Mittwoch, 8. Oktober 2008
Schauspielerglück
Peter Truschner: Der Marquis von O., Der Standard 13. September 2008, Album S. 1
Freitag, 3. Oktober 2008
Nach der Wahl
Sonntag, 28. September 2008
"Wir richten jeden so gut wie möglich her."
Agnes D.* merkt nichts von den Tränen, die für sie vergossen werden. Sie hört nicht die liebevollen Anekdoten, die über sie erzählt werden. Und sie fühlt nicht die Trauer, die sie umgibt. In wenigen Minuten wird die 77-Jährige, die am Tag zuvor verstorben ist, ihr Haus für immer verlassen. Ihre Familie nimmt Abschied: Ein letzter Blick auf den regungslosen Körper, ein letztes Streicheln über die kalte Hand - Agnes D. wird in den Leichenwagen getragen. Die geliebte Mutter und Oma ist von nun an Auftrag 1376. Bis zu ihrer Beerdigung kommt sie in die Kühlkammer des Bestattungsunternehmens.
In unserer Gesellschaft des Jugendwahns ist der Tod ein ungern gesehener Gast. Kaum ist ein Mensch gestorben, wird er in fremde Hände gegeben. DIN EN 15017, die europäischen Norm für Bestattungsdienstleistungen, herrscht dann statt persönlicher Fürsorge und Trauer am Totenbett. "Die Trauerfähigkeit ist in unserer Kultur der Coolness kaum entwickelt", sagt Psychologe Jorgos Canacakis.
Nach dem Gesetz darf der Tote drei Tage zu Hause bleiben, doch die meisten Leichname werden zügig abgeholt. Die wenigen Angehörigen, die sich später noch einmal von Angesicht zu Angesicht verabschieden, möchten einen friedlichen, keinen sich bereits zersetzenden Körper sehen. Daher werden Wunden, Leichenflecke und Fäulnisblasen von Bestattern kaschiert. Sie sind die Visagisten der Verstorbenen. Die Verschönerung des Todes ist ihr tägliches Geschäft.
Auftragsnummer 1376 ist jetzt bei GBI, Hamburgs größtem Bestattungsunternehmen, an der Reihe. Melanie Kullas streift ihre Latexhandschuhe über und öffnet die schwere Stahltür. Das ständige Brummen der Kühlaggregate schwillt an, ein kalter Luftstoß durchströmt den weiß gekachelten Raum. Sie zieht die unterste Eisenliege heraus, schiebt sie in die Raummitte unter das grelle Licht der Neonröhre. Ein Kontrollblick auf den Namenszettel am Knöchel der mit einem Betttuch umhüllten Leiche. Es ist Agnes D. Nach zehn Tagen bei vier Grad Celsius wird sie für ihre Beerdigung vorbereitet.
Melanie Kullas streift das Betttuch ab. Sie ist eine von deutschlandweit 370 Auszubildenden zur Bestattungsfachkraft. Seit Juli 2003 gibt es diesen Lehrberuf, vorher konnten auch Ungelernte den Job übernehmen. Seit knapp drei Jahren arbeitet die 23-Jährige bei GBI - die Firma ist eine von rund 4000 in Deutschland, die die jährlich etwa 830 000 Toten für ihren letzten Weg zurechtmachen.
Melanie Kullas ist so unauffällig wie ihre Kleidung. An ihrem Beruf findet sie nichts Außergewöhnliches, ihre Emotionen hat sie unter Kontrolle: "Man muss mitfühlen, aber nicht mitleiden." Bei ihrer ersten Leiche musste sie allerdings schlucken: "Es war ein Zwischending zwischen Neugierde und Abneigung." Langsam hat sie die Hemmungen verloren. Agnes D. ist ihre fünfte Leiche.
Das Gesicht ist fahl, der Mund weit geöffnet, die Augen ein wenig eingedrückt. Rötliche Leichenflecke bedecken den Nacken. Eine geplatzte Fäulnisblase hat Flecken auf dem Betttuch hinterlassen. Der Körper von Agnes D. verfällt, Melanie Kullas arbeitet dagegen. Sie tupft den nackten Körper mit Papiertüchern und Desinfektionsspray ab - vorsichtig, denn die Haut könnte reißen. Sie füllt die Wangen mit Kosmetiktüchern aus und schließt den Mund der Toten.
Mit einer Augenkappe, die sie wie eine dicke Kontaktlinse auf den Augapfel drückt, verhindert sie ein weiteres Einfallen der Augen. Melanie Kullas arbeitet schnell und zielgerichtet. Ein wenig Camouflage auf die rötlichen Flecke, Frischhaltefolie um die Fäulnisblase am Bein, Feuchtigkeitscreme auf die fahlen Wangen, die kurzen grauen Haare in Form bürsten. Fertig. Nach 15 Minuten sieht Auftrag 1376 wieder aus wie Agnes D.
"Wir richten jeden so gut wie möglich her. Egal, ob die Verwandten noch einmal in den Sarg gucken oder nicht", sagt Holger Langer, der als Abteilungsleiter Fahrdienst bei GBI für die Versorgung der Verstorbenen verantwortlich ist. In einem Berufszweig, in dem es nur Richtlinien, aber keine staatlichen Kontrollen gibt, ist pietätvolle Professionalität eine Frage der persönlichen Moral. "Bei einer Bestattung gibt es keine Generalprobe. Wir müssen so perfekt wie möglich arbeiten", sagt Langer.
Während für die Verwandten oft eine Welt zusammenbricht, müssen die Bestatter Souveränität beweisen. "Wenn ich mir über jede tote Person Gedanken machen würde, müsste ich den Job wechseln", sagt Langer. Dass der Grat zwischen würdevoll-routiniertem Umgang und abgestumpfter Massenabfertigung schmal ist, weiß er. Und das weiß auch Melanie Kullas.
Die Auszubildende schiebt Auftrag 1376 für die nächsten 18 Stunden zurück ins vierte Fach der Kühltruhe. Morgen früh wird sie Agnes D. ein weißes Totenhemd mit besticktem Perlenkragen überstreifen. Sie wird sie in ihren Buchensarg betten und zum Friedhof, zur trauernden Verwandtschaft fahren. Die Auszubildende wird die Letzte sein, die Agnes D. sieht. Von ihren Verwandten und Freunden möchte sich niemand von Angesicht zu Angesicht verabschieden. Der Sargdeckel bleibt geschlossen. * Name geändert
Monika Lembke: Rouge für die letzte Reise, welt.de 28.09.2008Samstag, 27. September 2008
Wählen dürfen - mit 16

Morgen dürfen erstmals auch die 16- und 17-Jährigen an der Nationalratswahl teilnehmen. Keiner meiner Schüler (zwischen 15 und 19 Jahren) fand diese Neuregelung positiv: Übereinstimmend waren sie der Auffassung, in diesem Alter sei man noch nicht reif genug, um über die Zusammensetzung des Parlaments mitzuentscheiden. Es ist eine insgesamt fragwürdige Regelung (die es ja auch in manchen deutschen Bundesländern - bezogen auf Landtags- und Kommunalwahlen - gibt, junge Menschen, denen man noch manche Rechte vorenthält (z.B. den Erwerb und Gebrauch bestimmter Genussgifte) als Wähler zuzulassen. Mehrere Schülerinnen aus der Fachschule für Wirtschaft sagten mir, sie würden die FPÖ wählen, weil sie die blauen Haftschalen von H.C. Strache so sexy fänden. Vermutlich kommt es nicht selten aufgrund solcher Kriterien zur Wahlentscheidung.
Eine österreichische Besonderheit scheint mir das "Wahlerbe" zu sein, möglicherweise haben die großen Parteien darauf gesetzt, dass die jungen Erstwähler ihre Stimme derselbe Partei geben wie ihre Eltern. Tatsächlich habe ich auch Äußerungen in dieser Richtung von Schülern gehört. Das wäre in Deutschland schwer vorstellbar, da dürfte eher eine Protestwahlgesinnung überwiegen: Ich wähle doch nicht, was meine Eltern wählen.
Die Plakate und Anzeigen, mit denen das neue Wahlrecht beworben wird, wecken mit ihrem Text eher Assoziationen an den ersten Sex. Der Bursche mit dem Hütchen erinnert an die alte Sitte, nach der die (männlichen) Konfirmanden am Konfirmationstag als Zeichen ihres Erwachsenseins erstmals einen Hut zu tragen hatten. Der Blick in mein Fotoalbum belehrt mich, dass meine Eltern mir sogar schon zur Einschulung einen Hut kauften. Was will mir das sagen?



