Mittwoch, 3. September 2008

Das Mittel der Wahl: Segregation

Das Feindbild trägt Fell

Problemlösung am liebesten per Segregation: Der krampfige Umgang mit Hundekot sagt viel über unsere Gesellschaft aus.

Es müssen riesige Mengen sein, gewaltige Haufen, Schritt auf Tritt, allüberall. Die Hundstrümmerl von Wien sind ein Thema. Eine Endlosschleife von einem Thema. Vor allem für jene, die Wien noch nie verlassen haben, gilt die Bundeshauptstadt als "Welthauptstadt der Hundstrümmerl". Alle, die sich über die Hundstrümmerl-Malaise mokieren, dürfen mit dem Applaus der Mehrheit rechnen. Da unterscheiden sich die Grünen nicht von den Roten, die Schwarzen nicht von den Blauen. Wer gegen Hundstrümmerl wettert ist nie allein. Hundstrümmerl sind ein gefahrlos mehrheitsfähiges Thema.

An Argumenten mangelt es nicht. Die Wiener Ärztekammer erklärt, dass Hundekot im "schlimmsten Fall zu Lebervergrößerung und Erblindung" führen kann, laut Umfragen halten mehr als sechzig Prozent der Wienerinnen und Wiener die "Hundekotproblematik" für "sehr relevant", Zeitungen berichten, dass man auf dem Weg zur Arbeit an einer "ekelerregenden Armada an Hundstrümmerln" und an "meterlangen braunen Streifen" auf dem Asphalt vorbei zu ziehen habe. Vielschreibende Kolumnistinnen bringen, seit sie die Freuden der Mutterschaft entdeckt haben, wütend ihre Kinder in Anschlag und benutzen sie, als ob noch niemand vor ihnen Kinder großgezogen hätte, als Argumentationsgeschosse. Wer für Kinder ist, ist gegen Hunde, und wer für Kinder ist und welche hat, hat immer recht. Besondere Verdienste hat sich 2007 die "Initiative Eltern gegen Hundekot" erworben. Eine Handvoll Mütter sammelte nahezu 160.000 Unterschriften und erledigte damit das Geschäft der bis dahin eher zögerlichen Stadtverwaltung, um Kinder vor Hundekot zu schützen.

Von Paul Watzlawick stammt die Geschichte einer alten Frau, die ein Haus am Fluss bewohnt. Eines Tages sieht sie, unmittelbar vor ihrem Haus, ein paar Buben nackt im Flusse baden. Sie fühlt sich in ihrem sittlichen Empfinden verletzt und ruft die Polizei. Die Cops fordern die Übeltäter auf, ein Stück weiter flussaufwärts zu ziehen. Bald darauf klingelt das Telefon der Polizeistube erneut. Sie könne, klagt die alte Dame, die Buben in ihrer Nacktheit noch immer sehen. Nachdem die Beamten die Buben aufgefordert hatten, sich doch hinter die Biegung des Flusses zurückzuziehen, ruft die aufgebrachte Dame abermals an, um sich zu beschweren. Auf den Einwand der genervten Cops, nun könne sie die Buben von ihrem Haus aus unmöglich mehr sehen, erklärt die Lady, dass sie, wenn sie mit dem Fernglas aus der Dachluke die Biegung des Flusses absuche, sie durch die Büsche hindurch immer noch nackte Knabenkörper erspähen könne. Das Beispiel, ich weiß, ist ein wenig unfair. Unterstellt es doch, dass, dem klassischen Muster der Projektion folgend, gesehen wird, was gesehen werden will. Sei es um dem Bedürfnis nach Abgrenzung, Ausgrenzung oder nach Empörung Nahrung zu verschaffen.

Zugegeben, auch ich trete manchmal in Hundescheiße. Alle paar Jahre vielleicht. Und auch in mein Blickfeld geraten die Trümmerl manchmal. Mal zerfließt eines an der Gehsteigkante, gelegentlich verrottet ein Haufen zwischen parkenden Autos, immer wieder finden sich Reste auf Grünstreifen. Aber, soviel ist gewiss: Ich sehe deutlich weniger Hundescheiße in der Stadt als angeblich vorhanden.

Was ich aber sehe sind Schilder, viele Schilder. In Wien kommen neuerdings zu den hunderttausenden von Schildern, die das Leben und das Zusammenleben regeln, einige tausende hinzu. Sie stecken in jedem Quadratmeter Grünfläche, unter Bäumen und Bäumchen, zieren Blumenrabatte, lugen unter Büschen hervor und zeigen einen kleinen, niedlichen, unschuldigen Hund mit einem Schlappohr. Daneben ein stilisiertes Hundstrümmerl und der Satz: "36,- Sind dir Wurst?". Darunter folgt das hübsche Poem: "Nimm ein Sackerl für mein Gackerl. Sonst drohen bis zu 36,- (Euro) Strafe. Du hast es in der Hand. Bau keinen Mist." Sieht man einmal von der tiefenpsychologisch interpretierbaren Lust an der Verwendung von Fäkalsprache ab, und sieht man weiters davon ab, dass jede Aufforderung, das "Gackerl" in die "Hand" zu nehmen eine Aufforderung zur Selbsterniedrigung ist, markiert dieses Schildchen den endgültigen Sieg der Ordnung über die Unordnung, der Sauberkeit über den Schmutz, der Reinheit über die Unreinheit.

In Indien sind es die untersten Kasten, die die Scheiße einsammeln und verstopfte Kanäle mit bloßen Händen vom Dreck befreien. Wer würde da nicht protestieren? In Wien hat sich nun einhellig die Ansicht durchgesetzt, dass, wer einen Hund haben will, auch in die Scheiße langen muss. Öffentlich, gut einsehbar und vor einem zufriedenen Publikum. Wer einen Hund hält, wird zur Selbststigmatisierung durch "Sackerl" und Einweghandschuh gezwungen. Wem zu sehr graust, wird ein Vereisungsspray empfohlen. Neu an der neuen Mehrheitsmeinung ist, dass es nicht mehr nur um Gehsteige, öffentliche Plätze und verbautes Gebiet geht. Hunde dürfen nirgendwo mehr. Auch dort nicht mehr, wo ohnehin keines Menschen Fuß für gewöhnlich hintritt.

Wir wollen die Scheiße einfach nicht mehr sehen. Eine Haltung, die übrigens klar mit der Entwicklung von Wasserklosetts korreliert. Die neueren Modelle sind samt und sonders so konstruiert, dass das Exkrement sofort in den Abfluss entschlüpft. Unsere Gesellschaft verweigert den Blick auf die Ausscheidung, den Abfall, das Stinkende, den Müll. Sie verweigert den Blick auf die Alten, die Schwachen, die Kranken, die Irren. Sie produziert die hässlichen Seiten des Lebens zwar, aber sehen will man sie nicht.

Therapeutische Funktion

Vermutlich sind Autos nur deshalb gesellschaftsfähig, weil sie ihren Abfall, ihre Ausscheidungen, verpuffen. Autos scheißen zum Glück nicht, sie furzen. Gehen wir einmal davon aus, dass das Leben mit Tieren etwas Gutes sei. Es beruhigt, zwingt Menschen zur Bewegung in der frischen Luft. Tiere haben therapeutische Funktion. Katzen, Pferde, Hunde vermitteln Wärme und Sicherheit. Hunde können sich freuen wie kaum ein anderes Lebewesen. Sie sind eine hervorragende Investition. Sie geben mehr zurück als sie von uns kriegen. Sie sind lustig, launig und erstklassige Projektionsflächen für anthropozentristische Interpretationen aller Art. Hunde schützen vor Einsamkeit. Das loopartig vorgebrachte Argument, Hunde ja, aber nicht in der Stadt, zieht schon daher nicht, weil es am Land ohnehin Tiere gibt und die Gefahr der Vereinsamung in der Stadt virulenter ist als am Land.

Das Dumme ist nur: Sie defäkieren, die Viecher. Und sie scheißen nun einmal nicht in Wasserklosetts - und auch nicht in Katzenkistchen. Hunde brauchen Grünzonen. Möglichst wilde, olfaktorisch aufregende Flecken Welt. Kein Hund scheißt freiwillig auf einen Gehsteig, wenn sich's vermeiden lässt. Es sei denn, das Tier ist durch pervertierte Besitzer bereits derart in die Degeneration gezwungen, dass es die Notlösung für den Normalfall hält. Wenn man Ja zu Hunden sagt, muss man akzeptieren, dass Hunde fressen, verdauen, ausscheiden.

Allerdings hat Wien die "natürlichen" Hundeklosetts in einem jahrzehntelangen "Verschönerungsprozess" dramatisch reduziert. Es gibt keine Gstättn mehr, keinen Wildwuchs, kaum einen naturbelassenen Streifen Grün. Stattdessen gibt es Blumenrabatte, geometrisch choreografierte Tulpentruppen, Zäune, Einfriedungen, Abgrenzungen, Ausgrenzungen, Ordnung und System.

Gelegentlich, hinter Zäunen und Absperrungen, auch eine Hundezone. Nichts darf mehr mit Nichts in Berührung kommen. Die Generallösung gesellschaftlicher Probleme heißt Segregation. Der im achten Bezirk gelegene Hamerlingpark ist ein gutes Beispiel. Er gleicht einer Festung. Ein hoher Zaun schützt den Kinderspielplatz vor den ihn umgebenden, zwei Meter breiten Grünstreifen, ein zweiter Zaun, in Form eines Doppelrings, schützt den Grünstreifen nach außen hin vor den Hunden. Am Kopfende des Parks findet sich, wieder durch einen Zaun begrenzt, die Hundezone, wenige Quadratmeter nackter Boden, für einen Hund wohl so anregend wie für uns eine Gummizelle.

Segregation ist immer eine Lösung. Eine Scheinlösung, die kostet. Nicht nur Geld. Grenzen müssen beschützt werden und überwacht, Übertretungen sind zu ahnden. Segregation löst Probleme nicht, sie trennt bloß die konfligierenden Parteien. In Wien ziehen neuerdings "Waste-Watchers" ihre Runden und bestrafen jene, die den Kot ihres Hundes nicht entsorgen. Um die Dinge auseinander zu halten braucht man eben Energie. Im gesellschaftlichen Kontext: Ordnungssysteme, Kontrolle, Überwachung, Mahnung, Strafe.

Ein wenig erinnert die so genannte Lösung des so genannten Hundekotproblems an die sogenannte Lösung des sogenannten Raucher-Nichtraucherproblems. Auch Raucher stehen öffentlich am Pranger. Am Flughafen etwa sind sie in einer Koje aus Plexiglas zur Schau gestellt. Und auch anderswo kann man sich zu keinem generellen Rauchverbot entschließen, montiert aber still und heimlich die Aschenbecher ab. So ist das auch mit den Hunden: Nein, wir sind nicht gegen Hunde, aber die Scheiße, die schaffen wir ab! Eine ungesunde Lösung. Nicht nur für den Hund.

PS: Falls es der Argumentation dienlich ist: Ich habe und halte keinen Hund. Meine Frau und ich borgen uns allerdings manchmal einen aus.


Peter Klein, Der Standard Print-Ausgabe 30./31.08.2008)

Mutterliebe

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Karma als Allzweck-Ausrede

Das ist neu: Ein überzeugter Esoteriker, der der Szene die Leviten liest. Der deutsche Naturwissenschafter und Esoterik-Insider Wolf Schneider war einst buddhistischer Mönch und gibt seit 23 Jahren ein Esoterik-Magazin heraus. Jetzt hat er ein Buch über die esoterischen Irrtümer geschrieben.

OÖN: Beginnen wir bei A wie Astrologie. Wissen Sie, was heute in Ihrem Horoskop steht?

Schneider: Nein.

OÖN: Als Esoteriker lesen Sie Ihr Horoskop nicht?

Schneider: Nein. Es interessiert mich auch nicht. Ich bin früher frisch und frei an die Astrologie herangegangen und habe mir ein Geburtshoroskop machen lassen, was ich toll fand, weil ich mich darin wiedergefunden habe. Einen Monat später ist mein Astrologe draufgekommen, dass ihm ein Fehler unterlaufen ist, und er hat das Horoskop noch einmal gemacht. Ich war wieder begeistert. Zudem war ich damals Schüler eines spirituellen Meisters. Wir dachten, die Initiation in diese Lehre sei wie eine Neugeburt, weshalb es wieder ein neues Geburtshoroskop geben müsse. Ich habe mir das machen lassen und habe mich wieder darin gefunden. Fazit war: Man kann mir alles hinlegen – wenn ich mich nur tief genug da hineinbegebe, finde ich mich selbst wieder.

OÖN: Warum sind ausgerechnet Sie – als Herausgeber eines Esoterik-Magazins – zum Kritiker der Esoterik geworden?

Schneider: Ich bin seit 32 Jahren in der Esoterik-Szene drin, seit 23 Jahren Herausgeber dieses Magazins. Täglich kommen mir Texte auf den Tisch, Leute durch die Tür. Das muss eigentlich bei jedem intelligenten Menschen in einer Ernüchterung enden.

OÖN: Wie lässt sich Esoterik definieren?

Schneider: Esoterik wird gängig verstanden als etwas, das mit Geheimnissen und Magie zu tun haben soll, als religiöser Mischmasch mit Egozentrik und Wahrsagerei. Aber die Esoterik-Szene ist breit. Da gibt es Leute, die das sehr ernst nehmen und tief gehen. Vor denen habe ich großen Respekt. Die gehören allerdings nicht zur großen Grundströmung der Pop-Esoterik, in der es einen Jargon gibt mit einer gewissen unkritischen Gläubigkeit. Da wird gesagt: „Es gibt keine Zufälle“ oder „Alles ist Energie“ etc.

OÖN: Was kann Sinn der Esoterik sein? Lebenskunst, wie Sie meinen?

Schneider: Der ursprüngliche Sinn und Anspruch ist, eine individuelle Religiosität außerhalb der großen Hochreligionen zu entwickeln, die das Individuum befreit und ermächtigt. Also mit der Natur, mit sich selbst, mit Gott in Kontakt zu treten und sich selbst zu entdecken. Ich würde den positiven, guten Kern der Esoterik als transpersonelle Mystik bezeichnen.

OÖN: Was hat das mit Lebenskunst zu tun?

Schneider: Wer das wagt, ist befreit von vielen äußeren Einflüssen, ist nicht mehr manipulierbar von politischen Autoritäten oder von Werbung, weil so ein Mensch in sich ruht.

OÖN: Sie schreiben, Esoterik sei nicht unseriöser, zauberhafter und weniger auf Bluff basierend als die Praktiken des Katholizismus oder anderer christlicher Religionen. Kurz: War Jesus ein Scharlatan?

Schneider: Nein. Aber die Religion, die sich um ihn aufgebaut hat, hat nicht mehr viel mit Jesus zu tun. So wie die heutige chinesische Regierung nichts mehr mit Marx und Engels zu tun hat, obwohl sie sich kommunistisch nennt. Das ist ungefähr dieselbe Entfernung, die die katholische Kirche zu Jesus hat.

OÖN: Was sind denn die grundlegenden Irrtümer in der Esoterik-Szene?

Schneider: Ein Beispiel: Der große Hit in der Szene sind derzeit die Wünsche-Ratgeber: Wenn du das und das glaubst und dies und jenes richtig machst, erfüllen sich alle deine Wünsche. Dieses „alle“ ist das Größenwahnsinnige darin. Das basiert auf dem alten Satz „Glaube versetzt Berge“. Ganz platt gesagt: Glaube kann keine Berge versetzen. Wenn schon, braucht es dafür ziemlich große Maschinen.

OÖN: Wie sind denn die Stolperfallen in der Esoterik-Branche strukturiert?

Schneider: Zuerst einmal wird ungenau dahergeredet. Man sagt zum Beispiel: „Alles ist Energie“, „Alles ist relativ“ oder „Zeit ist eine Illusion“. Das sind Tricksereien, Ausreden, Halbverstandenes und Halbwahrheiten. Man kann schon sagen, dass alles irgendwie Energie sei. Materie ist verstrahlbar. Das meint man aber nicht. Man sagt: „Ich kann deine Energie spüren“, aber das ist ein Dahergewurstle.

OÖN: Ironisch gefragt: Sie dürften wohl das Feinstoffliche nicht so richtig wahrnehmen…?

Schneider: Wissenschaftlich gesehen, halte ich einen freien, nicht wahrnehmbaren Stoff für eine unhaltbare Theorie, die zu Tausenden Ausreden Anlass bietet. Zum Beispiel Gedankenlesen: Das gibt es eher nicht, aber ich weiß, dass man zu anderen Menschen eine kongeniale Nähe haben kann, sodass man denselben Gedanken im selben Moment kriegen kann.

OÖN: Wie viel in der Esoterik basiert auf Suggestion und Wahrnehmungstäuschungen?

Schneider: 90 Prozent ist Schmarrn, 10 Prozent ist gut an dem Ganzen. Aber man muss Wahrnehmungstäuschungen allgemeiner ansehen. Alle Menschen werden in ihrer Wahrnehmung mehr oder weniger ständig getäuscht. Wir wissen von der Politik und deren Kampagnen, dass suggeriert und geblufft wird. Da wird inszeniert, da wird mit magischen Kommunikationsvorgängen gearbeitet – insofern, als Wirkungen und Zeichen erzeugt werden, die die Zielgruppe in eine Trance des Verstehens versetzen.

OÖN: Was antwortet man auf das esoterische Killerargument aus Shakespeares Hamlet „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“?

Schneider: Im Grunde sagt dieses Argument nichts. In einer Diskussion mit Esoterikern würde ich Beweise fordern. Wenn du die Jungfrau Maria oder den Engel Gabriel gesehen hast oder wenn du von Aliens entführt wurdest, musst du das intersubjektiv belegen. Das ist ja der Anspruch der Wissenschaft.

OÖN: Sie haben sich intensiv mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, nun sind Sie wieder zur guten, alten Philosophie europäischer Prägung zurückgekehrt. Wie kam es zu diesem Prozess?

Schneider: Ich habe Naturwissenschaft und Philosophie in München studiert, bin dann nach Asien auf Reisen gegangen und dem Buddhismus begegnet. Das war damals für mich als sehr klaren, rational denkenden, europäisch Gebildeten die einzige offene Tür zur Religiosität. Ich bin tief eingetaucht in mystische Erfahrungen und Meditationserfahrungen und bin noch immer darin verwurzelt. Ich bin aber kein Buddhist. Die Weisheitstradition, etwa bei Sokrates, den ich genauso hoch schätze wie Buddha, haben wir in Europa auch. Auch im islamischen Kulturraum gibt es die sehr schöne Weisheitstradition der Sufis. Man findet überall etwas: im Christentum, im Judentum, im Islam, im Schamanismus. Die Esoterik hat den Ruf, sehr beliebig und kurzatmig zu sein. Man probiert dies und das aus und mischt sich einen eigenen Cocktail, der letztendlich nur das eigene Ego stärkt. Dieser Ruf ist auch nicht ganz falsch. Aber unsere globalisierte Welt ist halt so. Deshalb muss man schauen, dass man bei irgendetwas bleibt und dort so richtig tief geht. Da braucht man Durchhaltevermögen.

OÖN: Bevor ich jetzt zum Sufi werde: Müsste ich nicht erst einmal mein schlechtes Karma wuchten lassen…?

Schneider: Das schlechte Karma ist auch so ein Esoterik-Klischee. Es gibt zwar Wirkungszusammenhänge, aber Karma bietet sich einfach als Allzweck-Ausrede an.

OÖN: Als Wassermann stellt sich mir die Frage, wann endlich das Zeitalter des Wassermanns anbricht, wie es im Musical Hair besungen wurde („This is the Dawning of the Age of Aquarius“). Was ist da dran ?

Schneider: Kollektive Hypnose. So wie Silvester 2000. Da haben wir ja auch gemeint, alles bräche zusammen. Das war eine unesoterische kollektive Hypnose. Und es war nichts, alles ging weiter wie bisher.

OÖNachrichten vom 29.08.2008

Am Weg von Hernals nach Ottakring

Ich bin eine Glühbirne


Gefunden im Gemeindebrief der Wiener Christuskirchengemeinde in Favoriten (Folge 186, Herbst 2009, S. 5)

Montag, 1. September 2008

Theresiengasse

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Olfaktorische Genüsse

Zweifelsohne ist der Geruch von Sommerregen auf der Straße eine dolle Sache. Es ist ein Düftchen aus Staub, warmem Asphalt, aus Himmelfeucht und frischer Baumwolle, das immer nur in den Minuten vor einem großen Gewitterregen durch die Straßen zieht – entfacht durch die ersten dicken Platschtropfen. Mit dem richtigen Regen dann, vergeht der Duft wieder, ja man erwischt eigentlich nie mehr als drei Züge davon. Danach ist aus dem Sommernachmittag meist ein Abend geworden und auf den grünen Stapeltischen der Wirtshäuser stehen Pfützen, die für heute keiner mehr abwischt. Diese Begleiterscheinungen, nicht nur sein seltsames Aroma, machen den Sommerregenduft so erstaunlich, dass sich jeder bemüßigt fühlt, darauf hinzuweisen – ähnlich wie auf einen Regenbogen. Da wird ja auch immer drauf hingewiesen, dass es kracht. Man riecht sich nicht satt am Sommerregen und jeder mag ihn, selbst der unsinnlichste Baustellenfotograf. Das ist interessant, denn in Sachen Alltagsduft geht doch sonst das Völklein auseinander wie eine alte Heckenschere. Der eine riecht Tesafilmstreifen gerne, der andere schnüffelt an der SuperPlus-Zapfsäule rum bis der Tankwart aus dem Häuschen wetzt.

Ich liebe zum Beispiel den Geruch der Münchner U-Bahn-Treppenschächte. Das ist ein seltsames Gemisch aus Bremsabluft und Brausekeller, eine mechanische Brise, die mir jedes Mal direkt unter die Rinde zieht und da die Türen auf- und zugehen lässt. Dieser Münchner U-Bahnduft weht am stärksten auf den Treppen, die nach unten führen. Am Bahnsteig selber ist er schon wieder ausgedünnt. Geht man treppauf Richtung Oberfläche, funktioniert der Duft gar nicht – ein Phänomen! Es handelt sich also um ein Einweg-Riecherlebnis, nur zum Runterschnüffeln, nicht zum Raufschmecken. Ich habe diesen U-Bahn-Geruch schon gemocht, als ich noch mit der Kinderfahrkarte fahren durfte. Und schon damals scheiterte mein Versuch, auch meine Mutter dafür zu begeistern oder gar mit ihr auf der Treppe eine Pause einzulegen, zum Zwecke ausgiebigen Einatmens. Sie gab jedes Mal vor, nichts Besonderes zu riechen. Das war natürlich eine Ausrede der Erwachsenen, die nun mal manche Dinge, die primär toll sind, aus sekundären Gründen ablehnen und das für einen Fortschritt halten.

Ich liebe den Duft auf der U-Treppe immer noch und binde mir dort mit Vorliebe und völlig benebelt die Schuhe. Immer wieder rede ich in traulichen Runden vom Zauber dieses U-Bahn-Treppenduftes, aber niemand teilt meine Hingabe für diesen absurd schönen Hauch aus dem Untergrund. Alle gucken nur scheel von der Seite und sagen "Is mir jetzt so noch nich’ aufgefallen. Aber kennt ihr den Duft, wenn’s im Sommer so regnet. . . "

Max Scharnigg in jetzt.de, dem Blog der Süddeutschen Zeitung

Freitag, 29. August 2008

Wirklichkeit

Mark Tansey: Doubting Thomas

The question of boundaries, of possible shifts or displacements along them, and the question of what is being bounded (or unbounded) are preeminent ones. If we are indeed in a liminal period, then the border is not out there somewhere at the edge of the frame but rather it is here, at zero degree, where the x and y coordinates meet. It is a site of encounter, a point of transition. The marginal is all around.

Lyn Hejinian, The Language of Inquiry