Dienstag, 30. Dezember 2008
Religion
Manager stehen offen dazu, dass sie sich zu spirituell-religiösen Seminarien ins Kloster zurückziehen. Die Politiker greifen in ihren Reden immer öfters zu religiöser Metaphorik. Reisen an religiöse Kultorte sind ausgebucht, Bücher über die Beschreitung des Jakobswegs werden zu Bestsellern. Heute kann ein Jugendlicher ohne Scham sagen, dass er zum Weltjugendtag in Köln pilgert. Die religiösen Gefühle werden wie selbstverständlich zu Tischgesprächen - was in den Benimmbüchern des 20. Jahrhunderts noch als verpönt galt, weil das Thema einer gepflegten Tischunterhaltung zuwiderlaufe. Heute sind Gespräche über Spiritualität, Religiosität oder Religion salonfähig geworden.
Die verschwundene Scham, sich zur Religion zu bekennen, weiß selbstverständlich auch die Tourismusbranche für sich zu nutzen. Schon seit Ende der 90er-Jahre verzeichnen die Wallfahrtsorte neuen Zuspruch. Strittig ist allerdings, ob sich in der Wiederentdeckung dieser alten Tradition auch eine neue Hinwendung zur Religion spiegelt ...
Religionen werden, anders als in der Vergangenheit, heute nicht primär dadurch interessant, dass sie Wissen über die Zukunft vermitteln können, sondern dadurch, dass sie auf die Unvorhersehbarkeit der Zukunft verweisen und die damit verbundene Kontingenz bearbeiten. Kontingenz bezeichnet einerseits das gemeinsame Auftreten zweier Ereignisse, anderseits aber auch einen Status der Ungewissheit und Offenheit möglicher künftiger Entwicklungen. Auch davon leben die Religionen: Die rationale, von Unwägsamkeiten geprägte moderne Welt erzeugt erst recht das Bedürfnis nach Gegenwelten, nach Wiederverzauberung, weil man sich in diesen Zauberwelten besser verständigen kann.
Hinzu kommt eine Orientierungslosigkeit in unserer Wissensgesellschaft. Sie führt zur Suche nach einem neuen Lebenssinn, oft eben in einer transzendenten Sicht und Hoffnung, so irrational diese manchmal auch zu sein scheint. Dem entspricht es, dass theologisches Wissen für diese Religiosität weitgehend irrelevant ist, auch wenn das den Theologen zuwiderläuft, die von der Wiederkehr der Religion zu profitieren hofften. Die neue Religiosität kommt ohne theologisches Grundwissen und ohne die christliche Heilsbotschaft aus, schulische Bestrebungen, den Religionsunterricht abzuschaffen, verstärken diesen Eindruck. Die ungezählten neuen Bücher in den Buchhandlungsregalen sagen zwar viel aus über Esoterik und Religiosität, aber sehr wenig beispielsweise über die Bedeutung des Christentums auf die westliche Entwicklung inklusive Demokratie und Markt. Glauben und Wissen, Theologie und Frömmigkeit, waren eben schon immer zwei verschiedene Dinge. Kurzum: Vermutlich kehrt nicht das Christentum wieder und schon gar nicht ein Kirchenglaube, sondern eine esoterisch angehauchte und popkulturell angetragene Religiosität.
Das Unbehagen über die eigene Gegenwart führt seit Menschengedenken dazu, dass man sich auf die Religion besinnt, und auch heute scheint sich diese Erkenntnis zu bewahrheiten, wenngleich die Rückbesinnung mehrheitlich auf eine eher diffuse, in ihren Konturen kaum genau beschreibbare Religiosität erfolgt. Wichtig erscheint dabei vorrangig das Wahrnehmen und Ausleben eines religiösen Grundgefühls, unwesentlich die konkreten Gehalte und deren innere Stimmigkeit. Im Lehrschreiben "Fides et ratio" hat Papst Johannes Paul II. allerdings daran erinnert, dass ein Christentum, das nicht mehr eine an der Tradition geschulte Urteilskraft besitzt, an Urteilskraft verliert. Dennoch wird das Religiöse weniger in überlieferten Gesetzen der Weltreligionen gesucht als in einer selbst gebastelten Religiosität. In dieser Struktur mag für die Konfessionen eine Bedrohung liegen, gerade für das Christentum könnte dies aber auch als Chance begriffen werden im Hinblick auf eine neue Bedeutung für die Menschen.
Unbestritten wird die Menschheit in Zukunft mit mehr Krisen und Disruptivem zu kämpfen haben. Ohne Religion im Sinne von Lebensbewältigungspraxis wird das Leben mühsam. Gerade in einer technologisch perfektionierten Welt, die alles und jedes in den Griff bekommen will, den Zeitpunkt der Geburt genauso wie den des Todes, nimmt das Verlangen nach einer nicht kontrollierbaren Ebene zu. Wenn Anfang und Ende des Lebens manipuliert werden können, erzeugt das Unbehagen, geraten die Grundfeste unserer alltäglichen Lebensüberzeugung ins Wanken. Diese Art von Unbehagen führt dazu, dass man glaubt, es gebe eine Welt, die einem das Leben erträglicher macht, eine Welt, die stärker ist als die reelle Welt, weil sie genau dort auftritt, wo wir keine Verfügbarkeit über die Dinge mehr haben. Schließlich hat der moderne Wille, das Unverfügbare verfügbar zu machen, nur den Raum des Unverfügbaren ausgeweitet (Gross). Als Reaktion darauf rückt die existenzielle Bedeutung wieder stärker in den Vordergrund, das Bedürfnis nach dem existenziellen Hunger (Bosshart), der sich abkehrt von der Übersättigung und sich auf das Natürliche, Einfache zurückbesinnt. Zu viel Convenience und Komfort macht unglücklich.
Die interaktive Medienwelt bleibt nicht ohne Folgen auf die Religiosität. Man stellt nicht nur mit einer großen Selbstverständlichkeit die eigenen Sexualpraktiken ins Internet, um so seinen Partner zu finden, sondern exhibitioniert sich auch im Religiösen. Im Kampf um Aufmerksamkeit akzeptiert man alles, was einem neue Erlebnisse und neue Bekanntschaften vermitteln kann. Für die älteren Generationen war der digitale Exhibitionismus noch undenkbar. Sie ist aufgewachsen mit einem strikten Regulativ des Verbotenen und des Erlaubten. Was auch beruhigend war, wurde dadurch das Öffentliche und das Private klar abgegrenzt und war nicht infrage zu stellen. Diese Grenzziehung ist verschwunden. Wenn ein heutiger Schüler einen Aufsatz zum Thema "Auf frischer Tat ertappt" schreiben muss, fällt ihm nichts dazu ein. Weil fast alles erlaubt ist. In der exhibitionistischen Gesellschaft wird der private Raum mehr und mehr zugunsten des Open Space zurückgedrängt.
Offen über Religion zu reden war früher dem Pfarrer und den Religionsintellektuellen vorbehalten. Jetzt reden alle darüber, unabhängig der sozialen Schicht, mit teilweise synkretistischen Folgen, das heißt, man vermischt religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Religiosität ist Lebenshilfe, sie ist nützlich, weil sie entlastet und Hoffnung schenkt. Tut sie das nicht mehr, legt man sie wieder ab. Die heutige Religiosität ist konsumistisch geprägt, mit einer geringen Halbwertszeit verbunden, und sie erlaubt die Wahlfreiheit, eine Religion auszuprobieren, bis man sie nicht mehr will. Das hat viel mit Selbstdarstellung zu tun, mit einer Zugehörigkeit, die sich nicht über Konfessionalität definiert. Früher war man Protestant, Katholik oder Jude. Mit dem Aufkommen der globalisierten Konsumwelt wurde eine Art Entlokalisierung möglich: Man muss sich nicht mehr irgendwelchen lokalen Verbänden verpflichtet fühlen, sondern hat die Möglichkeit, ungestraft selbst zu wählen.
Authentizität zeigt sich in der inneren Stärke, zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen zu stehen und dementsprechend zu handeln. Keine einfache Aufgabe, schon gar nicht, wenn es um die religiöse Authentizität geht. Authentizität setzt eine gefestigte Individualität voraus, Authentizität muss man sich also erarbeiten. Diese Arbeit ist dem Individuum, bestenfalls einer kleineren Gruppe vorbehalten, nicht aber der großen Masse. Deren Form der Authentizität äußert sich in der Konformität. Die große Masse wird sich an der Simulation orientieren.
Religiöser Pluralismus ist eine gesellschaftliche Tatsache geworden. ... Volkskirchen geraten in Bedrängnis. Für eine wachsende Zahl ungebundener, religiös-suchender Menschen erscheinen sie als Religionen unter Hunderten auf dem Markt. In diesem religiösen Wettbewerb in einer globalisierten Welt, in der sich der Einzelne immer flexibler und national ungebundener verhält, haben die traditionellen Religionen allerdings den unschätzbaren Vorteil, dass sie stark verankerte Wurzeln bieten: Man besinnt sich auf die Halt gebenden Rituale der Taufe oder der Heirat. Wo auch immer man sich auf der Welt befindet - die Identität der Kirche bleibt überall die gleiche. Bei der Religion spielt nicht nur das Bewusstsein eine Rolle, sondern auch die Handlungsfunktion. Unter dem Aspekt der Religion werden bestimmte Handlungsformen vollzogen.
Das überdimensionierte Kreuz, das sich Popsängerin Madonna um den Hals hängt, Jesus mit Dornenkrone auf dem Slip - religiöse Motive als Modeaccessoires wurden lange Zeit als Provokation empfunden. Mittlerweile haben sie Kultcharakter und werden von den Jugendlichen dementsprechend imitiert. Man kupfert von religiösen Ritualen ab, ohne sie mit Inhalten in Verbindung zu bringen. Es geht um Gags, um Überspielungen, um Gruppenzugehörigkeit. Heute trägt man demonstrativ eine Rosenkranzkette um die Hand gebunden, wenn möglich von Dolce & Gabbana.
Die Wahl Ratzingers zum Papst ist der Versuch, am Alten festzuhalten. Aber die künftige Religionswelt wird anders aussehen und wird die gelebte Religion stärker berücksichtigen müssen. Nicht neu übersetzt will die Bibel werden, sondern neu ausgelegt. Das Phänomen der Entzauberung durch Pluralisierung könnte zu einer neuen Form der Aufklärung in der Form führen, als man Religion neu strukturiert, ihr neue Bereiche zuweist, was vielleicht auch zu einem Überdenken der Rolle von Kirche und Staat führen kann.
Man könnte sich finden in der Einsicht, dass man Probleme hat, dass es Unverfügbares gibt, Dinge, mit denen man nicht zurande kommt. Wenn diese Religionsvertreter dann einsähen, dass diese Grundbefindlichkeit, dieses Fundament von den Weltreligionen in ihrer Substanz unterschiedlich bearbeitet werden müsste, könnte eine empathische Religion entstehen, oder, um George W. Bush im positiven Sinn zu erwähnen, ein "passionate conservatism", der mitfühlt, mitdenkt, mit leidet im Bewusstsein, dass die anderen genau die gleichen Probleme haben.
Die Verlässlichkeit der traditionellen religiösen Institutionen, die sich neben all ihren Schwächen doch auch Verdienste erworben haben beispielsweise durch ihren Einfluss auf den kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt, dürfen nicht unterschätzt werden. Auf das, was die traditionellen Religionen an Kultur gestiftet haben und stiften, kann auch die moderne Gesellschaft nicht verzichten.
"Religion ist Heimat". Gekürzte Dokumentation einer Diskussion zum Thema "Welche Zukunft hat der Glaube?" in der WELT
Jahrzehntelang sind nun praktisch-theologische Arbeiten erschienen über die Religiosität in Fußballstadien oder Kunstmuseen, über Religion in der Werbung und in allen möglichen Bereichen des Alltags; seit langem beobachten die Kirchen mit großem Interesse die Renaissance der Religiosität - aber für die wenigsten religiös Suchenden unserer Tage bieten die traditionellen Religionen und Konfessionen die passenden Antworten. Suchen ist eine Haltung des modernen Menschen, Ausdruck des Unterwegsseins, der Offenheit - Finden und sich dazu zu bekennen, das wäre eine Einschränkung des offenen Kosmos der Möglichkeiten. Noch ist die Zeit nicht reif dafür, dass auch solche Selbstbeschränkung wieder angesehen wäre.
Sonntag, 28. Dezember 2008
Volle Gottesdienste
Samstag, 27. Dezember 2008
Grenzverwischungen
Mein chauvinistisches Ohr
Über die moralische Verwahrlosung des öffentlichen Raums
Die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist unscharf geworden in einer Zeit, die ungeniert nach Selbstverwirklichung drängt. Wo dem Einzelnen unter dem Eindruck des Beobachtetwerdens einst die Kontrolle der persönlichen Gefühle auferlegt war, droht sich dies heute ins Gegenteil zu verkehren. Die Strasse gerät zur Bühne des eigenen Selbst – die Freiheit, die sich einer herausnimmt, wird zur Unfreiheit der anderen.
Von Dubravka Ugrešić
Er marschiert auf mich zu wie ein Soldat in voller Kriegsausrüstung, schreitet entschlossen auf einer imaginären Geraden, auf dem Rücken ein Rucksack, die Ohren mit einem iPod verstopft. Seine Sonnenbrille macht jeden Blickkontakt unmöglich. Den Körper benutzt er als unsichtbaren Pflug, alles wie Schnee vor sich wegräumend. Ich trete unterwürfig zur Seite. Immer mehr Leute benutzen im öffentlichen Raum ihren Körper als Schneepflug. Und immer bin ich diejenige, die zur Seite weicht.
Während ich an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts Schlange stehe, bohrt sich wie ein plötzlicher Schmerz der Ruf eines Muezzins in mein Ohr. Ich drehe mich um und erblicke eine zierliche junge Frau in einem langen Jeansrock, hellblaue, paillettenbesetzte Flip-Flops an den Füssen, auf dem Kopf ein Tuch. Sie nimmt ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und drückt darauf herum. Vielleicht mahnt das Handy sie, dass es Zeit ist fürs Gebet, denke ich versöhnlich. Auch mein Ohr ist inzwischen versöhnt. Dann aber wird es von einem neuen Geräusch durchbohrt: Eine junge Chinesin in der Schlange kreischt etwas Unverständliches in ihr Handy. Wie sich die durchdringenden Stimmen junger Chinesinnen und junger Marokkaner doch ähneln, denke ich. Verschämt wische ich diesen Gedanken beiseite. Ich schwöre, das war nicht ich, das war mein Ohr, gebildet in einer Gegend, in der das hohe C nie besonders geschätzt wurde. Ein chauvinistisches Ohr!
EINE FRAGE DES FREIRAUMS
Auf den Strassen begegne ich immer öfter singenden Radfahrern. Sie treten in die Pedale und trällern vor sich hin. Das ist etwas Neues, dieses Zurschaustellen von Gelassenheit, diese öffentliche Eroberung des persönlichen Freiraums. Mein Ohr ist gereizt, an so etwas nicht gewöhnt, intolerant. Mein Ohr ist ein widerlicher control freak .
Während ich in einer Gaststätte mit Seeblick auf meinen Kaffee warte, bleibt mein Blick an einem jungen Paar am Nebentisch hängen. Die junge Frau mit langem blondem Haar hat ihre Füsse lässig auf den Tisch gelegt, direkt neben eine Suppenterrine. Der junge Mann massiert mit einer Hand zärtlich ihre Zehen, mit der anderen löffelt er seine Suppe aus. Die Frau kichert ausgelassen und versucht, mit den Zehen seine Suppenterrine umzukippen. Der Anblick der nackten Füsse auf der Tischplatte erregt in mir leichten Ekel. Mein Auge ist menschenfeindlich. Die Szene am Nebentisch lässt sich nicht mit einer unsichtbaren Fernbedienung ausschalten – wie ich es in Gedanken wünsche –, deshalb stehe ich auf und verlasse geschlagen den Ort.
Die Aufzüge in den U-Bahn-Stationen, die zu den Zügen führen, hauptsächlich von Müttern mit Kinderwagen, älteren Menschen und Menschen mit Fahrrädern benötigt, sind immer vollgespuckt und vollgepisst. Männer benutzen sie als öffentliche Toiletten und Spucknäpfe. Während ich zu den Zügen fahre, muss ich die Nase mit der Hand oder mit dem Schal bedecken. Der Gestank ist unerträglich. Schuld daran ist allein meine Nase. Meine verdammte Nase ist elitär.
Aus dem Blickfeld
Sobald sie in der Strassenbahn einen Sitzplatz ergattern, holen die jungen Frauen ihre Schminktäschchen hervor und machen sich für den Tag zurecht. Alles ist da: der Eyeliner, die Mascara, die kleine Nagelfeile, der Nagellack, die Pinzette. Warum schminken sich junge Frauen ausgerechnet in der Strassenbahn? Wenn sie das schon im öffentlichen Raum erledigen müssen, warum nicht in einer öffentlichen Toilette oder auf einer Parkbank?!
Während ich am Strassenrand stehe, wirft ein Radfahrer leere Pizzaschachteln in eine nichtexistierende Mülltonne. Eine Schachtel verpasst meinen Kopf nur um wenige Zentimeter. He! – schreie ich, aber es kommt zu keinem Kontakt. Der Typ radelt schnell aus meinem Blickfeld.
In meiner Nachbarschaft befindet sich ein Gotteshaus. Es ist offensichtlich zu klein, daher knien die Gläubigen bei gutem Wetter draussen, die Köpfe gen Osten, die Hintern gen Westen. Während der Gebetszeit gibt es kein Durchkommen auf dem Weg, der für alle vorgesehen ist, für die Gläubigen wie für die Ungläubigen. Neben dem Tempel steht ein Verkehrsschild, auf dem ein durchgekreuzter Hund zu sehen ist. Mein Freund hat einen Hund. Er wurde schon mehrmals von selbsternannten Glaubenspolizisten ermahnt, der Durchgang am Gotteshaus sei für Hunde verboten. Drumherum liegt viel Dreck, die Kinder der Gläubigen hinterlassen dort Abfälle, Limo-Dosen, Kekspackungen. Die Abfälle stören Gott offenbar nicht, nur die Hunde.
In den Strassen- und U-Bahnen sind die Sitze meistens von männlichen Jugendlichen okkupiert. Ältere Menschen stehen demütig. Der öffentliche Raum ist Schauplatz des latenten Sadomasochismus. Die Stärkeren setzen ihr Recht durch, die Schwächeren ducken sich. Vor meinem Lebensmittelgeschäft steht seit Monaten ein unsympathischer Dreissigjähriger und spielt auf seiner Gitarre. Der Typ ist total unmusikalisch, offenbar kann er überhaupt nicht Gitarre spielen, mit einem Wort, er klimpert. Er will dadurch nur auf sich aufmerksam machen und einen dazu bringen, eine Münze in seinen Hut zu werfen.
Manche Bewohner von Hochhäusern vertreiben sich die Zeit damit, Essbares aus dem Fenster zu werfen. Sie füttern die Vögel. Im Flug beschmutzen die Vögel, hauptsächlich Tauben und Möwen, die Fensterscheiben. Was sie nicht auffressen, bleibt für die Ratten. Nachts durchstreifen die Ratten frei den öffentlichen Raum. Die Tierschützer triumphieren.
Ich besteige ein Taxi. Der Fahrer, ein Muslim, verrichtet während der Fahrt sein Gebet. Mit einem Büchlein in der Hand murmelt er es herunter. Gelegentlich unterbricht er das Gebet, wenn er bremsen oder die Ampel beachten muss. Seine monotone Leier stört mein gottloses Ohr, aber ich ertrage mit Fassung die Situation, in die ich geraten bin. Beim Verlassen des Taxis reiche ich ihm einen grossen Schein, denn ich habe kein Kleingeld. «Wie viel Trinkgeld bekomme ich?», fragt der Fahrer. Seine Stimme klingt jetzt auffällig anders. Das demütige religiöse Brabbeln von vorhin galt Gott, dieser drohende Ton mir. Den Geldschein hält er schon in der Hand, ein Verhandeln ist also nicht mehr möglich, denn er könnte Gas geben und mit dem ganzen Geld abhauen. Ich entscheide mich für ein grosszügiges Trinkgeld, um den Rest zu retten.
Unerwiderte Liebe
Der öffentliche Raum mit seinen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen ist heute dazu da, die persönliche Freiheit zur Schau zu stellen. Altmodische Benimmregeln gelten nicht mehr, Schilder mit der Aufschrift «Spucken verboten», die früher wegen ihres absurden Inhalts die Leute zum Lachen brachten, sind längst verschwunden. Heute spucken viele auf den Boden, markieren den Raum mit ihrer Spucke, mit ihrem Urin, mit ihren Leibern, mit ihren Stimmen. Niemand will mehr unbemerkt bleiben. Jeder kämpft um seine Rechte und pfeift auf die der anderen.
Mir fällt auf, dass ich immer seltener aus dem Haus gehe. An der Wohnungstür habe ich drei Schlösser anbringen lassen, die Vorhänge an den Fenstern ziehe ich zu, meine Wohnung verwandelt sich langsam in einen Guerilla-Unterschlupf. Auch fällt mir auf, dass ich meinen Nächsten nicht mehr liebe. Die Nächstenliebe erfordert übermenschliche Anstrengung. Sie ist eine unerwiderte Liebe, und ich bin nur ein gewöhnliches und schwaches Exemplar der Spezies Mensch. Für das Ressort Nächstenliebe ist doch Gott zuständig, denke ich, er hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, soll er ihn auch lieben. (…)
Neue Zürcher Zeitung 27.12.2008
Überlegung
Edwin Conklin
Absturz einer Berufsgruppe
(...)
Unbeliebter sind (...) nur noch Prostituierte und Menschen mit Vorstrafen.
