Montag, 18. Februar 2008

Abendverkehr in der Jörgerstraße (Wien 17)

Klarsichtig - und hoffnungslos

„Wenn Gott verschwindet, stehen wir vor einem Dilemma“.

„In einer Welt ohne Gott ist es schwierig, ein ethisches und moralisches Bezugssystem einzurichten.“

„Unsere Gesellschaft gleitet auf dem bißchen Erinnerung daher, einmal zu den Guten gehört zu haben. Sie lebt von den Resten“

„Ich habe keinerlei Hoffnung für diese Welt.“

Jonathan Littell, der Autor des umstrittenen Romans "Die Wohlgesinnten" in Intervievs mit dem SPIEGEL und der ZEIT

Kein Winter



Ein paar Flocken, aber nicht mehr. Der Winter kam nicht. Aber nach der Erfahrung der Wiener kann er auch im März noch kommen...

Sonntag, 10. Februar 2008

Immer noch ein Problem, und das sogar an der Uni

"Doch hier in Hildesheim stehe ich zwischen Kommilitoninnen, die Homo-Witze reißen, weil ihnen die »Single-Männer hier auf dem Land« nicht ausreichen. Sie müssten »dann ja lesbisch werden, und das muss nun wirklich nicht sein«; und dann lachen sie. Ich denke, sie lachen da auch irgendwie über mich. Sie meinen es nicht böse, hoffe ich. Aber warum tun sie das? Respektieren sie mein Leben nicht? Und dann schweige ich manchmal und sage nichts. (...)

In meinem Hinterkopf immer die Fragen: Soll ich den Kommilitonen die Wahrheit sagen? Was geschieht, wenn ein Professor davon erfährt, behandelt er mich dann anders? Kann ich noch unvoreingenommene Zuhörer in Vorlesungen und Seminaren, eine unvoreingenommene Benotung erwarten? Oder werde ich gemieden, ausgegrenzt, oder sogar gemobbt?

Ich will mich nicht vorstellen mit »Guten Tag, mein Name ist Maren Lachmund, ich bin lesbisch«. Und wenn ich mich doch oute, will ich mir weder das blöde »Du doch nicht!« anhören noch dumme Verkupplungsversuche mit Hetero-Kommilitonen erleben!

Viele Heterosexuelle scheinen ja tatsächlich zu glauben, Homosexuelle seien grundsätzlich polygam. Wenn ich eine Kommilitonin zur Begrüßung freundschaftlich umarme, wird das schnell aufgegeben, sobald ich mich oute. Wenn ich mich mit einem Mädchen anfreunde, kann ich eigentlich nur alles falsch machen: Sobald ich mich als Lesbe zu erkennen gebe, denkt sie, ich will was von ihr, egal, ob ich es gleich sage oder erst später."

Maren Lachmund: "Scheiß Lesbe!" in zeit-online.

Von den Stürmen gezeichnet


Die Stürme der letzten Zeit haben wieder einmal das Netz über den Gerüst am Turm der Lutherkirche zerrissen...

Samstag, 9. Februar 2008

Sehnsüchtige Klage

Nie

Nie
werde ich
die Drossel erreichen

nie mit drei Lauten
umzugehn wissen
als wären sie
alles

Rose Ausländer

In einer Autoscheibe

Wien und die Bundesländer

"Warum sind Sie eigentlich nach Österreich gekommen?" fragt mich ein Schüler. "Ich bin nicht nach Österreich gekommen, sondern nach Wien", ist meine Antwort. Österreich, das übrige Österreich, das Land der Berge und der Seen, ist von Wien aus ganz weit weg, quasi nichts als ein abstrakter Horizont. "Die Bundesländer", sagt man hier und meint: die Provinz. Die fängt zwar gleich hinter der Stadtgrenze an und ist andererseits unendlich weit entfernt, so weit, dass man fast schon gereizt ist, hinzufahren und nachzuschauen, ob sie wirklich existiert.

Applaus

Der anrührendste Moment einer Opernübertragung im Fernsehen ist für mich immer wieder der Einzelapplaus für die Sängerinnen und Sänger, die dann jeweils auch in Großaufnahme zu sehen sind, in all ihrer Freude und Erschöpfung. Das sieht man im Fernsehen so viel deutlicher als aus dem Parkett... Warum rührt mich das so? Vielleicht, weil es so wenig Glück in der Welt gibt, oder weil hier Leistung wirklich einmal honoriert wird.

Ein Haus der Menschen, ein Haus mit Fenstern

"Die geschichtlichen Religionen haben die Tendenz, Selbstzweck zu werden und sich gleichsam an Gottes Stelle zu setzen, und in der Tat ist nichts so geeignet, dem Menschen das Angesicht Gottes zu verdecken, wie eine Religion. Die Religionen müssen zu Gott und seinem Willen demütig werden; jede muß erkennen, daß sie nur eine der Gestalten ist, in denen sich die menschliche Verarbeitung der göttlichen Botschaft darstellt, - daß sie kein Monopol auf Gott hat; jede muß darauf verzichten, das Haus Gottes auf Erden zu sein, und sich damit begnügen, ein Haus der Menschen zu sein, die in der gleichen Absicht Gott zugewandt sind, ein Haus mit Fenstern; jede muß ihre falsche exklusive Haltung aufgeben und die rechte annehmen. Und noch etwas ist not: die Religionen müssen mit aller Kraft darauf horchen, was Gottes Wille für diese Stunde ist, sie müssen von der Offenbarung aus die aktuellen Probleme zu bewältigen suchen, die der Widerspruch zwischen dem Willen Gottes und der gegenwärtigen Wirklichkeit der Welt ihnen stellt. Dann werden sie, wie in der gemeinsamen Erwartung der Erlösung, so in der Sorge um die noch unerlöste Welt von heute verbunden sein."

Martin Buber