Samstag, 14. März 2009

Fragen

"Es gibt nach Amokläufen keine Vorfreisprechung, die sich im Internet, in Blogs und Foren so schnell verbreitet wie die Behauptung: Mit gewalttätigen Videospielen hat das natürlich nichts zu tun. Getrieben von der Ahnung, dass sich im Zimmer des Mörders wie bei so vielen anderen eine umfassende Sammlung an Gewaltverherrlichung in Ton, Bild und Waffen findet, wird vorbeugend klargestellt, dass man bei Videospielen wie Counterstrike auf Seiten der guten Polizei anderen aus dem Hinterhalt das Gehirn aus dem Kopf schießt, und dass es zentral um Strategie gehe, keinesfalls aber um das Vergnügen bei der Betrachtung mannigfaltig verstreuten Kadaver. Die Gemeinde der Spielfreunde ist sich da so sicher wie der NPD-Mann, dass die Hetzreden nicht zu Brandanschlägen führen, sie vertreten ihre Überzeugung wie der Spirituosenhersteller, der keinen Zusammenhang seiner Produkte mit Komasaufen erkennen kann. Journalisten, die dergleichen nie nächtelang gezockt haben, kennen sich ohnehin nicht aus.

Das stimmt. Ich habe keine Ahnung, wie das ist, nächtelang mit Freunden vor einem Rechner zu hängen und sich mit Bier und schlechtem Essen die Zeit über das Lösen von Tasks und sich in den Weg stellenden menschlichen Hindernissen - seien es nun bewaffnete Figuren aus dem Rechner oder genervte Eltern - zu vertreiben. Ich gehörte eher zu denen, die gern gelesen haben, und besitze keinen Fernseher und kein Videospiel. Ich pflege eine Bibliothek. Und weil ich so absolut keine Ahnung von all der modernen Lust an Mord und Totschlag habe, habe ich ein paar Fragen:

Warum legt kein Freund von Rainer Maria Rilke den Gedichtband weg, greift zur AK-47 und läuft Amok? Warum brechen höhere Töchter nicht die Triosonaten von Telemann ab, legen die Instrumente beiseite und erstechen ihre Mitschülerinnen? Ja, warum tendieren sogar Besucher eines Leistungskurses Deutsch nach dem Lesen der problematisch-mörderischen Stelle in den Verliesen des Vatikan von Andre Gide - der Held wirft grundlos einen Katholiken aus dem Zug - nicht dazu, in der Pause den Religionslehrer im Waschbecken des Lehrerklos zu ertränken? Warum werden trotz aller Gewalt in der alten Literatur nur Verbrechen begangen, deren Vorlagen Gewaltvideos und Ballerspiele sind? Kurz, warum sind Menschen, die den modernen Unterhaltungsangeboten mit extensiver Gewalt entsagen, andauernd nicht unter denen zu finden, die Massenmorde begehen?

(...)

Tatsächlich also bleibt da diese Frage: Warum metzelt niemand, der gerade Heines anzügliche Gedichte gelesen hat, ein Mädchen nieder, und warum erschießt jemand nach Monaten von Horrorvideos und Ballerspielen ihm vollkommen unbekannte Menschen mit zynischen Sprüchen? Warum greifen Waffennarren zu Waffen und Büchernarren nur zu Büchern? Wieso erscheint es uns so absurd, würde man annehmen, jemand würde nach der erfreulichen Lektüre von Schloss Gripsholm auch nur grundlos jemanden schlagen, und warum ist man so überhaupt nicht überrascht, wenn jemand nach einem Tag zocken sich auch im realen Leben nicht mehr angemessen zu benehmen weiß? Und wieso ist es nicht absurd, den Ballerspielen genau diesen Effekt abzusprechen?

(...)"


Es ist wie in dem Märchen von Kaisers neuen Kleidern. Die Wahrheit liegt zutage, aber keiner wagt sie auszusprechen. Was für die gewalttäigen Videospiele gilt, trifft nicht weniger bei anderen Themen zu, die geradezu wie Tabus gehütet werden: Privatfernsehen, die Zugänglichkeit von Gewaltdarstellungen und Pornografie im Internet, der Markenterror der Modewelt, die Diktatur verfehlter Schönheitsideale - all das trägt natürlich zur Desorientierung von Jugendlichen bei. Wer seinem Kind etwas Gutes tun wollte, müsste vermutlich heute auf Fernsehen und Internet ganz verzichten. Und kein Handy in Haus lassen. Aber auch eine solche Enthaltsamkeit von allen Leckereien der digitalisierten Moderne würde wenig helfen, so lange Kinder in der Schule anderen Kindern begegnen, die all dem ausgesetzt sind und selbstverständlich damit leben, also unter anderen, vermeintlich "normaleren" Bedingungen aufwachsen. 
Die evangelikalen, superfrommen Schulverweigerer versuchen es offenbar, scheitern aber an den Gesetzen des Staates. Und es kann ja auch nicht das Ziel sein, Kinder zu isolieren und völlig weltfremd aufwachsen zu lassen. Nur - was ist das für eine Welt, die all dieses "Unterhaltungs"-Zeug produziert und in der auch die allermeisten Erwachsenen nicht davon lassen können? 
Natürlich gibt es keine heilen Welten. Trotzdem ist der von Islamisten und anderen Muslimen erhobene Vorwurf gegen den "Westen" völlig richtig: Die sogenannte abendländische Kultur befindet sich in einem Prozess des Abstieges und zum Teil einfach der Regression. Wenn Schüler sich eigentlich für gar nichts mehr interessieren, "Chillen" und "Abhängen" zum Lebensideal erklären, von Arbeit am liebsten nichts wisssen würden und das ganze Leben nur noch fad und öde (kurz: beschissen) finden, dann ist das ein Alarmsignal. Vor fünfzig oder vierzig Jahren revoltierte die Jugend noch (gegen die Eltern, den Faschismus, das Schweigen über die Vergangenheit oder die Zerstörung der Umwelt). Und heute? Der Rückzug ins Private ist vorherrschend. In Beziehungen, Partys, Maximierung des Spaßlevels. 

Keine Kommentare: