Dienstag, 29. April 2008

Jeder für sich allein

Vorgeschmack des Sommers

Das gestrige Schönwetter gab einen Vorgeschmack auf den Wiener Sommer. In der Straßenbahn und in der als Hochbahn geführten U 6 ist es jetzt schon wichtig, sich an die richtige (sonnenabgewandte) Seite zu setzen. Menschenansammlungen werden olfaktorisch unangenehm. Wie mag das erst in der wirklich warmen Jahreszeit sein? Ich beginne zu ahnen, warum es hier diese langen Sommerferien gibt.

Menschen in der U-Bahn-Station


Sonntag, 27. April 2008

Krisenum

"Wenn Sie diesen Artikel lesen, können Sie ­gaaanz entspannt bleiben. Hier müssen Sie endlich einmal keine Sorge haben, in Ihren religiösen Gefühlen verletzt zu werden. Nehmen Sie den Koran in die linke, Cicero in die rechte Hand, kontrollieren Sie noch einmal den Schleier Ihrer Nachbarin und freuen Sie sich mit mir, dass man in manchen Alpendörfern tatsächlich damit beginnt, Gipfelkreuze von den Bergen zu holen. Die haben lange genug die religiösen Gefühle von Muslimen verunglimpft. Schließlich gehören die Berge doch allen.
Es kommt endlich etwas in Bewegung im Abendland. Nach so vielen Jahren aggressiver Meinungsfreiheit wird Einhalt geboten, einfach alles zu sagen und zu schreiben, was man denkt. Das war ein Irrweg voller gefährlicher Provokationen. Es ist daher ein Meilenstein in der Geschichte Europas, dass holländische Filmemacher jetzt nicht mehr unbekümmert zeigen können, was sie wollen. Dass die 27 EU-Außenminister sich gegen das weltfriedensbedrohende Filmchen „Fitna“ ausgesprochen haben, zeigt herausragende Führungsstärke. Die Kunst ist ohnedies in jüngster Zeit zu frech geworden. Sie und die ebenso dreiste, freie Literatur kritisieren seit Jahrhunderten schon die Religion. Damit wird nun Schluss gemacht.

Den ersten Triumph hat die neue Kultur der Selbstzensur mit den Karikaturen aus Dänemark errungen. Seither trauen sich diese Schmierfinke des Abendlandes keine ketzerischen Zeichnungen mehr zu. Und das Beispiel hat Schule gemacht. Der Durchbruch zur kulturellen Selbstreinigung im Alltag ist da: Nikolausfeiern in Kindergärten werden abgesagt, Stewardessen sollen ihre Kreuze von den Halsketten ablegen, islamkritische Kunstwerke werden aus Museen entfernt. Endlich werden wir sensibel. Ja gewiss, Angst spielt zuweilen auch eine Rolle. Aber ist Angst nicht auch ein Indiz für Weitsicht?

Die neue Demut zeigt, dass man die eigene Kultur und Tradition nicht mehr zu Demonstrationszwecken missbrauchen muss. Wie damals beim Berliner Opernkrach, als doch tatsächlich Mohammed thematisiert werden sollte. Da gab es schon eine feinfühlige Intendantin, die die Oper absagen wollte. Nur eine Handvoll Provokateure und Ewiggestriger beharrte noch auf der Kunstfreiheit. Sie geraten nun in die Minderheit.

Ein leuchtendes Beispiel für die neue Demutskultur ist Eintracht Frankfurt. Zu den Unsitten dieses Vereins gehörte es, dass die Fans alljährlich über das Design des Trikots entscheiden durften. Ein libertinärer Fehler von vornherein. Nun fiel die Wahl der Fans auch noch auf ein schneeweißes Hemd mit schwarzem Kreuzmuster. Es hätte Schlimmes, ganz Schlimmes passieren können. Ein weiser Vereinsvorstand erkannte die Gefahr und untersagte den verblüfften Fans das Kreuz. Denn wenn Kreuze zu sehen seien, dann könnten sich Muslime verletzt fühlen, meinte die Eintracht-Führung. Sehr verantwortungsbewusst. Eintracht eben, da ist Nomen Omen. Statt Kreuze machen nun Wellen das Dekor. Wunderbar, das gefiele bestimmt auch den 27 EU-Außenministern. Sie sollten mal über Autobahnkreuze und die Schweizer Fahne nachdenken. Gefährlich, sehr gefährlich!
Diese insgesamt erfreuliche Entwicklung könnte nun durch eine einfache, aber konsequente Initiative gekrönt werden: Mit der Abschaffung des Buchstaben „t“. Dieser Buchstabe ist für Nichchristen nur schwer zu ertragen, denn er zeigt ein verkapptes Kreuz. In ihm verbirgt sich die ganze aggressive Arroganz westlicher Selbstgefälligkeit.

Massenhaft, täglich, überall verletzt das „t“ die religiösen Gefühle von Millionen. Das „t“ gehört im Deutschen zu den häufigsten Buchstaben, es macht mehr als sechs Prozent des gesamten Sprachschatzes aus. Das allein verrät schon eine sublime christliche Überlegenheitsgeste. In Wahrheit ist das „t“ die subversive Waffe einer imperialistischen Religion, die den Stolz und die Ehre der Nicht-t-Kulturen übel verhöhnt.

Jeder Deutsche, ja gerade wir Deutsche, sollten uns bewusst werden, welche Sprengkraft in dem Buchstaben „t“ steckt. Wir brauchen daher ein Signal der Versöhnung und Verständigung.

Das „t“ thront schließlich wie eine Fratze der Dekadenz über dem Schlüsselwort „Toleranz“. Es reicht schließlich auch, von Oleranz zu reden. Oder ewa nich? Auch „Gott“ ist eine Zumutung mit dem verdoppelten Kreuz. „Go“ würde völlig genügen für die Wellness-Religion des Westens. Jenes Christentum klänge doch ohne „t“ als Krisenum viel umgänglicher. (...)"

Wolfram Weimer, Das Kreuz mit dem "t", in: Cicero

Lutherhof in der Sonntagmorgensonne

Behalte den Augenblick

Behalte den Augenblick,
wo Seile und Bretter abgelegt sind,
die Träger in der Wirtschaft Karten spielen,
im Trauerhaus wieder das Feuer brennt
und das erste Gelächter zu hören ist.

Günter Eich

Menschen in Bewegung



















Kleine Freuden

Ein depressiver Mensch hat ganz andere und vielleicht auch mehr Erfolgserlebnisse: Da kann schon das Kleinste zum großen Erfolg werden - das Einstellen eines Buches ins Regal, das Zusammenlegen eines Kleidungsstücks, das Wegwerfen eines nicht mehr benötigten Zettels. Wo alles ein Berg ist, müssen immerfort Berge bezwungen werden. Wahrhaft Depressive sind Alpinisten des Alltags, Extrembergsteiger in den Hochgebirgen der alltäglichen Kleinigkeiten. Wer Depression nicht kennt, für den hört sich das alles lächerlich an, unglaublich, wie an den Haaren herbeigezogen. Aber tief depressive Personen werden entschädigt durch eine Vielzahl kleiner Freuden über unzählige kleine Siege.

Samstag, 26. April 2008

Ein Regentag





Teures Österreich

"Diskonter wie Hofer, Lidl, Penny oder Zielpunkt bieten oft dieselbe Ware in Deutschland und Österreich an - nur kostet sie hierzulande zum Teil mehr als doppelt so viel.

Diskonter verlangen in ihren Österreich-Filialen für die gleichen Produkte im Schnitt um fast ein Fünftel mehr als in Deutschland. Vier von fünf Produkten sind in den Ketten in Österreich teurer als in Deutschland.

Das geht aus einem Vergleich der Arbeiterkammer hervor, die im März und April bei Hofer, der in Deutschland Aldi heißt, Lidl, Penny und Plus/Zielpunkt jeweils in Deutschland und Österreich dieselben Lebensmittel und Reinigungsmittel gekauft hat. (...)

Das Argument, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel sei hierzulande höher als in Deutschland, lässt die Arbeiterkammer nicht gelten - nur ein geringer Teil der unterschiedlichen Preise gehe auf die höheren Steuersätze zurück. Auch ohne Steuern würden die Österreicher bei ihrem Einkauf im Schnitt bei Lidl um 18,8 Prozent, bei den anderen Diskontern um gut 15 Prozent mehr zahlen als in Deutschland. (...)"

Die Presse 25.04.2008