die römisch-katholische Kirche) vor allem für Tradition, für Brauchtum, Überlieferung - kurz: für das Gestern. Das Religiöse spielt dabei eine nachgeordnete Rolle.
Deutschland erlebte am 3. Oktober 1990 durch die Wedervereinigung statistisch eine plötzliche Vermehrung des Anteil der Konfessionslosen an der Bevölkerung, seither ist eine weitere kontinuierliche Zunahme zu beobachten (1987: 11,4 %, 1190: 22,4 %, 2005: 32,5 %). In Österreich war dies ein fortwährender Prozess. Etwa 12 % der Bevölkerung gehören keiner anerkannten Religionsgemeinschaft an. Das spricht nur äußerlich für eine stärkere religiöse Bindung der Bevölkerung, in den öffentlichen Diskursen zeigt sich eine fortgeschrittene Säkularisierung. Und der "Gewohnheitsatheismus" ist omnipräsent, durchaus auch unter Kirchenmitgliedern.
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