Donnerstag, 1. Mai 2008

Ev. Pfarre Wien-Währing

Acht Monate bin ich nun da in Wien-Währing, und noch nie habe ich mich in einer Gemeinde so wohl, so zu Hause gefühlt. Es kommt mir immer wieder so vor, als müsse ich doch schon Jahre da sein, und das liegt natürlich vor allem an den wunderbaren Menschen, allen voran an meinem Pfarrerkollegen hier. Aber auch die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sind eine wahre Freude.

Persönlichkeitsrechte und Journalismus in Österreich

"In Österreich ergötzt sich die Boulevardpresse an dem Inzest-Drama in Amstetten. Das hebt die Auflagenzahlen – und verletzt die Opfer aufs Neue.

Er ist der „Teufel, der Gott sein wollte“, ein „Herr über Leben und Tod“ im „Horrorhaus“ oder auch einfach nur ein „Monster“: Seit vergangenem Sonntag bekannt wurde, dass ein 73-jähriger Österreicher in der Kleinstadt Amstetten seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies sperrte, sie vergewaltigte und insgesamt sieben Kinder mit ihr zeugte, überschlägt sich die österreichische Boulevardpresse in Superlativen. Wer hätte auch "erhoffen" können, dass zwei Jahre nach dem Fall Natascha Kampusch nochmals ein derart spektakulärer Kriminalfall die Auflagenzahlen nach oben schießen lässt?

Wie im Fall Kampusch, die im Alter von zehn Jahren auf dem Weg zur Schule entführt worden war und sich erst acht Jahre später selbst befreien konnte, zeigen die Billigblätter auch diesmal wenig Rücksicht auf diejenigen, die unter dem Skandal am meisten leiden. Immerhin soll der verdächtige Josef F. nicht nur seine Tochter seit ihrem elften Lebensjahr missbraucht und im Jahr 1984, nach einem gescheiterten Versuch auszureißen, in ein von ihm errichtetes Verlies im Keller seines Hauses gesperrt haben. Auch drei seiner Kinder, die er mit der eigenen Tochter zeugte, wurden im Kellerversteck geboren und nun erst im Alter von 19, 17 und fünf Jahren von der Polizei befreit. Ein Baby war kurz nach der Geburt verstorben, die Leiche verbrannte F. im Heizungsofen.

"Inzesttäter führen immer zwei Leben": Der Fall des Josef F. ist ein besonders krasser, aber bei weitem kein Einzelfall. Ein Gespräch mit dem Wiener Gerichtspsychiater Reinhard Eher »

Drei weitere Kinder wuchsen im selben Haus bei Oma und "Opa" auf, der in Wirklichkeit ihr Vater war. Josef F. legte sie jeweils als Babys vor das Haus, mit einem fingierten Brief der Mutter, in dem sie die Großeltern bat, sich um die Kinder zu kümmern, weil sie dies nicht könnte.

Und es gibt eine Ehefrau von Josef F., die beteuert, nichts von den Machenschaften ihres Mannes geahnt zu haben und die sich nun ebenfalls in psychiatrischer Behandlung befindet. „Will nichts bemerkt haben“, steht neben dem Bild von Frau F., dass die Kronen Zeitung, mit 42 Prozent Reichweite Platzhirsch unter Österreichs Tageszeitungen, am Tag nach der Befreiung ihrer Tochter veröffentlichte. Ohne einen schwarzen Balken vorm Gesicht.

Auch der Name der Frau wurde nicht abgekürzt. Gleich daneben noch zwei Passfotos: Bilder zweier Kinder, zwölf und 14 Jahre alt, unter vollständiger Namensnennung, ungepixelt. Der Bub und das Mädchen sind zwei der drei Kinder, die F. bei sich aufnahm. Sie wuchsen in Amstetten auf, gingen zur Schule, waren in der Gemeinde integriert, und mussten jetzt nicht nur erfahren, dass ihr "Großvater" ihr Vater ist, die verschwunden geglaubte Mutter im Keller leben musste und sie noch drei Geschwister haben. Sie müssen nun auch damit klarkommen, dass ganz Österreich ihr Gesicht kennt.

„Das ist ein klarer Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte dieser Kinder und das wissen die Medien, die so etwas tun, ganz genau“, sagt die Rechtsanwältin und Medienrechtsexpertin Maria Windhager. Solche Grenzüberschreitungen würden absichtlich in Kauf genommen, „und es gibt auch ein Publikum, dass diese Zeitungen kauft.“

Um dieses Publikum kämpfen in Österreich gleich drei Tageszeitungen: Die Kronen Zeitung aus dem Hause Hans Dichand, Heute, dessen Herausgeberin Eva Dichand, die Schwiegertochter von Hans und die Ehefrau von Krone-Chefredakteur Christoph Dichand, ist. Und Österreich, ein erst vor zwei Jahren vom langjährigen Magazinmacher Wolfgang Fellner gegründetes Blatt. „Fellnerismus“ lautet in Österreichs Medienwelt ein geflügeltes Wort, mit dem die Tendenz beschrieben wird, zuzuspitzen, zu skandalisieren und in der Berichterstattung immer tiefer in die persönliche Sphäre von Menschen vorzudringen, seien es Prominente oder eben auch Opfer. (...)"

Nina Horaczek: Hyänen am Horrorhaus, ZEIT-online, 30.04.2008

Mit den Persönlichkeitsrechten ist es freilich in Österreich im Umfeld von Polizeiarbeit und Gerichtsverfahren ohnehin anders als in Deutschland. Es ist absolut üblich, Fotos von Tatverdächtigen ohne jede Verfremdung und mit Nennung des vollen Namens zu drucken, ebenso auch von Richtern und Richterinnen. Und deutliche Fotos des (geständigen) Täters von Amstetten gab es auch in den sogenannten "Qualitätszeitungen". Österreich ist ein Land der "Seitenblicke" (so der Titel einer Zeitschrift, aber auch einer Fernsehsendung), der öffentlichen Neugier gegenüber Prominenten, solchen, die sich dafür halten, und solchen, die es durch spektakuläre Unfälle, durch Verbrechen oder Justizverfahren werden. Diese Geringachtung von Persönlichkeitsrechten steht aber in einem krassen Gegensatz zu jenem "Wegschauen", das eben zu dem Fall aus Amstetten auch gehört.

Warten auf die Genehmigung...


Es könnte losgehen, aber wir warten immer noch auf die Baugenehmigung durch den Oberkirchenrat...

Dienstag, 29. April 2008

Amstetten - ein Land am Pranger

Als Plot eines Films oder als als Grundidee eines Schauerromans wäre, was sich in Amstetten (NÖ) zugetragen hat, wohl als recht abwegiges Produkt einer kranken Autorenphantasie eingestuft worden, aber das Leben ist gar nicht so selten noch viel abwegiger, unglaublicher, atemberaubender als alle Fiktionen. Die Zeitungen (auch die "Qualitätszeitungen" bringen seitenlange Dossiers, Analysen, Reportagen, der Medienhype übertrifft wohl noch den im Fall der Natascha Kampusch. Zugleich herrscht unter den Menschen ein seltsames Schweigen. Natürlich sind da die Einzelnen, die in Leserbriefen und Internetforen nach Strafverschärfungen bis hin zur Todesstrafe rufen, aber es ist kein wirkliches Gesprächsthema. Die Menschen scheinen überfordert, sind sprachlos angesichts der Dimension des Horrors hinter einer bürgerlichen Fassade, die alles bisher Dagewesene übertrifft. Pädophilenringe mit einer Vielzahl von Opfern kennt man aus Belgien, aus Deutschland, aber in diesem Fall kombiniert sich der Missbrauch der eigenen Tochter über zweieinhalb Jahrzehnte mit einer wahrhaft teuflisch anmutenden Präzision der organisierten Freiheitsberaubung. Und wieder in Österreich. Wie im Fall Kampusch, der bis heute rätselhaft genug ist. Jetzt im biederen niederösterreichischen Amstetten. Die Menschen lesen mit weit aufgerissenen Augen, aber sie reden nicht darüber. Sie sind sprachlos. Der Horror ist zu nahe, unerträglich nah.
Übermorgen ist Konfirmation, und ich habe zu predigen. Kann man diese Geschichte eigentlich übergehen, weil sie nicht zum Kasus passt?
Die Weltpresse zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Österreich: "Wie oft ist es passiert im Felix Austria, dass hinter der scheinbaren Perfektion sich Gespenster, Neurosen, Wahnsinn verstecken. Nicht umsonst hat Freud im Zentrum der Habsburgischen Monarchie die Abgründe der menschlichen Seele erforscht und versteckte Wunden entdeckt, die immer bereit sind, sich wieder zu öffnen und zu eitern. (...) Serienmörder und Perversionen sind natürlich keine österreichische Exklusive. Doch nur dort verbinden sie sich mit Walzer, Jodel und Kuckucksuhren. Nur dort kann Wahnsinn jahre-, jahrzehntelang mit derselben stillen, bürokratischen Ausdauer lodern, die das Habsburgische Reich legendär gemacht haben. In diesem Josef F., der sieben Kinder mit der Tochter erzeugt hat, die er vergewaltigte, steckt etwas ungeheuerlich Biedermeierisches. Etwas ungeheuerlich und einzigartig Österreichisches." (La Stampa, Turin) Ähnlich El Pais (Madrid): "Perversion oder Krankheit... Schon wieder in Österreich. Wieder erreichen uns aus Österreich Nachrichten, die uns umwerfen. So wie die Entführung von Natascha Kampusch. (...) Dieses Mal ist es ein Vater, der seine eigene Tochter gefangen hält und mit ihr außerdem mehrere Kinder hat. (...) Und das über Jahre. In Gegenwart einer kalten, abwesenden Gesellschaft, die ohne Zweifel weggeschaut hat. (...) Und wieder kam das aus Österreich, der Heimat von Freud, dem Geistesriesen, der uns die im Unbewussten schlummernde Sexualität erweckte. Es erscheint unverständlich, dass ein Vater (...) seine eigene Tochter (...) in einen Keller sperrt, sich sexuell an ihr vergeht und Kinder-Enkel mit ihr hat. Damit erfüllten sich möglicherweise die "geheimen und perversen" Fantasien, auf die uns Freud aufmerksam machte."
An Erklärungen versucht sich der Tages-Anzeiger aus Zürich: "Im erzkatholischen Niederösterreich sind Worte wie Zivilgesellschaft und Eigenverantwortung noch immer fremd. Lehrer, Priester, Bürgermeister sind unangefochtene Autoritäten, der Landeshauptmann regiert wie ein feudaler Fürst. In einer solchen Gesellschaft fragt man nicht nach. Wenn die Obrigkeit nicht eingreift, wird alles schon seine Ordnung haben. Ein Ingenieur ist hier noch eine Respektsperson. Zwei Enkelkinder (und vermutliche Kinder) von F. gingen in Amstetten zur Schule. In welchen Verhältnissen sie genau aufwuchsen, wollten die Lehrer nicht wissen. Es waren halt ruhige Kinder. Da fragt man nicht nach. In Niederösterreich wird Autorität noch groß geschrieben, hinterfragen klein."
Verschiedenes kommt zusammen: Das Nicht-Hinschauen oder Nicht-Hinschauen-Wollen von Nachbarn und Lehrern, aber auch eine unglaubliche Trägheit der Behörden: Da verschwindet eine junge Frau, legt im Laufe der nächsten Jahrzehnte mehrere ihrer Kinder auf der Schwelle des Elternhauses ab - und niemand kommt darauf, die Personenfahndung in der nächsten Umgebung wiederaufzunehmen? Es bleiben viele Fragen. Und ein Makel auf dem Land.
"Wie konnte das passieren? Diese Frage stellt man sich in Österreich nach dem unbegreiflichen Geschehen in Amstetten. Psychologen kommen zu Wort und in Leitartikeln ist man entsetzt. Aber die Frage bleibt unbeantwortet in jenem Land, das zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit vom Unbegreiflichen geschockt ist. (...) Vor zwei Jahren gelang Natascha Kampusch unter aufsehenerregenden Umständen die Flucht aus ihrer achtjährigen Gefangenschaft. Der Täter beging Selbstmord. Im Februar vergangenen Jahres flog eine Mutter auf, die ihre Töchter unter jämmerlichen Verhältnissen sieben Jahre lang in einem Haus in Linz eingesperrt hatte. Davor entdeckte man auch in Wien ein Paar, das seine geistig behinderte Tochter in einem kalten Zimmer gehalten und wie ein Tier behandelt hatte." (Dagens Nyheter, Stockholm)

Morgens um 5 Uhr



Lange ist es mir nicht mehr passiert, in letzter Zeit kommt es ab und zu wieder mal vor: dass ich eine ganze Nacht nicht schlafen kann, weil ich so viele Ideen habe, eine durchaus beglückende Erfahrung. Und wenn es sich nicht häuft, ist das auch zu verkraften. Jedenfalls beschert es mir ganz andere Eindrücke, so diese Stimmung "vor Tau und Tag" im Lutherhof.

Werte

"Eine 18-Jährige ist in Krefeld im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt worden, weil sie ihren sexuell aufdringlichen Onkel erstickt hat. Das Landgericht sprach sie am Montag wegen Totschlags schuldig. (...) Strafverschärfend sei, dass die 18-Jährige nach der Tat die EC-Karte des Onkels stahl und sein Konto plünderte."
[Gefunden auf tele2internet.at]

Eine eigentlich relativ alltägliche Meldung. Aber der abschließende Satz wirft ein bezeichnendes Licht auf die Hierarchie von Werten und Rechtsgütern: Die Tötung eines Menschen wird durch die Entwendung seiner EC-Karte noch schlimmer und strafwürdiger. Eine reine Affekthandlung wäre weniger verächtlich und vermutlich milder bestraft worden.

Grinzing






Im 1. Weltkrieg (1914/15) erbaut: Der Komplex an der Endschleife der Straßenbahn 38 in Grinzing.

Aufklärung - universal?

"Die Vorträge nahmen nicht direkt aufeinander Bezug, aber das Thema „Differenz“ war in die Argumentation der Deutschen schon eingebaut. Der universelle Anspruch der Vernunft vertrage sich durchaus mit der Verschiedenheit der Menschen, sagte der Kölner Romanist Andreas Kablitz mit Aristoteles; die „Freiheit“ des Toleranzgebots wollte er gerade als Verzicht auf Determinationen verstanden wissen. Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, der in seinem Buch „Demokratie im Zeitalter der Globalisierung“ die Idee einer „föderalen, subsidiären Weltrepublik“ entwickelt hatte, sah die Allgemeingültigkeit der aufklärerischen Forderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, auch darin zum Ausdruck gebracht, dass Europa keinen Exklusivanspruch auf sie erheben dürfe.

Während die Deutschen also eine Universalisierbarkeit des Verschiedenen voraussetzten, beharrten die Chinesen auf einer Verschiedenheit der Universalien. Wie Han Shuifa sprach auch der Germanist Huang Liaoyu von einer spezifisch chinesischen Aufklärung. Als Kronzeugen rief er Dr. Ting-fu auf, einen ständig kichernden Chinesen, der eine winzige Nebenrolle in Thomas Manns „Zauberberg“ spielt. Bei einer okkultistischen Sitzung fasste er als Einziger „den gesunden Gedanken, das Deckenlicht einzuschalten, so dass alsbald das Zimmer in Klarheit lag“. Für Huang ist in diesem deutschen Chinesenbild tatsächlich etwas Typisches ausgesprochen: die Diesseitigkeit des konfuzianischen Chinesen. Auf der einen Seite verbinde ihn diese mit dem Humanisten Settembrini im Roman und der westlichen Aufklärung im Allgemeinen, auf der anderen Seite werde er um ihretwillen auch beargwöhnt, weil er unfähig zu transzendenten Gedanken und zur Abstraktion schlechthin sei."

Aus: Mark Siemons, Kommt uns bloß nicht mit Kant. Deutsch-chinesischer Dialog (Bericht über einen deutsch-chinesischen Philosophentreffen) in der FAZ vom 28.04.2008.

Jeder für sich allein

Vorgeschmack des Sommers

Das gestrige Schönwetter gab einen Vorgeschmack auf den Wiener Sommer. In der Straßenbahn und in der als Hochbahn geführten U 6 ist es jetzt schon wichtig, sich an die richtige (sonnenabgewandte) Seite zu setzen. Menschenansammlungen werden olfaktorisch unangenehm. Wie mag das erst in der wirklich warmen Jahreszeit sein? Ich beginne zu ahnen, warum es hier diese langen Sommerferien gibt.