Dienstag, 26. August 2008
Wahlkampf turbulent
Repertoire der Unterhaltung
Explodierende Autos, brennende Menschen: das gehört zum Repertoire.
Nein, das ist keine Kolumne gegen Gewalt im Film. Gewalt im Film finde ich eh in Ordnung, das heißt: nicht in Ordnung, aber ich habe mich damit abgefunden. Explodierende Autos, brennende Menschen, in Todesangst kreischende Frauen – all das gehört offenbar einfach zum Repertoire gepflegter Unterhaltung.
Ich muss zugeben, ich war nicht immer so abgeklärt. Nicht vor jenem Abend in der WG meines damaligen Freundes, als im Fernsehen ein Horror-Schocker mit massig Blut und jeder Menge Mordwerkzeug lief. Und was sah ich? Während ich auf dem Sofa herumwepste und hektisch an meinen Haaren kaute, tauchte auf den Gesichtern der WG-Bewohner ein entspanntes Lächeln auf. Entspannt! Lächeln! Ich ging aufs Klo und dachte mir: Das werden doch nicht alles Psychopathen sein?
Nachdem ich am nächsten Morgen lebendig erwachte, habe ich mich beruhigt und mittlerweile erkläre ich mir das so: Gewalt im Film scheint auf manche Leute eine ähnliche Wirkung zu haben wie auf mich möglichst komplikationsreiche Operationen in einschlägigen Fernsehserien. Das finden viele auch abstoßend.
Neulich bin ich ins Kino gegangen, um „The Dark Knight“ anzuschauen, dabei leider dem skeptischen „Presse“-Kritiker weniger Glauben schenkend als jenem Pariser Filmprofessor, der für „Die Zeit“ eine Hymne verfasst hatte: Von vergrübeltem Pessimismus war die Rede, von mephistophelischer Faszination, von der Welt nach dem 11. September und darüber, dass der Film die Frage nach der „Natur der Gewalt an sich“ aufwirft.
Tatsache ist: Es wird eine Menge geprügelt und in die Luft gejagt, da explodiert ein Handy im Bauch eines Häftlings, einem Staatsanwalt wird die Hälfte seines Gesichts verkohlt, und am Ende kommt auch noch ein kleiner Bub (fast) ums Leben: Immer, wenn es besonders grausam sein soll, muss ein Kind dran glauben. Das ist Film-Gesetz.
Wie gesagt: Ich finde Gewalt im Film eh in Ordnung. Aber tut doch nicht so, als gäbe es dahinter eine Botschaft. Als könnte uns das Ausdenken und Bebildern möglichst raffinierter Gemeinheiten etwas über die Abgründe der menschlichen Natur verraten.
Denn das ist Heuchelei.
Montag, 25. August 2008
Damals und heute
Einst zerschlug mich die Einsamkeit wie dumm Holz Scheit um Scheit,
Unter deiner Hand wurden die Wunden ein Traum,
Im gesunden Baum singen mit jungem Flaum deine Vögel.
Dein Herz hat das Wort "Weh" sterben gemacht,
Du hast warme Ähren auf die Felder gestellt,
Du wirst süße Trauben bescheren
Und endlich den Schnee, der den Winter erhellt.
Das Jahr wächst freundlich aus deinem Schoß,
Ich sehe staunend zu, wie reich du bist,
Und wie dein Reichtum nie ruht.
Max Dauthendey
Hüte deine Augen
Der schöne erste Satz von Martin Walsers Roman "Ehen in Philippsburg" lautet: "In einem überfüllten Aufzug schauen alle Leute aneinander vorbei." Über fünfzig Jahre alt ist dieser Satz, und er hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Öffentliche Verkehrsmittel, aber zunehmend die ganze Großstadt gleichen so einem überfüllten Aufzug.
Die Privatsphäre des Auges will gewahrt sein: Kein Fremder schaue mir hinein, blicke mich an. Gesenkten Blickes geht der Großstadtmensch durch die Straßen. Erst vor den Auslagen, vor Fahrplänen oder Sehenswürdigkeiten ist das Heben des Blickes legitim und akzeptiert.
