Dienstag, 30. Oktober 2007

Passend zum Reformationstag...

Was verstehen Sie unter dem Begriff "Reformation" und wer hat sie eingeleitet?



Aus einem „Einbürgerungstest“ auf welt-online.

Wenn der Rechnungshof den Geheimdienst unter die Lupe nimmt...

"Vor den strengen Augen und Taschenrechnern der Rechnungshofprüfer sind alle gleich: Da können die Beamten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, wie der österreichische Geheimdienst zivilisiert heißt, noch so geheime Organisationen beschatten und noch so gefährliche Terroraktivitäten verhindern, am Ende heißt es schlicht: Die Überstunden an Sonn- und Feiertagen müssen um 25 Prozent gekürzt werden! Und bitte weniger Dienstfahrten, jetzt muss einmal gespart werden! Klingt vertraut. Auch dass eine alte Immobilie, die im konkreten Fall mehr aufgrund ihrer guten Lage, denn ihrer (vergammelten) Innenausstattung zu viel kostet, erscheint nachvollziehbar. Aber wenn ein derart eigenständig agierendes Amt erst 2006 so etwas Ähnliches wie ein Budget zusammenbringt, darf man getrost von einem österreichischem Unikum sprechen.
Nicht ganz so unterhaltsam sind andere Empfehlungen der Prüfer, deren nüchtern-beiläufige Formulierungen entweder darauf deuten, dass sie nicht wissen, was sie da schreiben, oder ein verheerendes Zeugnis für Österreichs Terrorabwehr ausstellen. Irgendwo zwischen der Anregung, den hauseigenen Newsletter auch den Büros in den Bundesländern zuzuschicken, und der dezenten Warnung, beim frei vergebenen Bargeld mehr zu kontrollieren, heißt es da unauffällig: Der Rechnungshof vermisse 'nationale Bekämpfungsstrategien für die Bereiche Extremismus und Spionageabwehr'. Nach welcher Strategie arbeiten die jetzt? Nach Dienstplan?" (Die Presse 30. 10. 2007)

Interkulturalität in Ottakring

Wiener Schimpfwortschatz

Was ist das Besondere am Wiener Schimpfwortschatz? Gibt es irgendein Spezifikum?

Es gibt zwei Spezifika: Einerseits die Häufigkeit von sogenannten "brutalen Aufforderungen": Das sind Ausdrücke wie beispielsweise "Schleich dich" und "Geh scheißen". In Deutschland gibt es das kaum. Die Wiener erreichen beim Erfinden brutaler Aufforderungen eine beeindruckende Ausdruckskraft: Das geht bis zu "Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein", wie einer meiner Interview-partner einmal sagte. Das zweite Spezifikum sind die sogenannten zusammengesetzten Schimpfwörter: Zwei abwertende Wörter werden zu einem kombiniert. Ein Klassiker ist "Drecksau". In der Literatur findet man solche zusammengesetzten Schimpfwörter bei Werner Schwab oder H. C. Artmann.

Halten Sie den Wiener Schimpfwortschatz für kreativer als andernorts?

Wenn man in die Tiefe geht, ja. Meine Interviewpartner begannen mit ganz banalen Schimpfwörtern wie "Depp" oder "Trottel". Aber bald waren sie im ausgefeilteren Stadium. Das Vokabular wird dann sehr kreativ. Ich habe Dinge gehört von "Hirnederl" bis "Du sollst Warzen am Arsch bekommen und zu kurze Hände zum Kratzen". Flüche, die mit "Du sollst ..." beginnen, bezeichnet die Schimpfwortwissenschaft als "Verwünschungen". Diese Verwünschungen sind in Österreich eher selten. Seltener jedenfalls als in der Ukraine.

Warum?

Es hängt damit zusammen, dass die Ukrainer viel abergläubischer und religiöser sind als Österreicher. Im Westen des Landes gibt es bei diesen Verwünschungen sogar Schimpfwortgermanismen, die noch aus der k.u.k. Zeit stammen.

Welche zum Beispiel?

Angepasst an die ukrainische Grammatik, gibt es in der Westukraine beispielsweise "Schlak by tebe trafyv". Das ist ukrainisiert und heißt "Der Schlag soll dich treffen". Oder "Ban'kart" für "Bankert". Interessant ist auch der Bedeutungswandel von Schimpfworten: "Schickse", ukrainisch "Syksa", stammt eigentlich aus dem Jiddischen und war die Bezeichnung für ein christliches Mädchen.

Gibt es beim Schimpfen nationale Unterschiede?

Definitiv. Es gibt zwei verschiedene Schimpfwortgruppen: Österreicher, Deutsche, Tschechen und Ukrainer beispielsweise sind analfixierte Schimpfer. Das heißt, sie verwenden hauptsächlich Schimpfworte aus dem fäkalen Bereich wie "Scheiße" oder "Arschloch". Amerikaner, Russen und Serben zum Beispiel sind dagegen sexualfixierte Schimpfer. Die Amerikaner sagen oft "Fuck off" oder "Fuck you".

Lässt sich daraus irgendetwas auf die Gesellschaft schließen?

Das anal- und sexualfixierte Schimpfen ist eine gesellschaftliche Eigenheit, deren genauer Ursprung noch unklar ist. Andere Bereiche lassen sehr vieles auf die Gesellschaft schließen. Anhand von Schimpfwörtern kann man sich über die schwachen Stellen von Gemeinschaften informieren: In der Ukraine, einem Land mit vergleichsweise hoher Korruption, gibt es beispielsweise vier Ausdrücke für einen korrupten Menschen. In Österreich gibt es keinen einzigen. Dafür finden sich in der deutschen Sprache mehrere Schimpfwörter, die einen Pedanten bezeichnen - "Mäusemelker", "Nudeldrucker", "Erbsenzähler" oder "I-Tüpferl-Reiter" zum Beispiel. In der Ukraine gibt es davon wiederum kein einziges. Pedanterie scheint also in der Ukraine, Korruption in Österreich keine weit verbreitete Eigenschaft zu sein. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie in die tiefkatholischen Länder Südeuropas - Spanien, Portugal oder Italien - fahren, dann werden Ihnen besonders viele blasphemische Schimpfwörter begegnen.

Gesellschaftliche Werthaltungen fließen also in den Schimpfwortschatz sein?

Ja. Fast immer. Während eines Interviews hat mir ein alter Mann beispielsweise erzählt, dass ihn sein Vater immer "du Welser" geschimpft und sich dabei von hinten am Kopf gekratzt hat. Das hängt damit zusammen, dass in Wels die Leute sehr arm waren und sich von hinten am Kopf kratzten, damit die Läuse nicht in den Ärmel fallen. Ein anderes Beispiel: Ich habe Exjugoslawen und Türken, die in Österreich leben, zu den Schimpfwörtern gefragt, die sie verwenden. Hier fiel sehr oft: "Ich fick deine Mutter." Das ist typisch für traditionelle Gesellschaften, wo die familiäre Gemeinschaft noch eine wichtige Rolle spielt. Dort sind sogenannte "Ahnenschmähungen" viel weiter verbreitet als in Österreich oder Deutschland. Besonders fiel mir in diesem Zusammenhang auf, dass österreichische Schüler, die mit Türken oder Exjugoslawen in dieselbe Schulklasse gehen, solche Ausdrücke übernehmen. Ähnliches ist auch in der Ukraine passiert: Vor 1939, als die Russen - wie gesagt sexualfixierte Schimpfer - die Westukraine okkupierten, war "Ich fick deine Mutter" hierzulande völlig unbekannt. Heute ist es gang und gäbe.

Sie sprechen von nationalen Unterschieden. Spiegelt sich auch die Bewertung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern im Schimpfen wider?

Ja, in der deutschen Sprache gibt es beispielsweise etwa 500 abwertende Ausdrücke für eine Frau mit abwechslungsreichem Liebesleben. Beim Mann sind es weit weniger. Außerdem sind diese Ausdrücke beim Mann nicht so abwertend und oft sogar mit einer gewissen Bewunderung verbunden, wie bei "Filou" oder "Casanova" zum Beispiel. Wie tief diese unterschiedliche Bewertung reicht, zeigte mir ein Vorfall während eines Interviews: Ich befragte die Menschen, für wie schlimm sie das Wort "Sauluder" halten. Für Frauen war es unisono eine sehr abwertende Bezeichnung für eine Frau, die beispielsweise ihren Mann betrügt. Für Männer dagegen war "Sauluder" eher ambivalent: Das sei eine gutaussehende Frau in attraktiver Kleidung, wurde mir zum Beispiel erklärt.

Was ist das Kreativste, das Ihnen untergekommen ist?

Vor allem ältere Menschen haben einen unglaublich kreativen Schimpfwortschatz. Bei den Interviews kamen zum Beispiel "Alle Huren sollen ins Feuer brunzen" oder "Ich reiß dich in der Mitte auseinander, dann laufen zwei Kurze herum". Das ist schon fast poetisch.

Aus einem Interview des "Falter" mit der ukrainischen Germanistin Oksana Havryliv, Autorin einer Dissertation über den Wiener Schimpfwortschatz.

Herbst

Zeitwahrnehmung

"... in seiner Schrift 'Über das Alter' hält Jacob Grimm fest, wie subjektiv und veränderlich der Zeitbegriff immer war: 'Unter unsern Vorfahren hergebracht war eine zusagende, progressive Berechnung des Menschenalters, wie sie ein Hausvater den ihm zunächst umgebenden Gegenständen entnehmen konnte. Ein Zaun währt drei Jahre, ein Hund erreicht drei Zaunes Alter, ein Ross drei Hundes Alter, ein Mann drei Rosses Alter. . .'“

(Aus dem Artikel von Frank Schirrmacher in der FAZ vom 30. 10. 2007: Wie das Internet den Menschen verändert -
leicht gekürzte Fassung der Dankesrede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache 2007)

Wortspielerei


































Ein Wortspiel, hier natürlich sehr beliebt...

Heviz (Ungarn)

Freitag, 26. Oktober 2007

Melancholie in der Heide

"Am Buchweizen gähnen vier schwarze Schlünde und vier an den Kartoffeln; das sind Ansitze, die sich der Bauer gemacht hat; von da aus erlegt er die Sauen und das Rotwild, die seine Äcker verwüsten. Hier unter dem struppigen Machangel gähnen lauter silbergraue Sandtrichter; in jedem lauert ein scharfbewaffnetes Ungetüm auf Spinnen und Ameisen, die in den Trichter fallen. Ein grüner Käfer rennt flink über den Sand, in den scharfen Zangen eine Fliege. Zierliche Schwalben fahren über die Heide; ich höre die kurzen Schnäbel knappen; jeder solcher Laut ist der Tod eines Wesens. Aus dem Brombeerbusche klingt ein jammervoller Ton, dünn, fein, aber voll Todesangst; da wickelt die dünne Spinne eine bunte Schwebfliege ein. Überall ist der Tod.

Ich gehe gelassen über die Heide und blase sorglos den Dampf der Pfeife in die Luft; ich gehe und töte im Gehen Pflanzen und Tiere. Das ist nun einmal so. Und wer weiß, ob dicht bei mir nicht etwas auf mich lauert, um mich hinabzuzerren, heute oder morgen oder übermorgen oder einen Tag später. Eigentlich müßte mir das alle Lebenslust nehmen."
Aus: Hermann Löns, Der Heidweg, in ders., Mein braunes Buch

Im Hause meiner niedersächsischen Großeltern hoch geschätzt und verehrt: Hermann Löns, der Heidedichter. Ob es daran lag, dass mein Großvater im Grunde seines Herzens immer ein alter Nazi geblieben war? Oder kam es von der Großmutter her, die aus der Heide stammte? Sie wohnten im weiteren Sinne noch immer am Rande der Lüneburger Heide, und ab und zu gab es Ausflugsfahrten dahin, die etwas von Wallfahrten in heilige Landschaft an sich hatten.

Hermann Löns hat einen sehr verwickelten Lebenslauf mit Ecken und Kanten, einer, der unbedingt ein Schriftsteller sein wollte und es dann doch nur bis zum Journalisten brachte, der von Hannover aus die Landschaft der Lüneburger Heide entdeckte und erwanderte, von den Einheimischen zunächst als Dandy verspottet... Dann aber kam doch der schriftstellerische Erfolg mit Büchern, deren eigentlicher Gegenstand eben jene Landschaft ist.

Hermann Löns gelang es wohl nur durch Beziehungen, zu Beginn des 1. Weltkrieges als Freiwilliger akzeptiert zu werden, er fiel in der Marneschlacht. Die Nachspiele um seinen Leichnam und seine diversen Exhumierungen und Begräbnisse sind eine eigene Geschichte.

Um sein Erbe ließ sich gut streiten. Wandervögel und Nationalsozialisten, aber auch moderne Naturschützer haben in ihm einen Ahnherrn gesehen. Eine schillernde Gestalt, ein großer Dichter sicher nicht, in der Literaturgeschichte heute eine Fußnote wert, ein großer Melancholiker allemal. Manches in seinen Gedichten mutet fast buddhistisch an:

Auch ich, noch jetzt so lebensmunter,
Kein Plan zu kühn, kein Wunsch zu schwer,
Von Westen steigt der Tod herunter,
Ein Ruck, ein Stoß, ich bin nicht mehr;
Und all' mein Jauchzen, all' mein Klagen,
Ein Traum, schon morgen unbekannt,
Mein Schaffen, Dichten, Tun und Sagen,
Es rollt darüber gelber Sand.


Ottakring