Mittwoch, 17. Oktober 2007

Kinderfreies Restaurant in Deutschland

„Es ist schon ein wenig seltsam. Da versucht unsere Familienministerin mehr Krippenplätze zu schaffen, da wird wochenlang über das Elterngeld debattiert, Eva Hermann plädiert wieder einmal für ein kinderfreundliches Deutschland. Und was muss man dann in der Zeitung lesen? - 'Kinder müssen draußen bleiben!'
Ein Wirt aus Kraiburg hatte genug von den quengelnden Quälgeistern und verhängte kurzerhand ein Lokalverbot für Jungen und Mädchen unter 12 Jahren. Viele Gäste bewundern den Mut von Dieter Hein. Schließlich ist der 52-jährige der erste bayrische Gastwirt, der sein Restaurant zur kinderfreien Zone erklärt. Er sei nicht dafür da, andere Kinder zu erziehen, begründete der vierfache Vater seine Entscheidung. Aber das verlangt ja auch niemand von ihm, für die Erziehung sind immer noch Vater und Mutter zuständig. Na gut, und die Lehrer Seine Horror-Szenarien von Chaos am Büfett, lautem Geschrei, Dreckschuhen auf der Couch oder Filzstiften auf der Tischdecke scheinen mir allerdings ein wenig übertrieben zu sein. Die Kinder sitzen schließlich nicht allein am Tisch, sondern mit ihren Eltern.
(…)
Der eigentliche Grund scheint ein ganz anderer – das liebe Geld. Denn nach Meinung von Herrn Hein schaden Kinder dem Geschäft. „Viele Eltern wollen dann nicht mal den vollen Preis zahlen. Da verdiene ich nur 15 Euro an einem Tisch“, so der Wirt. Vielleicht sollte Herr Hain mal über halbe Portionen für Kinder nachdenken?
Wie dem auch sei: Seit dem Kinderverbot steigen die Umsätze. Das Restaurant sei besser besucht als vorher: „Es kommen mehr Gäste, sie bleiben länger und konsumieren mehr“, freut sich Hein. Ein Ergebnis, von dem er sich in seiner Entscheidung bestätigt fühlen wird. Aber was wollen wir eigentlich? Wir reden ständig davon, dass uns der Nachwuchs fehlt und wir in Deutschland mehr Angebote für Kinder brauchen. Doch das nützt alles nichts, wenn Familien mit Kindern in unserer Gesellschaft nicht anerkannt werden, sondern schiefe Blicke ernten, wenn das Kind beim Einkaufen einen Wutanfall bekommt. (...)"

Michaela Warnke: Familienfeindlich?!: Im Lokal »Hacienda« müssen Kinder ab sofort draußen bleiben, auf jesus.de

An der U 6




Online-Fahndung

"Justizministerin Maria Berger (SPÖ) und Innenminister Günther Platter (ÖVP) haben sich auf die Online-Durchsuchung privater Computer geeinigt. Vor allem der Innenminister verspricht sich von dieser Maßnahme besondere Fahndungserfolge bei der Terrorfahndung. Zuerst soll allerdings eine Expertengruppe alle technischen und gesetzlichen Details klären. Spätestens im Herbst 2008 soll dann die Online-Durchsuchung erstmals in Österreich möglich sein.
Allerdings nur unter bestimmten Bedingungen: Die Polizei darf die Online-Durchsuchung nur beim Verdacht schwerer bzw. terroristischer Verbrechen einsetzen, erklärte Platter im Ö1-'Morgenjournal'. Dazu gehört auch der Verdacht auf Unterstützung terroristischer Vereinigungen. Konkret muss es sich um Taten handeln, auf die mindestens 10 Jahre Haft drohen." (Die Presse, 17.10.2007) In Deutschland haben ähnliche Überlegungen und Ankündigungen große öffentliche Diskussionen ausgelöst, in Österreich nimmt man das alles anscheinend viel gelassener. "Oesterreich" überschreibt die entsprechende Meldung mit "Online-Fahndung kommt fix", ohne sie zunächst weiter zu kommentieren. Es steht zu vermuten, dass der Beschluss eher als eine Erfolg der großen Koalition bewertet wird. Die Angst vor Terror und Kriminalität ist hierzulande stärker als die Sorgen um den Datenschutz und die Wahrung der Intimsphäre gegenüber staatlichen Organen, so scheint es.

Dienstag, 16. Oktober 2007

Roulettenburg

"Wladimir Putin trifft Angela Merkel in Roulettenburg. So hat Fjodor Dostojewski die Casinostadt Wiesbaden in seinem Roman Der Spieler getauft. Welches Spiel Putin und Merkel beim so genannten Petersburger Dialog am Rhein spielen werden, ist noch nicht klar: Schmusekurs oder Abkühlung? Das wird von Wladimir Putin abhängen: Wer die Hand am Gashahn hat, bestimmt die Agenda."
Ankündigungstext zur gestrigen Sendung "Zieht euch warm an! Der Russe kommt" in der Reihe "Der Tag" in hr2.

Montag, 15. Oktober 2007

Straßenschluchten (Währing am Nachmittag)



Kontinental

"Als Kontinentalklima bezeichnet man den Temperaturverlauf verschiedener Klimatypen, welche sich durch jahreszeitlich bedingt große Temperaturschwankungen auszeichnen. Typisch sind heiße Sommer und kalte Winter." (Wikipedia).

Dass Wien (ebenso wie Berlin) ein kontinentales Klima aufweist, gehört zum Grundwissen. Ich erlebe erstmals solche Verhältnisse. In ganz kurzer Zeit sind die Nachttemperaturen in Gefrierpunktnähe gesunken. Am Tage erwärmt sich die Luft noch immer auf 13 oder 14 Grad, und der Himmel ist wolkenlos, von magischem Blau; aber der Winter kündigt sich an, in Wien ist er meistens hart und kalt, das höre ich oft. Wenn unser Organist freilich von Kindheitserinnerungen an Schlittenpartien Anfang November erzählt, sind das wohl doch Geschichten aus der Zeit vor der globalen Erwärmung...

Ein aufgegebener Plan

"Ich will jetzt nichts durchpeitschen, sondern glaube, dass uns eine Atempause hilft, über wirksame Schritte im Jugendschutz zu diskutieren", so die deutsche Familienministerin von der Leyen (CDU) in der "Bild"-Zeitung. Den Plan, Jugendliche als Testkäufer für Alkohol, Tabakwaren und brutale Computerspiele loszuschicken, hat sie nach massiven öffentlichen Protesten fallen gelassen. Das Bemühen um den Jugendschutz treibt schon seltsame Blüten. Irgendwie bin ich froh, dieses Deutschland aus einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Kluges über das Lesen

"Lesen hat in meinen Augen nur Sinn, wenn es sich auf Nichtgelesenes bezieht: auf Welterfahrung als Spracherfahrung. Wenn ich höre, es wird schon wieder einer dieser Lektüregeistlichen mit den Worten gelobt, er liebte wie kein anderer die Literatur, weshalb er hochstehend sei, dann hege ich den Verdacht, dass mit solchen Slogans das Lesen als Einschränkung auf ein selbstreferenzielles System propagiert wird: Lektüre sei sich selbst genug. In meiner Vorstellung bezieht sich das Lesen auf Nichtgelesenes, erst in der Dialektik des Einschließens von Lektüre in die Lebenserfahrung und von Lebenserfahrung in die Lektüre, erst in dieser Wechselwirkung macht das Lesen, wenn überhaupt, "einen gebildeten Menschen".

Weder ist das Lesen von vornherein löblich noch das Nichtlesen verdammenswert. Wenn jemand alles nur im Kopf hat und gegen das Angelesene nichts mehr selber findet, ist das ein Jammer. Wenn jemand eine Abwehr gegen alles bloß Fiktive hat, ist er unter Umständen auf diese Art der Idee der Literatur näher als der belesene Schmock. Es stimmt auch geschäftlich, dass das Nichtlesen nicht von vornherein verdammenswert sein kann: Wirklich berühmt (und Millionäre) können Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur werden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Nichtleser haben; Schriftsteller müssen in aller Munde sein. Leser allein sind nicht in der Lage, den besten Künstlern jenen Status zu verleihen, den sie verdienen.

Die Spracherfahrung, die man durch Lektüre macht, ist nicht weltfern. Die Metapher von "der Lesbarkeit der Welt" sagt das, aber sie erinnert auch daran, dass "die Welt" heute nicht bloß in Büchern dargestellt wird. Ein einigermaßen adäquates Weltverständnis kommt ohne Bücher ebenso wenig zustande wie allein mit Büchern. Mancher Lektürefreak trägt ein Museum mit sich herum und sollte aufpassen, dass ihn die Patina nicht auffrisst."

Der Philosoph Franz Schuh im Standard (Album 13./14. Oktober 2007).

Stiegenhaus Martinstraße

Alltagspoesie

"Von anfänglichen Nebelschwaden in der Nähe der Donau abgesehen ist der heutige Tag durch ungetrübten Sonnenschein geprägt. Der Wind kommt schwach bis mäßig, um die Mittagszeit teilweise lebhaft aus Südost. Die Tageshöchsttemperatur erreicht 13 oder 14 Grad."
Selbst der Wetterbericht klingt hier poetischer als in Deutschland.