Samstag, 18. Oktober 2008

Kecke Erdbeeren

Vor vielen Jahren schon sagte ich manchmal zu meinen Studenten: "Wenn im Winter frische Erdbeeren angeboten werden, muss man sich nicht wundern, dass jedes Empfinden für das Kirchenjahr verloren geht."

Aber inzwischen verlangen die Erdbeeren also schon danach, Weihnachten in der Familie zu feiern - und ihrer Zweckbestimmung nachzukommen, also verzehrt zu werden... 


Samstag, 11. Oktober 2008

Tod eines Politikers

"Aufgrund der großen Anzahl an pietätlosen Postings sieht sich derStandard.at gezwungen, zu diesem Thema ausnahmsweise kein Forum einzurichten."

Reaktion der Internetseite der (eher linksaliberalen) Zeitung "Der Standard" nach dem Unfalltod des BZÖ-Chefs und Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Schauspielerglück

"Es ist das Los nicht weniger Menschen, dass um eine Pose herum, mit der sie einmal Erfolg hatten, über die Jahre die Illusion einer Persönlichkeit entsteht. Das Glück des Schauspielers besteht nicht zuletzt im steten Wechsel der Posen und Persönlichkeiten. Wenn er im Gewühl die Übersicht behält, wird ihm eine besondere Gunst zuteil: das Privileg, nicht immer mit sich identisch sein zu müssen."

Peter Truschner: Der Marquis von O., Der Standard 13. September 2008, Album S. 1

Heilig und profan

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Freitag, 3. Oktober 2008

Nach der Wahl

Besorgte Anfragen von Freunden aus Deutschland und anderen Ländern: Kann man sich in Österreich angesichts des Erstarkens der Rechten eigentlich noch sicher fühlen? Ich denke, ja. Die Ergebnisse der Wahl zum Nationalrat haben zwar in der internationalen Presse einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst, in Österreich selbst ist aber niemand über den Ausgang besonders erstaunt. Auch wenn FPÖ und BZÖ zusammen auf knapp 30 % der Stimmen gekommen sind, bedeutet das noch lange nicht, daß ein knappes Drittel der Österreicher nun etwa zu Neonazis mutiert seien. Das Wahlergebnis ist vielmehr Ausdruck einer tiefgreifenden Unzufriedenheit mit der Arbeit der letzten Großen Koalition, die nun allerdings voraussichtlich eine Neuauflage erfahren wird - und hoffentlich mit neuen Personen mehr bewegt als die vorige. Bemerkenswert ist das allgemeine Verständnis für die Wähler der "rechten" Parteien - auch bei denen, die selbst rot, schwarz oder grün gewählt haben...  

In der Nacht am Weg zur U 6

Sonntag, 28. September 2008

"Wir richten jeden so gut wie möglich her."

Agnes D.* merkt nichts von den Tränen, die für sie vergossen werden. Sie hört nicht die liebevollen Anekdoten, die über sie erzählt werden. Und sie fühlt nicht die Trauer, die sie umgibt. In wenigen Minuten wird die 77-Jährige, die am Tag zuvor verstorben ist, ihr Haus für immer verlassen. Ihre Familie nimmt Abschied: Ein letzter Blick auf den regungslosen Körper, ein letztes Streicheln über die kalte Hand - Agnes D. wird in den Leichenwagen getragen. Die geliebte Mutter und Oma ist von nun an Auftrag 1376. Bis zu ihrer Beerdigung kommt sie in die Kühlkammer des Bestattungsunternehmens.

In unserer Gesellschaft des Jugendwahns ist der Tod ein ungern gesehener Gast. Kaum ist ein Mensch gestorben, wird er in fremde Hände gegeben. DIN EN 15017, die europäischen Norm für Bestattungsdienstleistungen, herrscht dann statt persönlicher Fürsorge und Trauer am Totenbett. "Die Trauerfähigkeit ist in unserer Kultur der Coolness kaum entwickelt", sagt Psychologe Jorgos Canacakis.

Nach dem Gesetz darf der Tote drei Tage zu Hause bleiben, doch die meisten Leichname werden zügig abgeholt. Die wenigen Angehörigen, die sich später noch einmal von Angesicht zu Angesicht verabschieden, möchten einen friedlichen, keinen sich bereits zersetzenden Körper sehen. Daher werden Wunden, Leichenflecke und Fäulnisblasen von Bestattern kaschiert. Sie sind die Visagisten der Verstorbenen. Die Verschönerung des Todes ist ihr tägliches Geschäft.

Auftragsnummer 1376 ist jetzt bei GBI, Hamburgs größtem Bestattungsunternehmen, an der Reihe. Melanie Kullas streift ihre Latexhandschuhe über und öffnet die schwere Stahltür. Das ständige Brummen der Kühlaggregate schwillt an, ein kalter Luftstoß durchströmt den weiß gekachelten Raum. Sie zieht die unterste Eisenliege heraus, schiebt sie in die Raummitte unter das grelle Licht der Neonröhre. Ein Kontrollblick auf den Namenszettel am Knöchel der mit einem Betttuch umhüllten Leiche. Es ist Agnes D. Nach zehn Tagen bei vier Grad Celsius wird sie für ihre Beerdigung vorbereitet.

Melanie Kullas streift das Betttuch ab. Sie ist eine von deutschlandweit 370 Auszubildenden zur Bestattungsfachkraft. Seit Juli 2003 gibt es diesen Lehrberuf, vorher konnten auch Ungelernte den Job übernehmen. Seit knapp drei Jahren arbeitet die 23-Jährige bei GBI - die Firma ist eine von rund 4000 in Deutschland, die die jährlich etwa 830 000 Toten für ihren letzten Weg zurechtmachen.

Melanie Kullas ist so unauffällig wie ihre Kleidung. An ihrem Beruf findet sie nichts Außergewöhnliches, ihre Emotionen hat sie unter Kontrolle: "Man muss mitfühlen, aber nicht mitleiden." Bei ihrer ersten Leiche musste sie allerdings schlucken: "Es war ein Zwischending zwischen Neugierde und Abneigung." Langsam hat sie die Hemmungen verloren. Agnes D. ist ihre fünfte Leiche.

Das Gesicht ist fahl, der Mund weit geöffnet, die Augen ein wenig eingedrückt. Rötliche Leichenflecke bedecken den Nacken. Eine geplatzte Fäulnisblase hat Flecken auf dem Betttuch hinterlassen. Der Körper von Agnes D. verfällt, Melanie Kullas arbeitet dagegen. Sie tupft den nackten Körper mit Papiertüchern und Desinfektionsspray ab - vorsichtig, denn die Haut könnte reißen. Sie füllt die Wangen mit Kosmetiktüchern aus und schließt den Mund der Toten.

Mit einer Augenkappe, die sie wie eine dicke Kontaktlinse auf den Augapfel drückt, verhindert sie ein weiteres Einfallen der Augen. Melanie Kullas arbeitet schnell und zielgerichtet. Ein wenig Camouflage auf die rötlichen Flecke, Frischhaltefolie um die Fäulnisblase am Bein, Feuchtigkeitscreme auf die fahlen Wangen, die kurzen grauen Haare in Form bürsten. Fertig. Nach 15 Minuten sieht Auftrag 1376 wieder aus wie Agnes D.

"Wir richten jeden so gut wie möglich her. Egal, ob die Verwandten noch einmal in den Sarg gucken oder nicht", sagt Holger Langer, der als Abteilungsleiter Fahrdienst bei GBI für die Versorgung der Verstorbenen verantwortlich ist. In einem Berufszweig, in dem es nur Richtlinien, aber keine staatlichen Kontrollen gibt, ist pietätvolle Professionalität eine Frage der persönlichen Moral. "Bei einer Bestattung gibt es keine Generalprobe. Wir müssen so perfekt wie möglich arbeiten", sagt Langer.

Während für die Verwandten oft eine Welt zusammenbricht, müssen die Bestatter Souveränität beweisen. "Wenn ich mir über jede tote Person Gedanken machen würde, müsste ich den Job wechseln", sagt Langer. Dass der Grat zwischen würdevoll-routiniertem Umgang und abgestumpfter Massenabfertigung schmal ist, weiß er. Und das weiß auch Melanie Kullas.

Die Auszubildende schiebt Auftrag 1376 für die nächsten 18 Stunden zurück ins vierte Fach der Kühltruhe. Morgen früh wird sie Agnes D. ein weißes Totenhemd mit besticktem Perlenkragen überstreifen. Sie wird sie in ihren Buchensarg betten und zum Friedhof, zur trauernden Verwandtschaft fahren. Die Auszubildende wird die Letzte sein, die Agnes D. sieht. Von ihren Verwandten und Freunden möchte sich niemand von Angesicht zu Angesicht verabschieden. Der Sargdeckel bleibt geschlossen. * Name geändert

Monika Lembke: Rouge für die letzte Reise, welt.de 28.09.2008

Ja, komm bald

Genug

"Wer ist da? Nur ich. O, das ist überflüssig genug."

G.C. Lichtenberg (B 236)