Sonntag, 7. Juni 2009
Materialismus und Idealismus bei Demokrit
Seine Theorie der Sinneswahrnehmung und Empfindung basiert dementsprechend auf seiner Atomtheorie. Ihm zufolge „gibt es das Süße und das Bittere, das Warme und das Kalte und die Farbe nur unserer Meinung nach, denn in Wahrheit gibt es nur die Atome und den leeren Raum.“ Selbst die Seele bestand für ihn aus Atomen, die er Feueratome nannte.
Interessanterweise entwickelte er trotzdem eine idealistische Ethik – oder vielleicht auch gerade deshalb – da als Konsequenz natürlich alles beim Menschen selbst liegt: ob er Recht oder Unrecht tut, wie seine Gesinnung ist, inwieweit er bereit ist, sich zu bilden usw…
Egon Friedell macht darauf aufmerksam, daß Demokrit zwar ein Materialist war, jedoch ein theoretischer, kein praktischer, und das dieser Materialismus auch nicht mit Realismus gleichgesetzt werden darf; denn Demokrits einzig akzeptierte Realitäten, die Atome und der leere Raum, sind ja überhaupt nicht wahrnehmbar. So sagte Demokrit: „Das Ichts (die Atomwelt) ist um nichts existenter als das Nichts (der leere Raum).“ Anders ausgedrückt, Demokrit lehnte es ab, an die Erscheinungswelt der Realität zu glauben. Darum war er auch Anti-Empirist (für einen Materialisten bemerkenswert). Er betonte nämlich, daß echte Erkenntnis niemals durch die irreführenden, von der Wahrheit ablenkenden Sinneseindrücke, sondern nur durch das Denken möglich sei. Zusammenfassend folge ich Friedell, der darauf hinweist, daß die Atome Ideen seien, und die Weltkonzeption, auf der die exakte Wissenschaft fußt, auf rein spekulativem Wege gefunden worden ist - was für eine köstliche Ironie!
Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die demokritische Physik nicht weniger Metaphysik als die platonische und aristotelische, und die idealistische Ethik widerspricht gar nicht mal so sehr der von Platon. Umso pikanter ist die Tasache zu werten, daß Platon Demokrit niemals auch nur erwähnt. Die gern vorgenommene Gegenüberstellung von Idealismus und Materialismus ist also zumindest in Bezug auf Demokrit und Platon als äußerst fragwürdig zu werten.
Frank Dreyer
Lärm oder Leben?
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee will laut "Bild"-Zeitung Kindertagesstätten grundsätzlich auch in reinen Wohngebieten erlauben. Er plant dem Bericht zufolge eine entsprechende Änderung der Baunutzungsverordnung. Damit reagiert der Sozialdemokrat auf mehrere Gerichtsurteile, nach denen Kitas in Wohngebieten wegen zu hoher Lärmbelästigung der Anwohner schließen mussten oder gar nicht erst öffnen durften. Die Kläger beriefen sich auf die Technische Anleitung (TA) zum Schutz gegen Lärm.
Tiefensee sagte dem Blatt: "Wenn Kinder jubeln oder sich zanken, ist das Leben und kein Lärm."
Der Ausbau der Kinderbetreuung ist unbedingt gewollt. Die Große Koalition hat beschlossen, dass bis zum Jahr 2013 die Krippen- und Tagespflegeplätze für Kinder unter drei Jahren auf 750.000 verdreifacht werden sollen. Doch in mehreren Fällen sind die Planungen von neuen Kitas an Lärmschutzverordnungen oder dem Baurecht gescheitert.
Zuletzt hatte es im Herbst vergangenen Jahres bundesweit Schlagzeilen wegen einer Kita im feinen Hamburger Stadtteil Othmarschen gegeben. Hier hatten Nachbarn gegen den Bau einer Kita geklagt, nachdem sie sich mit den Betreibern nicht auf Einschränkungen hatte einigen können. Sie erhielten Recht. Statt der ursprünglich für 60 Kinder geplanten Kita dürfen dort derzeit nur zehn Kinder betreut werden.
In Deutschland streiken die Erzieherinnen seit Wochen für deutliche Gehaltserhöhungen. Eines ihrer Hauptargumente ist die Lärmbelastung in den Kindertagesstätten. Aber Lärm ist eben nicht mur eine Frage von Dezibel, sondern auch von political correctness. Und aus Gründen der Rentenvorsorge sind Kinder politisch gewollt. Wer will da von Lärm sprechen? Man kann sich ja auch Watte in die Ohren stopfen oder Kopfhörer aufsetzen. Deren exzessiver Gebrauch führt auf die Dauer eh in die Schwerhörigkeit. Mindestens.
Samstag, 6. Juni 2009
Durchblick
Vom Verschwinden und Wegsein
Viele stellen sich schon zu Lebzeiten die Frage: Was passiert mit uns, wenn wir verschwunden sind aus unserem bisherigen Leben oder gar ganz weg sind von dieser Welt? Schon immer hat die Menschen diese Ungewissheit verstört, Hoffnungen genährt, Ängste geschürt und Phantasien beflügelt. Menschen, die einen Herzstillstand erlitten haben, berichten nach erfolgreicher Wiederbelebung von einem hellen Licht am Ende des Tunnels.
Wissenschaftler beschäftigen sich mit sogenannten Nahtod-Erfahrungen, Esoteriker sind vermeintlichen Stimmen aus dem Jenseits auf der Spur, und Kriminalisten kritisieren das Versagen von Politik und Staat, wenn es keine Erklärung für ein Verschwinden gibt, so wie im Fall von Sabine L.
Ankündigung der Sendung Da wo du bist, ist nichts. Vom Verschwinden und Verschwundenbleiben von Wolf Eismann (Deutschlandfunk, 14.06.2009, 20:05 Uhr)
Von außen gesehen

Der Ausbau eines islamischen Zentrums in Wien-Brigittenau wird im EU-Wahlkampf zum Politikum. Während sich Gegner und Befürworter des Projekts bei mehreren Demonstrationen übel beschimpfen, nützt der Parteichef der ultrarechten Freiheitlichen, Heinz Christian Strache, die Gelegenheit für Werbung in eigener Sache. Er hält ein Kreuz in die Höhe mit dem Schlachtruf der Freiheitlichen für die Europa-Wahl: "Abendland in Christenhand".
Einmal mehr gerät ein Wahlkampf in der Alpenrepublik zum Kulturkampf. Doch dieser "Kreuzzug der Freiheitlichen gegen nichtchristliche Religionsgemeinschaften" geht inzwischen vielen im Land zu weit. Angefangen bei Glaubensvertretern, politischen Parteien bis hin zum Staatsoberhaupt Heinz Fischer. Der Bundespräsident äußert sich entsetzt über so wenig religiöse Toleranz: "Das mit dem Kreuz hat es zur Zeit der Inquisition gegeben, aber das ist nicht Inhalt der Politik in einer Demokratie im 21. Jahrhundert."
Strache will nur "Dinge beim Namen nennen"
Und das ausgerechnet in einem Land, das eigentlich sein multi-kulturelles Erbe aus Zeiten der Donau-Monarchie verwalten sollte. Österreichs sozialdemokratischer Kanzler Werner Faymann sieht in Strache nur noch den Hassprediger. "Wer religiöse Gefühle einsetzt, um Hasstiraden zu Stande zu bringen, der ist auf der falschen Seite. Und ich betrachte das als eine Schande für einen Politiker."
(…)
Wie Strache und seine Freiheitlichen sich ihr "Abendland in Christenhand" vorstellen, wurde jetzt in Zeitungsinseraten deutlich. Darin spricht sich die FPÖ klar gegen einen EU-Beitritt der Türkei, aber auch gegen eine Mitgliedschaft Israels aus, obwohl Israel bisher keinen solchen Antrag gestellt hat. Man dürfe das aber keinesfalls mit Antisemitismus verwechseln, verteidigt der FPÖ-Chef die Inserate. Im Gegenteil, er verwahre sich dagegen. "Es geht darum, dass wir ganz klar und deutlich sagen, Europa hat an den geografischen, historischen und kulturellen Grenzen halt zu machen."
Parlamentsparteien geschlossen gegen FPÖ-Tiraden
Selbst dem ultra-nationalistischen EU-Spitzenkandidaten des BZÖ, Ewald Stadler, geht diese "Israel-Warnung" der Freiheitlichen zu weit. Bisher hat der umstrittene Kreuzzug der FPÖ im EU-Wahlkampf vor allem die Parlamentarier auf den Plan gerufen. Im Nationalrat musste Strache sich für die "Entgleisungen gegen den antifaschistischen Grundkonsens in Österreich" durch seine Partei verantworten. Kanzler Faymann betonte dabei, dass Strache gezielt Vorurteile ansprechen wolle, um damit Politik zu machen. "Es freut mich, dass sich dieses Mal alle anderen Parlamentsparteien zu Wort gemeldet haben. Mit unserer Courage müssen Sie in Zukunft rechnen, Herr Strache!" Doch mindestens bis zur EU-Wahl am Sonntag dürfte in der Alpenrepublik mit harten Bandagen weitergekämpft werden.
Andrea Mühlberger: Im Namen des Christentums auf Wählerfang, tagesschau.de