Donnerstag, 27. November 2008

Beobachtung

Je mehr Ablenkungen, desto mehr Langeweile.

Einfach auf einem Stuhl sitzen, in aller Ruhe: Sitzen, da sein, nichts tun - wer kann das überhaupt noch?

Mittwoch, 26. November 2008

Marburg: Alte Universität


Überraschende Aktualität eines Klassikers

Ende der siebziger Jahre wurde in Westberlin eine Postkarte feilgeboten. Unter dem Konterfei von Karl Marx standen die ironischen Worte "Knapp daneben ist auch vorbei". Gemeint war damit, dass der Marxismus einpacken könne; schließen konnte man, dass jene, die ihm immer noch das Wort redeten, sich bitte bald packen sollten.

Als das Sowjetreich untergegangen war, brachte der Historiker Francis Fukuyama eine These unter die Leute, die weniger geistreich, dafür aber eingängiger war: Der habe nun ein für alle Mal gesiegt, die Geschichte sei zu Ende, denn zu anderem als dem Kapitalismus sei die Welt nicht bestimmt. Diese Behauptung war ungefähr so tiefsinnig, wie es ist, wenn ein Tyrann sich in die Brust wirft und schmetternd verkündet, er sei der Stärkste.

Das Kapital" statt Religion

Wer auf der Suche nach ehernen Gesetzen ist, die die Geschichte lehrt, kann bei Fukuyama fündig werden: Eine so steile und gleichzeitig so banale These wie die seine konnte nicht lange Bestand haben. Mit Fukuyamas Diktum wollen die Leute sich heute nicht mehr abfinden - es ist längst historisch geworden. Schon bevor die Finanzkrise über die Welt hereinbrach, waren die Schriften von Marx in Deutschland wieder gefragt.

Hartz IV und die Angst brachten die Leute dazu, die bestehenden Verhältnisse nicht fraglos hinzunehmen. Und wenn die Individuen sich über den Kapitalismus hinaus für andere Gesellschaftsentwürfe interessieren, wenn sie zu Citoyens werden, kann von einem "Ende der Geschichte" keine Rede sein. Es gibt - wie einst in den sechziger und siebziger Jahren - kleine Lesezirkel, die versuchen, Marx' Gesellschaftsanalyse zu verstehen.

Jetzt bekommen all jene Recht, die immer gesagt haben, dass Marx nicht auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Aber was genau ist es, was heute noch gilt? Der Historiker Eric Hobsbawm hat 1998 für eine Neuausgabe des "Kommunistischen Manifests" ein Vorwort geschrieben, in dem er darlegt, dass Marx eigentlich erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wirklich aktuell sei.

"Produktivität" ist das Zauberwort

Im 19. Jahrhundert war die Weltwirtschaft noch nicht besonders entwickelt, die einzelnen Nationalökonomien konnten ihre Rechnungen ohne Rücksicht auf das Ausland machen. Erst die Revolutionierung des Transport- und Verkehrswesens nach dem Zweiten Weltkrieg, so Hobsbawm, habe eine "kosmopolitische" Wirtschaftsgestaltung möglich gemacht. Entscheidend sei, dass die durch den Kapitalismus veränderte Welt, die Marx 1848 "mit düsterer, lakonischer Eloquenz beschreibt, unübersehbar die Welt ist, in der wir 150 Jahre später leben".

Aber das wollte 1998, als neoliberale Theorien die Köpfe beherrschten, so gut wie niemand hören. Als eine Ironie der Geschichte bezeichnete es der Soziologe Oskar Negt in seiner Abschiedsvorlesung 2003, dass in einer Zeit, da "der Kapitalismus Triumphgesänge über alle Alternativen anstimmt, das Kapital erstmalig in der modernen Welt genau so funktioniert, wie Marx es in seinem 'Kapital' beschrieben hat".

Wer verstehen will, wie Geschichte abläuft, ist seit jeher gut damit bedient gewesen, Marx in Betracht zu ziehen. Man darf "Moden" nicht mit "Fortschritt" verwechseln. Fortschritt im Sinn der Wohlfahrt der Menschen ließ sich jahrhundertelang am Bevölkerungszuwachs und an der Steigerung des durchschnittlichen Lebensalters messen. Beides hängt davon ab, wie produktiv die Ressourcen verwendet wurden, zu denen auch die menschliche Arbeitskraft gehört.

Franziska Augstein: Im Weltwirtschaftsgewitter, sueddeutsche.de 26.11.2008

Sonntag, 23. November 2008

Am Westbahnhof

Zeig mir deine Zähne...

(... ) Die Ärzte sind auf einen bislang eher unbeachteten Indikator für die Spaltung der Gesellschaft gestoßen: die Zahnfäuleverteilung. "Viele haben wenig Karies, wenige haben viel Karies", meldet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und spricht von einer "deutlichen Kariespolarisation". Das staatliche Robert Koch Institut kommt in einer aktuellen Untersuchung zu dem Schluss, dass sozial benachteiligte Schichten ein mehrfach höheres Kariesrisiko tragen als die Durchschnittsbevölkerung.

Dass sich Reich und Arm mehr denn je am Zahnstatus unterscheiden lassen, ist eine besonders bittere Erkenntnis für die zuständige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Der Satz, man dürfe die Herkunft eines Kindes nicht an seinem Gebiss erkennen, gehört von jeher zu den zentralen Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten. Zur Bundestagswahl 1998 hatte die SPD sogar Plakate geklebt mit einem Kind, dessen scheues Lächeln eine Zahnlücke offenbarte.

Nun aber zeigen die Untersuchungen der Mediziner, dass sich, was die Zahngesundheit betrifft, eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet hat - dabei haben die Krankenkassen mehr Geld für die Prävention von Dentalkrankheiten ausgegeben.

Auf den ersten Blick ist es gelungen, die Zahngesundheit der Deutschen in den vergangenen Jahren stark zu verbessern. Laut Statistik der Zahnärztekammern hatten zwölfjährige Kinder im Jahr 1989 noch durchschnittlich 3,9 kariöse Zähne im Mund. Dieser Wert sank bis 1997 auf 1,7. In der jüngsten Mundgesundheitsstudie für das Jahr 2006 liegt die Kariesquote dann sogar nur noch bei 0,7, ein stolzes Resultat, mit dem sich Deutschland nach Einschätzung der Zahnarztfunktionäre auch international sehen lassen kann.

Gäbe es da nicht die erhebliche Schieflage bei der Verteilung: Im Detail zeigen die Studien, dass 1997 gut 60 Prozent aller kariösen Zähne rund 20 Prozent aller Kinder zuzurechnen waren. Acht Jahre später konzentrierten sich gut 60 Prozent der Schäden hingegen bei 10 Prozent der Kinder. Der größte Teil von ihnen stammte aus Familien, in denen die Eltern über geringe Bildung verfügen. (...)


Ann-Dorit Boy und Alexander Neubacher: "Z" wie zerstört, spiegel.de (aus Heft 47/2008)

Der Eingang zum Lutherhof

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Samstag, 22. November 2008

Die Herausforderung des Islam

„Einigermaßen schizophren“ – so beschrieb ein hochrangiger Kirchenvertreter jüngst seine Stimmung, nachdem er Duisburgs Muslimen zur Einweihung der bundesweit größten Moschee gratuliert hatte. Angesichts dieses Prachtbaus für 1200 Gläubige, der das Wachstum des Islam spiegle, spüre er Faszination ebenso wie Sorge. Und beides nicht halbherzig und lau, sondern kräftig.

Genau diese beherzte Schizophrenie, dieses entschiedene Respektieren wie Kritisieren dürfte für Christen und Freunde christlich geprägter Kultur der einzig gangbare Weg sein, die hiesige Entfaltung islamischen Lebens zu begleiten – jenseits vom preisgünstigen Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die jeden nach seiner Façon selig werden lässt. Denn offensichtlich ist der wachsende Islam hierzulande beides: bereichernd wie verarmend. Und wer einen dieser Aspekte unterschlägt, verkennt nicht nur die Realität, sondern erleidet auch einen Glaubwürdigkeitsschaden.

Doch genau in diesem Sowohl-als-auch, in dieser Kunst des gedanklichen Spagats sind christliche Politiker bislang oft schlecht geschult. So erinnert es schon ein wenig an orwellsches Neusprech, wenn Integrations- und Innenpolitiker jeder Couleur die Zuwanderung aus muslimischen Ländern unentwegt als „Bereicherung“ zu feiern verlangen. Vom grünen Christenschreck Volker Beck muss man derlei Einseitigkeit vielleicht erwarten, von Christdemokraten wie Staatsministerin Böhmer oder NRW-Integrationsminister Laschet aber nicht.

Tatsächlich ist der Verlust an religiöser und kultureller Homogenität zumindest für Christen keineswegs immer bereichernd. Im Gegenteil. Er verwandelt einen Teil der geistigen Heimat in Fremde. Beispielsweise wenn Kirchen plötzlich so verloren wie verlassen in einem demografisch „gekippten“, überwiegend muslimischen Viertel stehen. Oder wenn Geschäftsleute im Advent darauf verzichten, ihr Schaufenster weihnachtlich zu schmücken – weil das muslimische Kunden verärgern könnte. Oder gar wenn ein Pastor von türkischstämmigen Jugendlichen bespuckt und als „Schweinefleischfresser“ beschimpft wird, weil er partout nicht dulden wollte, dass das Kirchenkreuz als Haken für ein Basketballnetz missbraucht wird.

Natürlich trägt daran nicht „der Islam“ Schuld (der könnte eher zur Problemlösung beitragen). Aber hier zeigen sich doch die besonderen Kollateralschäden einer islamischen, nicht einer buddhistischen, hinduistischen oder atheistischen Zuwanderung. Und: Da deutet sich an, wie viel zusätzliches Aggressionspotenzial in multireligiöse Gesellschaften einzieht – weil es einen gewaltigen gefühlten Unterschied macht, ob ein Pfarrer von einem frechen Jugendlichen oder einem frechen (und zumindest nominell) muslimischen Jugendlichen bespuckt wird.

Kaum bereichernd wirkt auch die längst überwunden geglaubte Tiefe konfessioneller Gräben, mit der wir nun wieder leben müssen. Schließlich halten viele muslimische Gelehrte den Kern christlichen Glaubens – das Vertrauen auf die Menschwerdung Gottes in Jesus – für ein religiöses Kapitalverbrechen. Die islamischen Gründungsdokumente sind da so unmissverständlich wie die Exegeten einig: Was Christen als Zeichen größtmöglicher Liebe Gottes erscheint, ist laut Koran und Prophetenaussprüchen „Shirk“, also ein von Gott verfluchter, höllenwürdiger Irrglaube.

In der Sache haben die Kirchen daher gar keine Wahl: Einen Glauben, der das Innerste des Christentums als sündig verunglimpft, können sie nur zum Preis des spirituellen Selbstmords als gleich wahr anerkennen. Anders als manche Politiker der C-Parteien haben die Kirchen aber ihre Lektion in beherzter Schizophrenie und beeindruckender Seelenweite gegenüber dem Islam gelernt. Niemand demonstriert das zurzeit klarer als die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD). Unermüdlich betreibt sie ihren viel belächelten Dialog mit den Muslimen, überall gründen Ortskirchen Initiativen für gute Nachbarschaft mit der nächsten Moschee, und zahllos sind die örtlichen Kirchentreffs für interreligiöses Kaffeetrinken – denn Christen sollen „bekanntlich auch die Muslime lieben“, wie Bischof Wolfgang Huber sagt.

Aber: Zugleich hat kein Ratsvorsitzender vor Huber es je gewagt, den Islam so konsequent als Kontrastmittel des eigenen Glaubens zu nutzen. Selbst die lauesten und liberalsten Landesbischöfe bekennen inzwischen, „niemals“ werde die EKD eine entweihte Kirche in eine Moschee umwandeln lassen (wie in den Niederlanden). Und sogar tiefrote Kirchenobere warnen, der EU-Beitritt der Türkei wäre ein allzu massiver Tritt gegen die christliche Tradition Europas.

Selbstverständlich gibt es dazu auch katholische Pendants: Brüsker als Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede hat schon lange kein Papst mehr über den Islam zu urteilen gewagt. Aber gleichzeitig lud er erst in der Vorwoche islamische Geistliche und Gelehrte ein, um Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Muslimen herauszustellen.

Bedauerlich an dieser Profilierung ist nur: Sie wirkt manchmal unnötig schroff. Weshalb sie muslimische Funktionäre, Multiplikatoren und Medienkonsumenten auch noch immer verärgert. Immerhin erinnern sich viele von ihnen an die ungleich sanftere interreligiöse Gangart in der bunten Schmuserepublik vor dem 11.September 2001. Irritierte Muslime rätseln nun, ob es denn nicht mehr ehrenwert sei, auch in der Diaspora dem eigenen Glauben treu zu bleiben?

Doch! Natürlich! Ihre Glaubenstreue sollten die Muslime sogar viel offensiver auf dem religiösen Markt präsentieren. Darin steckt ja die Verheißung der multireligiösen Gesellschaft. Die schimmert durch, wenn Muslime auf Dialogforen en passant fallen lassen, „bei uns in der Moschee“ würde jeder Geistliche rausfliegen, der wie manche Pfarrer 20 Minuten über seine Zweifel predige anstatt zu erbauen.

Ahnen lässt sich der Reiz religiösen Wettbewerbs auch, wenn der Islamrat-Vorsitzende Ali Kizilkaya einem verdutzten Pfarrer ins Gesicht sagt, ein Geistlicher, der nur politisiere, aber die Angehörigen Verstorbener nicht trösten könne, der tauge nichts.

Ob das in seiner Glaubensglut manchmal recht abgekühlte Amtskirchenvolk hier Ehrgeiz entwickelt? Ob es sich am Islam ein Beispiel nimmt? Hoffentlich. In solchen Momenten lässt sich jedenfalls ahnen, wie sehr uns der Islam auch bereichert. Auf viele Christen wirkt die islamische Herausforderung jedenfalls wie ein religiöses Potenzmittel. Sie belebt und erregt, ja, sie setzt Selbstbehauptungswillen frei. Und dafür können Christen dankbar sein – auch wenn sie darüber ein bisschen schizophren zu werden drohen.

Till-Reimer Stoldt: Der Islam als Potenzmittel für Christen, welt-online, 20.11.2008 

Das Irritierendste für die meisten Menschen in Deutschland (und ebenso in Österreich), ob nun Mitglied einer Kirche oder nicht, ist die identitätsstiftende Funktion des Islam, die stare, unhinterfragbare Bindung von Muslimen an ihren Glauben, in dem sie groß geworden sind. Nach mitteleuropäischen Maßstäben sind eben die meisten Anhänger des Islam fundamentalistisch in dem Sinne, dass sie an der Wahrheit ihres Glaubens keinen Zweifel zulassen. Dagegen ist die abendländisch-aufgeklärte Grundauffassung, die mir am deutlichsten in Gesprächen mit Schülern entgegen tritt, doch die, dass religiöser Glaube zum einen eine Privatangelegenheit sei, zum anderen eine Sache der eigenen Entscheidung und Wahl. Jede andere Auffassung in dieser Frage gilt als Fanatismus und erregt ungläubiges oder ängstliches Kopfschütteln.

Freitag, 21. November 2008

Arg zerfetzt...




















... sind die Schutznetze am Turmgerüst der Lutherkirche. Nach dem Sturm mit 100 km/h Windgeschwindigkeit muss man schon froh sein, dass das Gerüst sebst standhält. 
Die Bauarbeiten ruhen nun wegen der gesunkenen Temperaturen. Das ist schade. Wir hatten gehofft, bis Weihnachten wenigstens einen Teil des Turms abrüsten zu können. So wird es darüber wohl doch Frühjahr werden.

Wiener Konzertpublikum

Die Wiener Symphoniker unter Eliahu Inbal im großen Saal des Konzerthauses: Das Wiener Publikum ist wesentlich disziplinierter als das deutsche. Gehustet und geschneuzt wird tatsächlich nur zwischen des einzelnen Sätzen. Aber vielleicht ist es im tiefen Winter doch anders, ich weiß es nicht.