Mittwoch, 24. September 2008

Über Gesichter von Autos

(...) Wir wissen von Autofahrern, die sich gegen den Fiat Punto Grande und für den (älteren) Fiat Punto mit der Begründung entschieden haben, jener sehe tückisch drein, während dieser einen sympathischen Gesichtsausdruck habe...

So absurd dies sein mag, es illustriert, was nicht nur Autofahrer wissen: Ein Auto hat ein Gesicht, es schaut uns an. Das liegt daran, dass wir überall Augen erblicken, wo etwas aussieht wie Augen. Und dass wir aus allen Augen den Charakter ihres Trägers lesen wollen. Das kann zu nächtlichen Horrorerlebnissen führen, das verstärkt auch unsere Beziehung zu Autos.

Die Scheinwerfer entsprechen den Augen; der Kühlergrill ist das Pendant zur Nase, die Luftschlitze darunter sind der Mund. Das konnten Anthropologen der Uni Wien um Sonja Windhager und Karl Grammer in einer in Human Nature publizierten Arbeit bestätigten. Über 80% der Testpersonen sahen in mindestens der Hälfte der gezeigten Autos ein Gesicht. Untersucht wurde auch, mit einem Set geometrisch definierter Merkmale, welche Attribute den „Gesichtsausdruck“ eines Autos bestimmen. Autos, die als „kindlich“, „weiblich“, „nicht zornig“, „nicht arrogant“ oder „freundlich“ wahrgenommen werden, haben z.B. Scheinwerfer, deren obere Kanten von innen nach außen abfallen (wie Augenbrauen in einem schematisierten „traurigen“ Gesicht). (...)

Als „männlich“, „dominant“ etc. werden dagegen Autos empfunden, die z.B. eher schmale, weit voneinander entfernte Scheinwerfer oder einen großen Kühlergrill haben. Im restlichen Design von Autos gibt es Eigenschaften, die ähnlich eindeutig zugeordnet werden: Je größer die Windschutzscheibe im Vergleich zum gesamten Auto ist, umso eher wird es als „kindlich“ gesehen, wahrscheinlich weil Kinder im Verhältnis zum Körper größere Köpfe haben. Überraschenderweise sind just die Autos, die „männlich“ wirken und „Macht“ ausstrahlen, am beliebtesten – und zwar bei Männern und Frauen. (...)

Thomas Kramar: Mein Auto sieht mich so böse an, Die Presse 24.09.2008

Mariahilf

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Der Fluch des Sternes soll dich holen - ganz gewiss

Welche Rolle spielt eigentlich der religiöse Hintergrund, wenn ein Mensch flucht?
Ris: Flüche haben ja immer einen religiösen Hintergrund, wenn sie ihren Ursprung nicht in der Mythologie oder bei den Naturgewalten haben, wie etwa „Donnerwetter“.

Aber es gibt doch sicher Unterschiede beim Fluchen, je nach Konfession?

Ris: Ja. In den süddeutschen katholischen Gebieten wie Bayern oder der Innerschweiz war Fluchen traditionell mit Lebenslust verknüpft, man erfreute sich an Wörtern wie „Arscherlkrachen“ für furzen. Wenn es zu schlimm war, konnte man ja beichten. Das wäre im protestantischen Norden undenkbar, da gibt es eine sehr große Angst vor dem Bibelwort.

Wie äußert sich das?
Ris: Die Evangelikalen dürfen das Wort „gewiss“ nicht gebrauchen. Denn für sie weiß nur Gott, was gewiss ist. Der religiöse Hintergrund gilt aber nur mehr für stark konfessionell gebundene Kreise als Faktor – die Tabus sind großteils gefallen.

Wo wird besonders bösartig geflucht?
Ris: Im arabischen Raum gibt es immer noch Verfluchungen vom Typus „Der Teufel soll dich holen“ oder „Deine Mutter, die Hure“. So etwas hätte bei uns keine Basis. Auch in Russland spielt der Teufel immer noch eine große Rolle.

Und wie flucht Roland Ris, wenn ihm der Kofferraumdeckel auf den Kopf fällt?
Ris: Ich sage gerne „Gottfried Stutz“ – das ist einfach ein Name. Man hängt an Gott noch etwas dran, damit es weniger schlimm klingt. Aber ich fluche generell wenig. Vielleicht hat das mit meinem Naturell zu tun, ich rege mich selten auf.

Dennoch hat ein Dialektologe sicher einen Lieblingsfluch...
Ris: „Sternenlaterne“ sage ich gerne.

Und das ist ein Fluch?
Ris: Das kommt von „Der Fluch des Sterns soll dich holen“. Und Laterne hängt dran, damit es sich reimt. Ich mag Sterne.


Wie flucht eigentlich Österreich?
Ris: Ich weiß von keiner sehr entwickelten Fluchkultur. Es scheint mir eher eine gewisse Zurückhaltung gegeben. Die Leute wollen aber generell nicht gerne zugeben, dass sie fluchen. Es ist eigenartig – aber lieber geben die Leute sexuelle Ausdrücke preis, die sie verwenden, als Flüche.

Aus einem PRESSE-Interview mit dem Fluchforscher Roland Ris (Die Presse 24.09.2008)

Perfektion der Muttersprache


Anzeige in der Zeitschrift der Arbeiterkammer

Wenn es mit den Deutschkursen für Migranten schon nicht nach Wunsch funktioniert, dann könnte man ja immerhin die Muttersprache perfektionieren. Gilt natürlich auch für Österreicher. Oder für die "Lieblingsnachbarn".

Montag, 22. September 2008

Am Währinger Gürtel

 
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Immerhin mit Humor

Buchhändler Christian Heymann steht vor seinem Geschäft am Eppendorfer Baum und wartet auf den Weltstar. Heymann möchte Shirley MacLaine persönlich begrüßen und ihr die Hand schütteln. Doch dazu kommt es nicht. Die Oscar-Preisträgerin fährt nicht vor, sondern entsteigt der schwarzen Mercedes-Limousine bereits an der Hegestraße. Dann geht alles ganz schnell: Als die Fans, etwa 300 warten an diesem Sonnabendmittag in einer langen Schlange, ihr Idol entdecken, ist die Hollywood-Schauspielerin schon schnellen Schrittes in die Buchhandlung Heymann gelangt.

Die 74-Jährige, die ganz in Schwarz gekleidet ist, nimmt Platz und ist umringt von Kameraleuten. Vor ihr auf dem Tisch stapelt sich ihr neues Buch "Weiser, nicht leiser!" Dieses enthält autobiografische Geschichten über die besonderen und unvergleichlichen Vorzüge des Älterwerdens.

Dann kann es losgehen, einzeln werden die Fans zu ihrem Idol vorgelassen. Shirley MacLaine wirkt entspannt und signiert wie am Fließband ihr Buch. Ab und an lächelt die Schauspielerin und bedankt sich für die Komplimente ihrer Fans. "Es war ein tolles Erlebnis, sie hat mich ganz freundlich angelächelt", berichtet eine Frau stolz. Ein Lächeln hat Shirley MacLaine auch auf den Lippen, als nach einer knappen Stunde alle Bücher signiert sind. Unter dem Applaus ihrer Fans verlässt die Schauspiellegende die Buchhandlung und lässt sich zurück ins Hotel Vier Jahreszeiten chauffieren.

Abends erscheint sie dann im Glitzerkostüm im Kleinen Saal der Laeiszhalle. Den Besuchern werden Verschwörungstheorien geboten: Medien würden die Berichterstattung über Spiritualität unterdrücken. "Dahinter stehen die Interessen von Regierungen. Die wollen, dass die Bevölkerung in Angst lebt, damit man sie besser manipulieren kann", verkündet MacLaine kühn.

"Bei den Nachrichten im Fernsehen nimmt man nur wahr, was man wahrnehmen will", erklärte sie und spielte auch auf die Zuhörer an. Viele Besucherinnen wünschten sich von der Filmlegende ("Irma la Douce") Anekdoten. Aber es war unmissverständlich angekündigt worden, dass die Diva über die Notwendigkeit der Spiritualität zur Rettung der Welt sprechen würde. Sie sprach über Ufos und Sternenwesen, über Körperchakren und die nahende Zeitenwende. Die Außerirdischen kann sie ziemlich genau beschreiben: "Die von den Plejaden sind menschenähnlich. Und die vom Orion sind die Grauen - so wie Spielberg sie in seinen Filmen zeigt." Wiederum andere seien unsichtbar.

Auch über das Jahr 2012 als Energieschwelle, auf die man sich meditativ vorbereiten sollte, fabulierte MacLaine. Verärgert brachen einige Besucher ungeniert auf - was die Laune des Stars nicht gerade hob.

Als geschickt vorgetragene Mischung aus Esoterik, psychologischen Allgemeinplätzen und gewöhnungsbedürftigen Thesen wie denen von den Sternenwesen, die Menschen entführten und ihnen DNS-verändernde Chips einpflanzten, stellen sich die Botschaften von MacLaine auf den Außenstehenden dar.

Auch in religiöser Hinsicht wagte sich Shirley MacLaine weit vor: Die Kirchen hätten ausgedient, antwortet die überzeugte Esoterikerin auf die Frage, ob Gott in uns oder außerhalb von uns sei. "Jeder sollte sich besser auf das eigene Innenleben konzentrieren, um den Sinn des Lebens zu verstehen", riet MacLaine dem Publikum. Außerdem hatte sie noch eine Weisheit parat: "Wer sich mit Esoterik beschäftigt, sollte auch Humor zeigen. Sonst kriegt man 'ne Meise."

Hamburger Abendblatt 15.09.2008

Traum und Wirklichkeit



Ein Blick in fremde Welten

Vom Regen in die Traufe
Für die Einwohner des netten Fantasy-Reiches Faeryanis geht es derzeit vom Regen in die Traufe: Eben erst gelang es der gütigen und warmherzigen Königin Gwendolyn ihren despotischen Vorgänger, den grantigen Tyrannen Ceville, aus dem Amt zu kegeln, da braut sich neues Unheil zusammen: Ihr hinterhältiger Berater Basilus schmiedet hinter Gwendolyns Rücken gemeine Ränke, um an die Macht zu kommen und das Land mit seiner heraufbeschworenen Armee der Finsternis zu unterwerfen.

Ceville: Bild 1
Der kleine Giftzwerg Ceville ist Held und Bösewicht zugleich.

Gefangen in dieser Zwickmühle mit der Wahl zwischen Pest und Cholera verbleibt den Bürgern von Faeryanis als letzte Hoffnung ihr einstiger Peiniger Ceville, der in seiner Zelle vor sich hin grummelt und dabei Pläne für seine „Wiedereinstellung“ als Staatsoberhaupt ausheckt. Und dessen Rolle ihr im gleichnamigen Spiel übernehmt…

Trio im Quadrat
Dass in dem kleinen roten Wicht Ceville ein fieser Tyrann steckt, mag man angesichts seiner äußeren Erscheinung zunächst gar nicht vermuten. Doch scheint er während seiner Amtszeit gar schlimm gewütet zu haben, wurde er doch von den Rebellen zu Beginn des Spiels in den Kerker und damit in sichere Gewahrung gesteckt.

Ceville: Bild 1
Charakterköpfe: Das Spiel fährt jede Menge abgedrehter Typen auf.

Hier trifft er auf die kleine Lilly, die nicht nur ein süßer Fratz, sondern offenbar auch ziemlich naiv ist, glaubt sie doch mit Ceville das kleinere Übel im Vergleich zum bösen Basilus ausgemacht zu haben. Aus diesem Grund hilft sie Ceville bei seiner Flucht aus dem Gefängnis im festen Glauben, das Königreich dadurch zu retten.

Im weiteren Spielverlauf übernehmt ihr daher nicht nur die Rolle von Ceville, sondern immer wieder auch die von Lilly. In manchen Szenen kann der Spieler zwischen den Charakteren wechseln, in anderen wiederum trabt der Kompanion ähnlich wie Max seinem Hunde-Herrchen Sam hinterher und lässt sich für bestimmte Rätsel „benutzen“.

Ceville: Bild 2
Der eingebildete Ambrosius ist mehr an seiner Frisur als an Heldentaten interessiert.

Später stößt zu diesem ungleichen Duo noch der selbstverliebte Ritter Ambrosius hinzu. Der aufrechte und stets auf seine Fönfrisur bedachte Held hatte ursprünglich den Auftrag, Ceville in seiner Zelle zu bewachen. Nachdem ihm dies aber gehörig vermasselt wurde, begibt sich Ambrosius auf die Jagd nach dem Möchtegern-Tyrannen – und schließt sich schlussendlich dessen Sache an.

Humor wie bei den Simpsons
„In Sachen Humor orientieren wir uns ein wenig an den Simpsons“, verraten uns die Münchner Entwickler von Boxed Dream auf der Games Convention. „D.h. wir streuen überall kleine Anspielungen auf Filme, Bücher oder andere Computerspiele ein.“ Wer die Anspielungen versteht, hat noch mal eine Extraportion Spaß, wer die Originale nicht kennt, wird aber trotzdem was zu lachen haben.

Ceville: Bild 1Selbst der Horny aus Dungeon Keeper erhält einen Auftritt.

An vorderster Front der Humorattacke stehen dabei genrebedingt natürlich die gängigen Fantasy- und Rollenspielklischees. Die Elfen in Ceville sind beispielsweise ein esoterisch angehauchtes Hippie-Völkchen auf Öko-Trip, die das Motto von „unserem Freund: dem Baum“ bis zum Erbrechen predigen. Die Zwerge hingegen sind nach all den Jahren in ihren Goldminen zu dermaßen viel Reichtum gelangt, dass sie nurmehr als geldgierige Manager und Verwalter ihrer Ersparnisse in Erscheinung treten.

Doch auch Klassiker der Spielegeschichte bekommen bei Ceville ihr Fett weg: In einer Selbsthilfegruppe für einstige Erzbösewichte versucht eine gute Fee die ehemaligen Fieslinge zu anständigen Gutmenschen umzumodeln. Neben dem Horny aus Dungeon Keeper und einem schwarzen Ritter, der zu ähnlich asthmatischen Kettenraucher-Symptomen neigt wie seinerzeit Darth Vader, findet sich dort außerdem ein Zombiepirat, der frappierend an seinen Verwandten Le Chuck aus Monkey Island erinnert – mit dem Unterschied, dass er statt eines edlen Holzbeins nur einen Wischmob trägt und der piratentypische Papagei ihm nicht auf der Schulter sitzt, sondern im Auge. Statt Augenklappe.

Ceville: Bild 2
In Ceville kommt offensichtlich dieselbe Engine wie in Ankh zum Einsatz.

Auch sonst ist nicht alles in Ceville so, wie man es von bunten Märchenwelten gewohnt ist: Der Flaschengeist verweigert das Erfüllen von Wünschen, seit er der Gewerkschaft beigetreten ist, und Affen fungieren nicht nur als Barkeeper im Strandcafe, sondern helfen auch beim Betrügen im Kartenspiel.

Wen nicht nur die abgedrehte Ideenflut, sondern auch der Grafikstil an die Adventure aus dem Hause Deck 13 erinnert, ist bereits auf dem richtigen Dampfer: Auch bei Ceville kommt die Ogre Engine zum Einsatz, die bereits Assils ägyptischer Suche nach dem Ankh Leben einhauchte. Und wie es sich für das Genre gehört, kommen auch hier prominente Stimmen zum Einsatz: Neben dem deutschen Sprecher von Hollywood-Star Joe Pesci (Goodfellas, Lethal Weapon) ist auch Ian Holm, Fantasy-Fans spätestens seit seinem Auftritt als Bilbo Beutlin in den „Herr der Ringe“-Filmen ein Begriff, mit an Bord. (...)

Aus einer Spielkritik auf gamona.de

Selbst ein solcher Text lässt ahnen, wie weit in fremde Welten man sich durch das Spielen von Computerspielen hineinziehen lassen kann, man braucht noch nie auch nur auf einen entsprechenden Bildschirm geschaut zu haben, um zu ahnen, was sich da für Paralleluniversen auftun...

Sollte man es sich so vorstellen?


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Schleichende Unterwanderung durch Esoterik

Immer mehr Esoteriker und Lichtarbeiter suchen - mehr oder weniger erfolgreich - den Zugang zu freizeitorientierten Entspannungszentren, um dort Menschen zu sensibilisieren für New Age, Energiearbeit, das neue Zeitalter und sonstige Themen aus diesem Wirkungsbereich. Das Erfolgsrezept, mit dem aus marketingtechnischer Sicht vorgegangen wird, ist relativ einfach: fernöstliche Ritualpraktiken, Klangschalen, Gong und Mantren, kombiniert mit mitteleuropäischer Klassikmusik und christlichen Gesängen. Auf diese Art und Weise verschaffen sich die „Künstler“ Vertrauen und einen breiten Zugang zur Massenanwendung.

Der nichts ahnende Bade- und Wellnessgast befindet sich nach einer solchen Klangreise oder Klangaufguss im sogenannten Alphazustand, einem tiefen Entspannungszustand zwischen Wachen und Schlafen. Während diesem tranceähnlichem Bewusstseinszustand werden die Probanden empfänglich für suggestive Botschaften, die oftmals im Rahmen einer Traumreise übermittelt werden und offen für den esoterischen Psychomarkt machen. Das Prinzip ist von den sogenannten „Mindmachines“ her bekannt. Robert Monroe hat das von ihm entwickelte „Hemi-Sync“ Verfahren in einem eigens konstruierten Apparat eingesetzt. HemiSync steht für Hemisphären-Synchronisation. Dabei sollen beide Gehirnhälften synchronisiert werden, also gleichzeitig aktiv sein. Üblicherweise ist die linke Gehirnhälfte im Wachzustand aktiver, während die rechte nachts dominiert. Auf der HemiSync Seite heisst es dazu:

„Es handelt sich um eine sanfte Klangtherapie, die er (Robert Monroe – Anm.d.Verf.) aufgrund des Wirkprinzips Hemi-Sync nannte. Am Beginn des neuen Jahrtausends ermöglicht Hemi-Sync uns eine spürbare Schwingungserhöhung. Unsere optimierte neuronale Effizienz bringt uns eine neue Dimension bewusster Lebensgestaltung in einer sich dramatisch verändernden Welt.“ (Quelle: Hemi-sync.de)

Hier wird also das Newage Gedankengut, welches hinter diesen Techniken steht, deutlich. Verbunden wird das mit einem Anschein von Wissenschaftlichkeit. Ähnlich wird es in der heutigen esoterischen Szene mit der Klangschalentherapie gemacht. „Planetenklangschalen“ sind für den normalen Badegast ja zunächst sehr ungewöhnlich. Esoteriker gehen daher dazu über, das Ungewöhnliche mit Bekanntem zu kombinieren. So werden beispielsweise bekannte christliche Gesänge (z.B. „Ave Maria“) zusammen mit den Klängen serviert. Der Zuhörer erkennt das bekannte Lied und ordnet die Gesamtprozedur, also einschließlich der Klänge und Klangmandalas, in einen ihm bekannten Kontext ein. Zu gut Deutsch: Er denkt sich nichts mehr dabei. Die ihm bekannten Lieder überdecken das eigentlich ungewöhnliche. Er wird also manipuliert.

Wenn sich der Badegast in diesem eingelullten Zustand befindet, ist er empfänglicher für Affirmationen jeglicher Art. Affirmationen sind Selbstsuggestionen oder Suggestionen durch andere. Oft werden Mantren monoton wiederholt. Oder aber es werden Elemente des positiven Denkens eingesetzt, wie es z.B. von Joseph Murphy bekannt ist ("Die Macht Ihres Unterbewußtseins"). Esoteriker verwenden beispielsweise Suggestionssätze wie „du gehst jetzt durch einen Tunnel, dort betrittst du einen heiligen Raum, der nur für dich da ist, nun lasse alles los…“)

In Verbindung mit den Klangschalen tritt innerhalb kurzer Zeit der Alphazustand ein. Ein Anwender berichtet: „In diesem Zustand schwebte ich plötzlich über mir. Ich konnte alle Töne wahrnehmen, jeden für sich, aber irgendwann wurde es alles so monoton, ich vernahm nur noch ein unausgegorenes Klängewirrwarr“. Solche Aussagen sind typisch. Sie zeigen, dass die Suggestionen durchaus etwas bewirken können. Der Proband fühlt sich in vielen Fällen sogar entspannter und ausgeruhter nach einer Klangschalentherapie. Dieser Zustand ist jedoch von sehr flüchtiger Natur. Zu Hause angekommen, ist meist alles schon wieder vorbei (ganz abgesehen einmal von der Gefahr im Alphazustand noch Auto zu fahren). Im normalen Alltag haben sich durch die Klangschalen oder Klangmandalas die alltäglichen Probleme um keinen Deut gebessert. Der Anwender tendiert daher dazu, am nächsten Wochenende erneut die Sauna oder Wellness-Anlage aufzusuchen, um sich wieder und immer wieder berieseln zu lassen. Es entsteht eine richtiggehende Abhängigkeit. Bekannt geworden ist dies beim Reiki, wo Menschen auch berichten, regelrecht süchtig geworden zu sein nach Reiki-Behandlungen. Auch hier war der Effekt meist vorübergehend.

Wenn Kinder mit ins Spiel kommen, lauert eine weitere Gefahr. Auch an Schulen und Kindergärten werden verstärkt Phantasiereisen oder Klangmeditationen mit den Kindern durchgeführt. Wenn nun ein Kind seinen Eltern davon berichtet, so sind viele Eltern oftmals bereits kritiklos geworden, weil sie selber am letzten Wochenende eine Klangmassage miterlebt haben. Noch vor wenigen Jahren, hätte es einen handfesten Skandal ausgelöst, wenn Kinder solchen Klangtherapien der spirituell-esoterischen Art ausgesetzt worden wären. Wir müssen als Eltern wieder dorthin, dass diese Praktiken kritisch hinterfragt werden.

Das Unterbewusstein ist zweifellos ein mächtiges Werkzeug. Aber es kann auch manipuliert werden. Nicht umsonst warnt der Autor Reinhard Franzke vor der „Hypnosegesellschaft“. Schleichend sollen sich nach dem Willen mancher Esoteriker okkulte Praktiken immer mehr in unserem Alltagsleben etablieren. Hier ist also höchste Vorsicht angebracht. Der Psychomarkt muss dringend stärker kontrolliert und beobachtet werden.

André Sepeur und Eckart Haase in: Umweltjournal