Mittwoch, 3. September 2008

Mutterliebe

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Karma als Allzweck-Ausrede

Das ist neu: Ein überzeugter Esoteriker, der der Szene die Leviten liest. Der deutsche Naturwissenschafter und Esoterik-Insider Wolf Schneider war einst buddhistischer Mönch und gibt seit 23 Jahren ein Esoterik-Magazin heraus. Jetzt hat er ein Buch über die esoterischen Irrtümer geschrieben.

OÖN: Beginnen wir bei A wie Astrologie. Wissen Sie, was heute in Ihrem Horoskop steht?

Schneider: Nein.

OÖN: Als Esoteriker lesen Sie Ihr Horoskop nicht?

Schneider: Nein. Es interessiert mich auch nicht. Ich bin früher frisch und frei an die Astrologie herangegangen und habe mir ein Geburtshoroskop machen lassen, was ich toll fand, weil ich mich darin wiedergefunden habe. Einen Monat später ist mein Astrologe draufgekommen, dass ihm ein Fehler unterlaufen ist, und er hat das Horoskop noch einmal gemacht. Ich war wieder begeistert. Zudem war ich damals Schüler eines spirituellen Meisters. Wir dachten, die Initiation in diese Lehre sei wie eine Neugeburt, weshalb es wieder ein neues Geburtshoroskop geben müsse. Ich habe mir das machen lassen und habe mich wieder darin gefunden. Fazit war: Man kann mir alles hinlegen – wenn ich mich nur tief genug da hineinbegebe, finde ich mich selbst wieder.

OÖN: Warum sind ausgerechnet Sie – als Herausgeber eines Esoterik-Magazins – zum Kritiker der Esoterik geworden?

Schneider: Ich bin seit 32 Jahren in der Esoterik-Szene drin, seit 23 Jahren Herausgeber dieses Magazins. Täglich kommen mir Texte auf den Tisch, Leute durch die Tür. Das muss eigentlich bei jedem intelligenten Menschen in einer Ernüchterung enden.

OÖN: Wie lässt sich Esoterik definieren?

Schneider: Esoterik wird gängig verstanden als etwas, das mit Geheimnissen und Magie zu tun haben soll, als religiöser Mischmasch mit Egozentrik und Wahrsagerei. Aber die Esoterik-Szene ist breit. Da gibt es Leute, die das sehr ernst nehmen und tief gehen. Vor denen habe ich großen Respekt. Die gehören allerdings nicht zur großen Grundströmung der Pop-Esoterik, in der es einen Jargon gibt mit einer gewissen unkritischen Gläubigkeit. Da wird gesagt: „Es gibt keine Zufälle“ oder „Alles ist Energie“ etc.

OÖN: Was kann Sinn der Esoterik sein? Lebenskunst, wie Sie meinen?

Schneider: Der ursprüngliche Sinn und Anspruch ist, eine individuelle Religiosität außerhalb der großen Hochreligionen zu entwickeln, die das Individuum befreit und ermächtigt. Also mit der Natur, mit sich selbst, mit Gott in Kontakt zu treten und sich selbst zu entdecken. Ich würde den positiven, guten Kern der Esoterik als transpersonelle Mystik bezeichnen.

OÖN: Was hat das mit Lebenskunst zu tun?

Schneider: Wer das wagt, ist befreit von vielen äußeren Einflüssen, ist nicht mehr manipulierbar von politischen Autoritäten oder von Werbung, weil so ein Mensch in sich ruht.

OÖN: Sie schreiben, Esoterik sei nicht unseriöser, zauberhafter und weniger auf Bluff basierend als die Praktiken des Katholizismus oder anderer christlicher Religionen. Kurz: War Jesus ein Scharlatan?

Schneider: Nein. Aber die Religion, die sich um ihn aufgebaut hat, hat nicht mehr viel mit Jesus zu tun. So wie die heutige chinesische Regierung nichts mehr mit Marx und Engels zu tun hat, obwohl sie sich kommunistisch nennt. Das ist ungefähr dieselbe Entfernung, die die katholische Kirche zu Jesus hat.

OÖN: Was sind denn die grundlegenden Irrtümer in der Esoterik-Szene?

Schneider: Ein Beispiel: Der große Hit in der Szene sind derzeit die Wünsche-Ratgeber: Wenn du das und das glaubst und dies und jenes richtig machst, erfüllen sich alle deine Wünsche. Dieses „alle“ ist das Größenwahnsinnige darin. Das basiert auf dem alten Satz „Glaube versetzt Berge“. Ganz platt gesagt: Glaube kann keine Berge versetzen. Wenn schon, braucht es dafür ziemlich große Maschinen.

OÖN: Wie sind denn die Stolperfallen in der Esoterik-Branche strukturiert?

Schneider: Zuerst einmal wird ungenau dahergeredet. Man sagt zum Beispiel: „Alles ist Energie“, „Alles ist relativ“ oder „Zeit ist eine Illusion“. Das sind Tricksereien, Ausreden, Halbverstandenes und Halbwahrheiten. Man kann schon sagen, dass alles irgendwie Energie sei. Materie ist verstrahlbar. Das meint man aber nicht. Man sagt: „Ich kann deine Energie spüren“, aber das ist ein Dahergewurstle.

OÖN: Ironisch gefragt: Sie dürften wohl das Feinstoffliche nicht so richtig wahrnehmen…?

Schneider: Wissenschaftlich gesehen, halte ich einen freien, nicht wahrnehmbaren Stoff für eine unhaltbare Theorie, die zu Tausenden Ausreden Anlass bietet. Zum Beispiel Gedankenlesen: Das gibt es eher nicht, aber ich weiß, dass man zu anderen Menschen eine kongeniale Nähe haben kann, sodass man denselben Gedanken im selben Moment kriegen kann.

OÖN: Wie viel in der Esoterik basiert auf Suggestion und Wahrnehmungstäuschungen?

Schneider: 90 Prozent ist Schmarrn, 10 Prozent ist gut an dem Ganzen. Aber man muss Wahrnehmungstäuschungen allgemeiner ansehen. Alle Menschen werden in ihrer Wahrnehmung mehr oder weniger ständig getäuscht. Wir wissen von der Politik und deren Kampagnen, dass suggeriert und geblufft wird. Da wird inszeniert, da wird mit magischen Kommunikationsvorgängen gearbeitet – insofern, als Wirkungen und Zeichen erzeugt werden, die die Zielgruppe in eine Trance des Verstehens versetzen.

OÖN: Was antwortet man auf das esoterische Killerargument aus Shakespeares Hamlet „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“?

Schneider: Im Grunde sagt dieses Argument nichts. In einer Diskussion mit Esoterikern würde ich Beweise fordern. Wenn du die Jungfrau Maria oder den Engel Gabriel gesehen hast oder wenn du von Aliens entführt wurdest, musst du das intersubjektiv belegen. Das ist ja der Anspruch der Wissenschaft.

OÖN: Sie haben sich intensiv mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, nun sind Sie wieder zur guten, alten Philosophie europäischer Prägung zurückgekehrt. Wie kam es zu diesem Prozess?

Schneider: Ich habe Naturwissenschaft und Philosophie in München studiert, bin dann nach Asien auf Reisen gegangen und dem Buddhismus begegnet. Das war damals für mich als sehr klaren, rational denkenden, europäisch Gebildeten die einzige offene Tür zur Religiosität. Ich bin tief eingetaucht in mystische Erfahrungen und Meditationserfahrungen und bin noch immer darin verwurzelt. Ich bin aber kein Buddhist. Die Weisheitstradition, etwa bei Sokrates, den ich genauso hoch schätze wie Buddha, haben wir in Europa auch. Auch im islamischen Kulturraum gibt es die sehr schöne Weisheitstradition der Sufis. Man findet überall etwas: im Christentum, im Judentum, im Islam, im Schamanismus. Die Esoterik hat den Ruf, sehr beliebig und kurzatmig zu sein. Man probiert dies und das aus und mischt sich einen eigenen Cocktail, der letztendlich nur das eigene Ego stärkt. Dieser Ruf ist auch nicht ganz falsch. Aber unsere globalisierte Welt ist halt so. Deshalb muss man schauen, dass man bei irgendetwas bleibt und dort so richtig tief geht. Da braucht man Durchhaltevermögen.

OÖN: Bevor ich jetzt zum Sufi werde: Müsste ich nicht erst einmal mein schlechtes Karma wuchten lassen…?

Schneider: Das schlechte Karma ist auch so ein Esoterik-Klischee. Es gibt zwar Wirkungszusammenhänge, aber Karma bietet sich einfach als Allzweck-Ausrede an.

OÖN: Als Wassermann stellt sich mir die Frage, wann endlich das Zeitalter des Wassermanns anbricht, wie es im Musical Hair besungen wurde („This is the Dawning of the Age of Aquarius“). Was ist da dran ?

Schneider: Kollektive Hypnose. So wie Silvester 2000. Da haben wir ja auch gemeint, alles bräche zusammen. Das war eine unesoterische kollektive Hypnose. Und es war nichts, alles ging weiter wie bisher.

OÖNachrichten vom 29.08.2008

Am Weg von Hernals nach Ottakring

Ich bin eine Glühbirne


Gefunden im Gemeindebrief der Wiener Christuskirchengemeinde in Favoriten (Folge 186, Herbst 2009, S. 5)

Montag, 1. September 2008

Theresiengasse

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Olfaktorische Genüsse

Zweifelsohne ist der Geruch von Sommerregen auf der Straße eine dolle Sache. Es ist ein Düftchen aus Staub, warmem Asphalt, aus Himmelfeucht und frischer Baumwolle, das immer nur in den Minuten vor einem großen Gewitterregen durch die Straßen zieht – entfacht durch die ersten dicken Platschtropfen. Mit dem richtigen Regen dann, vergeht der Duft wieder, ja man erwischt eigentlich nie mehr als drei Züge davon. Danach ist aus dem Sommernachmittag meist ein Abend geworden und auf den grünen Stapeltischen der Wirtshäuser stehen Pfützen, die für heute keiner mehr abwischt. Diese Begleiterscheinungen, nicht nur sein seltsames Aroma, machen den Sommerregenduft so erstaunlich, dass sich jeder bemüßigt fühlt, darauf hinzuweisen – ähnlich wie auf einen Regenbogen. Da wird ja auch immer drauf hingewiesen, dass es kracht. Man riecht sich nicht satt am Sommerregen und jeder mag ihn, selbst der unsinnlichste Baustellenfotograf. Das ist interessant, denn in Sachen Alltagsduft geht doch sonst das Völklein auseinander wie eine alte Heckenschere. Der eine riecht Tesafilmstreifen gerne, der andere schnüffelt an der SuperPlus-Zapfsäule rum bis der Tankwart aus dem Häuschen wetzt.

Ich liebe zum Beispiel den Geruch der Münchner U-Bahn-Treppenschächte. Das ist ein seltsames Gemisch aus Bremsabluft und Brausekeller, eine mechanische Brise, die mir jedes Mal direkt unter die Rinde zieht und da die Türen auf- und zugehen lässt. Dieser Münchner U-Bahnduft weht am stärksten auf den Treppen, die nach unten führen. Am Bahnsteig selber ist er schon wieder ausgedünnt. Geht man treppauf Richtung Oberfläche, funktioniert der Duft gar nicht – ein Phänomen! Es handelt sich also um ein Einweg-Riecherlebnis, nur zum Runterschnüffeln, nicht zum Raufschmecken. Ich habe diesen U-Bahn-Geruch schon gemocht, als ich noch mit der Kinderfahrkarte fahren durfte. Und schon damals scheiterte mein Versuch, auch meine Mutter dafür zu begeistern oder gar mit ihr auf der Treppe eine Pause einzulegen, zum Zwecke ausgiebigen Einatmens. Sie gab jedes Mal vor, nichts Besonderes zu riechen. Das war natürlich eine Ausrede der Erwachsenen, die nun mal manche Dinge, die primär toll sind, aus sekundären Gründen ablehnen und das für einen Fortschritt halten.

Ich liebe den Duft auf der U-Treppe immer noch und binde mir dort mit Vorliebe und völlig benebelt die Schuhe. Immer wieder rede ich in traulichen Runden vom Zauber dieses U-Bahn-Treppenduftes, aber niemand teilt meine Hingabe für diesen absurd schönen Hauch aus dem Untergrund. Alle gucken nur scheel von der Seite und sagen "Is mir jetzt so noch nich’ aufgefallen. Aber kennt ihr den Duft, wenn’s im Sommer so regnet. . . "

Max Scharnigg in jetzt.de, dem Blog der Süddeutschen Zeitung

Freitag, 29. August 2008

Wirklichkeit

Mark Tansey: Doubting Thomas

The question of boundaries, of possible shifts or displacements along them, and the question of what is being bounded (or unbounded) are preeminent ones. If we are indeed in a liminal period, then the border is not out there somewhere at the edge of the frame but rather it is here, at zero degree, where the x and y coordinates meet. It is a site of encounter, a point of transition. The marginal is all around.

Lyn Hejinian, The Language of Inquiry

Donnerstag, 28. August 2008

Hinterhof



Blick aus dem Stiegenhaus im Gebäude des Plasmazentrums der Fa. Baxter in der Kirchengasse.